ZEIT ONLINE: Steinbrück hat als Beispiel für das mangelnde Verständnis die Mitgliedschaft in der SED genannt. Sehen Sie das auch so?

Thierse: Wenn in der DDR am Ende zwei Millionen Menschen in der SED waren, kann man unterstellen, dass der kleinere Teil das aus echter kommunistischer Überzeugung getan hat. Für die meisten war das ein Akt der Anpassung, des Versuchs, beruflich Karriere zu machen oder diese zu stabilisieren. Das mag man alles nicht mögen. Aber sich anpassen, dem Mainstream hinterherlaufen, das sind menschliche Verhaltensweisen, die es nicht nur in der DDR gegeben hat. Natürlich gibt es einen Unterschied: Diese Verhaltensweisen sind in einer Demokratie unschädlicher. Aber das ist ein Systemunterschied, kein Qualitätsunterschied menschlichen Verhaltens.

ZEIT ONLINE: Sie selbst sind aber weder in die SED oder eine Blockpartei gegangen.

Thierse: Das bedeutete auch eine Kraftanstrengung. Ich habe mich immer als einen Linken empfunden, aber als anti-kommunistischen Linken. Nach meiner Überzeugung ist es der falsche Weg, unter Preisgabe der Freiheit eine gerechte Gesellschaft herzustellen.  

ZEIT ONLINE: Zur Zeit der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann (1976) verloren Sie wegen "unbotmäßiger Reden" Ihren Arbeitsplatz im Kulturministerium der DDR. Wie stark hat Sie diese Erfahrung geprägt?

Thierse: Unser erstes Kind war ein knappes halbes Jahr alt und ich stand plötzlich vor der Situation, rausgeworfen zu sein und das mit einer politisch geradezu verheerenden Beurteilung. Dennoch war das im Grunde kein Bruch. Es war eher eine persönliche Bestätigung. 

ZEIT ONLINE: 1977 kamen Sie an der Ost-Berliner Akademie der Wissenschaften unter, wurden Mitverfasser des "Historischen Wörterbuchs ästhetischer Grundbegriffe". Ihr damaliges Berufsleben haben Sie mal eine "grimmige Idylle der DDR" genannt. Was bedeutet das?

Thierse: Die Akademie der Wissenschaften war eine sehr geräumige Nische – Nische im Sinne von Günter Gaus' Begriff der DDR als Nischengesellschaft. Insofern war das wie ein idyllischer Ort, aber unter widrigen Verhältnissen ringsum. In der SED-Diktatur hat jeder versucht, der nicht überzeugt war von diesem System, einen Überlebensort zu finden.

ZEIT ONLINE: Im Sommer 1990 wurden Sie Parteichef der Ost-SPD und führten die sozialdemokratische Fraktion in der frei gewählten Volkskammer. In der Frage der staatlichen Vereinigung traten Sie zunächst für ein behutsames Tempo ein. Ist damals zu viel Osten auf der Strecke geblieben?

Thierse:  Das mag sein. Aber es gab keine praktikable Alternative. Wir Sozialdemokraten wollten einen schrittweisen Prozess der deutschen Einheit, gestreckt auf drei, vier Jahre. Doch das Tempo der Veränderung beschleunigte sich unerhört. Die wirtschaftliche Basis der DDR brach zusammen, die Bevölkerung wollte schnell zur D-Mark. Auch außenpolitisch war die Unsicherheit groß. Das alles sprach auf eine geradezu brutale Weise für einen schnellen Prozess der Vereinigung. Der Westen erschien einer Mehrheit der DDR-Bürger als Erlösung all ihrer Probleme und Bundeskanzler Helmut Kohl hat diese Stimmung mit großer patriarchaler Geste erfolgreich aufgegriffen.