Serie Wahlbeobachter : Ihre Stimme zählt nicht

Sie leben in Deutschland, dürfen aber nicht wählen. Sie sind zu jung oder laut Pass Ausländer. ZEIT ONLINE gibt Nichtwählern im Wahlkampf eine Stimme. Vier Porträts

Eine Schülerin, eine spanische Journalistin, ein Unternehmer mit Flüchtlingspass und ein Kioskbesitzer aus der Türkei: Vier Menschen, die in Deutschland leben, aber bei der Bundestagswahl am 22. September nicht abstimmen dürfen. Um ihre Stimmen kämpft keine Partei. Weil sie zu jung sind oder keinen deutschen Pass haben. ZEIT ONLINE befragt in der neuen Serie Wahlbeobachter regelmäßig Menschen, die von der Bundespolitik ausgeschlossen sind, wie sie über den laufenden Wahlkampf denken.

Bülent Kilic, 34 Jahre, Kioskbesitzer

© Andreas Prost

Bülent Kilic lebt schon seit fast einem Jahrzehnt in Deutschland, zahlt hier seine Steuern und schafft als Unternehmer eines Kiosks in Berlin-Neukölln Arbeitsplätze. Über die Verwendung der Steuern darf er trotzdem nicht entscheiden. "Hätte ich keinen ausländischen Pass, würde ich wählen, denn dort, wo ich lebe und arbeite, möchte ich auch etwas zu sagen haben", sagt der 34-Jährige.

Kilic ist in der Türkei geboren und hat dort Volkswirtschaftslehre studiert. 2004 zog es ihn in die Bundesrepublik, weil er in einem innovativen, freien Land leben wollte, wie er sagt. Er wollte hier ein Masterstudium beginnen. Da sein Grundstudium nicht angerechnet wurde, begann er nochmal von vorne. Ausländer lebten in diesem Land ständig unter Druck, sagt er: "Was passiert, wenn ich mich scheiden lasse oder krank werde? Mir bereitet das Kopfzerbrechen." 

Von der Politik wünscht er sich ein neues Aufenthaltsgesetz und Wahlrecht auch für Ausländer. "Es sollte möglich sein, nach zehn Jahren in Deutschland hier auch wählen zu dürfen."

Politik ist für Kilic ein ständiger "Ausgleich zwischen den Kräften". Er würde Peer Steinbrück wählen, da nach einer konservativen eine sozialdemokratische Legislaturperiode sinnvoll sei: "Wir haben lange gespart, jetzt kommen wieder die Menschen dran." Außerdem ist Steinbrück Finanzexperte. So jemand wie er wisse also, wie mit einer Finanzkrise umzugehen sei.

Was würde er Bundeskanzlerin Merkel fragen, wenn er mit ihr sprechen dürfte? "Viele Menschen mit Migrationshintergrund wählen die SPD, nicht die CDU. Mich würde interessieren, wie sie sich das erklärt."  

María Prieto-Vázquez, 28 Jahre, Journalistin

© Andreas Prost

Wahlbeobachtung ist der Job der Spanierin María Prieto-Vázquez. Als Journalistin berichtet sie seit drei Jahren für einen spanischen Privatradiosender über deutsche Politik, also hauptsächlich über "Frau Merkel", wie die 28-Jährige sie nennt. 

"Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Bundestagswahl für die Spanier wichtiger ist als für die Deutschen", sagt Prieto-Vázquez, die in Berlin lebt. Spanien stehe, so wie der Rest Europas, still, im Stand-by-Modus, und warte gespannt auf das Ergebnis der Wahl in Berlin. Obwohl sich laut Prieto-Vázquez jeder Spanier einen Machtwechsel wünscht, kennt niemand den Gegenkandidaten Peer Steinbrück. "Es ist auch nicht leicht, einen Unterschied zwischen Merkels CDU und der SPD zu erkennen." Das wäre auch ihre Frage an Steinbrück: Warum spielt die Sozialdemokratie in Deutschland und Europa keine Rolle?

Was würde sie Merkel sagen, wenn sie die Möglichkeit hätte, mit ihr zu sprechen? "Sie spricht immer von Wettbewerbsfähigkeit. Aber das ist für uns mit weniger Gehalt und Rechten für die Mitarbeiter verbunden." Merkel ist bei ihren Landsleuten sehr unbeliebt, sie selbst mag die Bundeskanzlerin. Sie sei sehr nett und hätte Charisma. 

Und Steinbrück? "Er sieht den Menschen nicht in die Augen. Er ist vielleicht ein guter Politiker, aber keine Führungsperson." Würde die Spanierin Merkel am 22.September auch wählen? "Eigentlich nicht. Sie kann ein Land zwar führen, aber politisch bin ich eher links und bin für Gleichberechtigung und pro Homo-Ehe."

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Kommentare

32 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Ja,...

Man munkelt, dass die intensive Berichterstattung über Schröder in Gummistiefeln beim "Jahrhundert"-Hochwasser dem Stoiber das Wahlergebnis vermasselt hat.

Schade, dass das Hochwasser schon da war und nicht erst kurz vor der Wahl kommt, damit man Angie mit Tatkraft gegen die FLuten kämpfen sieht.
Ach sorry, ich vergaß, dass Merkel sowieso wieder Kanzlerin wird, denn entweder reicht es mit der FDP oder die SPD wird sich als Steigbügelhalter anbiedern...