Es wärmt mir das Herz, wenn die Deutschen in diesen Tagen regelrechte USA-Fans werden. Wenn sie Edward Snowden, den letzten aufrechten Ami, für seinen Mut und seine Rechtschaffenheit loben. Wir sind auch stolz auf ihn. Trotzdem frage ich mich, warum wir immer alles Tolle mit den Deutschen teilen müssen. Haben sie denn keine eigenen Whistleblower?

Immerhin ahnen wir ja, dass die deutschen Geheimdienste ganz ähnliche Dinge tun wie die amerikanische NSA. Schon einen Tag nachdem herauskam, dass die NSA Telefonverbindungsdaten nach auffälligen Mustern durchsucht, zeigte sich, dass Deutschland zu diesen Daten oder zumindest zu den Ergebnissen der Spionage Zugang hat. Offenbar ist der BND aber zu faul, das eigene Volk selbst auszuhorchen, er lässt die Amis die Drecksarbeit machen. Zahlt Deutschland eigentlich für diese Informationen, oder kommt der amerikanische Steuerzahler dafür auf – sozusagen ein Spionage-Soli?

"Whistleblower ja, aber nicht bei uns" – das hat in Deutschland offenbar Tradition. Als Helmut Kohl 1998 mit Hinweis auf sein Ehrenwort ablehnte, die Spender der "schwarzen Kassen" bei der CDU zu nennen, rückte niemand mit den Fakten heraus. Oder noch früher, als 1979 der damalige BKA-Präsident Horst Herold die Daten des Einwohnermeldeamts mit denen der Stadtwerke im gesamten Raum Frankfurt verglich, um nach der RAF zu fahnden: Kein besorgter Beamter informierte die Öffentlichkeit, dass die Daten unbescholtener Bürger gesichtet werden; hierzulande nennt man diese Prozedur Rasterfahndung, in Amerika nennen wir es Prism.

Nun ist auch der ernste Vorwurf laut geworden, Amerika höre Einrichtungen der Europäischen Union ab. Allerdings: Laut einem amerikanischen Geheimdienstler betreiben alle Länder der westlichen Welt auf solche Weise Politik- und Wirtschaftsspionage untereinander – also auch Deutschland. Doch noch fand sich kein Whistleblower, der diese Information verifizieren konnte.

Ein wenig übertreibe ich schon. Hin und wieder gibt es natürlich deutsche Whistleblower. Gerade neulich hat die Mitarbeiterin der Hamburger Arbeitsagentur Inge Hannemann auf den unmenschlichen Umgang der dortigen Mitarbeiter mit den Hartz-IV-"Kunden" hingewiesen und wurde dafür umgehend freigestellt. Das ist schon eine große Sache, auch wenn Ecuador sich immer noch nicht dazu geäußert hat, ob sie dort politisches Asyl bekommt oder nicht. Doch die Whistleblower, die einen ganzen Staat bloßstellen, kommen nicht aus Deutschland.