ZEIT ONLINE: Sprechen wir über aktuelle Politik. Was muss die SPD unternehmen, um die Realos der Linkspartei, die vor allem in den ostdeutschen Landesverbänden sind, für sich zu gewinnen?

Thierse: Das ist ein mühseliger Prozess. Bei allen kulturellen und politischen Gegensätzen, die in der Linkspartei herrschen, wird sie doch zusammengehalten durch die Antipathie gegen die Sozialdemokratie. Der Hass auf die Sozialdemokratie ist gewissermaßen das ideologisch-emotionale Lebenselixier der Linken. Daraus auszuscheren, ist auch für die, die Sie Realos nennen, schwierig. 

ZEIT ONLINE: Das heißt, es liegt nicht an der SPD?

Thierse: Nein. Die SPD kann nur die Politik einer linken Volkspartei machen – und das ist immer Reformpolitik. Das ist nicht die Sehnsucht nach einer Systemalternative. Der SPD geht es darum, innerhalb des Systems immer wieder neu für mehr Gerechtigkeit zu sorgen. Das ist nüchterne Arbeit und befriedigt nicht das utopische Bedürfnis nach radikaler Alternative.

ZEIT ONLINE: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat in einem ZEIT-Interview jeglichen Vergleich der NSA-Abhöraffäre mit der Stasi abgelehnt. Zu Recht?

Thierse: Selbst wenn insbesondere Ostdeutschen im Zusammenhang mit Edward Snowdens Enthüllungen die Stasi einfällt, gibt es doch einen gravierenden Unterschied. Nach allem, was wir bislang wissen, sind die gesammelten Informationen nicht dazu verwendet worden, Menschen zu zerstören. Das war ja eine Aufgabe der Stasi: Informationen zu sammeln, um Menschen "zu zersetzen". Das hören wir bisher nicht. Ich hoffe, das bleibt so.

ZEIT ONLINE: Reicht die Kontrolle der Geheimdienste aus? Ist das Parlamentarische Kontrollgremium im Bundestag das geeignete Instrument?

Thierse: Bezogen auf die deutschen Dienste ja, bezogen auf die US-amerikanischen Geheimdienste offensichtlich nicht. Deswegen muss zusammen mit einem Freihandelsabkommen mit den USA ein Datenschutzabkommen verhandelt werden. Dazu gehört auch die Kontrolle der Geheimdienste.  

ZEIT ONLINE: Herr Thierse, Sie waren sieben Jahre lang Präsident und acht Jahre lang Vizepräsident des Bundestages. Welche parlamentarische Reform muss kommen?

Thierse: Das Parlament muss man immer ein bisschen reformieren, ohne zu glauben, den ganz großen Wurf zu schaffen. Wir müssen erreichen, dass wir eine vernünftige Verteilung der Arbeit haben. Es muss nicht alles, auch das Unwichtigste, formell im Plenum verabschiedet werden. Manche Dinge, beispielsweise erste Lesungen von Anträgen oder Gesetzentwürfen, können genauso gut in öffentlichen Ausschusssitzungen stattfinden.    

ZEIT ONLINE: Wie kann das Plenargeschehen lebendiger, weniger vorhersehbar gestaltet werden?

Thierse: Beispielsweise funktioniert das Instrument der Regierungsbefragung nicht richtig. Da funkt es nicht. Das ist ein bisschen langweilig und mühselig. Da müsste man etwas tun, beispielsweise den Chef oder die Chefin der Bundesregierung persönlich befragen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie Angst, nach Ihrem Abschied aus dem Parlament in ein Loch zu fallen?

Thierse: Nein, ich bin der gelassenen Überzeugung, dass ich mich nicht langweilen werde. Ich habe mich auch vor der Politik nicht gelangweilt, warum soll es jetzt anders sein.