Sommerwahlkampf: Kanzlerin Angela Merkel auf Werbetour in Heringsdorf auf der Insel Usedom © Reuters/Fabrizio Bensch

Deutschland scheint es ziemlich gut zu gehen. Es herrscht ein Hochsommer, wie wir ihn lange nicht mehr hatten, und wir können es uns leisten, uns wochenlang über das Ausspähen unserer Internet- und Telefondaten zu erregen, als wäre das völlig neu und von Geheimdiensten nicht zu erwarten.

Aber das Thema eignet sich nun einmal wunderbar als Sommerloch-Skandal: Was die Agenten von NSA, BND und anderen mit all unseren Daten machen, die viele so bereitwillig wie ahnungslos im Internet verbreiten, erfahren wir zwar nicht. Aber es gibt wenigstens klare Feindbilder, wenn man die vielen User-Kommentare und Leserbriefe liest: eine finstere Supermacht USA, eine willfährige Bundesregierung, eine ebenso unfähige Opposition.

So kann es noch Wochen weitergehen. Denn andere, drängendere Themen scheint es in diesem merkwürdigen Sommerschlaf-Bundestagswahlkampf nicht zu geben. Die Euro-Krise? Schlummert vor sich hin. Erschreckend viele Menschen in Deutschland bekommen Niedriglöhne? Schlimm, aber das hören und lesen wir ebenfalls seit Jahren. Der Verteidigungsminister wusste wahrscheinlich noch früher als zugegeben von dem Drohnen-Debakel? Dachten wir es uns doch! In Ägypten droht ein Bürgerkrieg, in Syrien wird er immer heftiger? Tja – aber was können wir schon tun?

So prallen viele wichtige Geschehnisse und Entwicklungen an uns ab. Stattdessen sind Zeitungen, Nachrichtensendungen und Websites voll mit immer neuen Enthüllungen, Analysen, Interviews und Kommentaren zur NSA-Affäre.

Andere Fragen bleiben offen

Aber sind die anderen Fragen, die wir derzeit fröhlich ignorieren, wirklich so irrelevant?

Nur ein paar Beispiele: Wie sieht es wirklich mit der Euro-Krise aus? Kommt das dicke Ende nicht erst noch, wenn die Bundestagswahl vorbei ist, zum Beispiel in Form eines zweiten Schuldenschnitts für Griechenland, für den wir Steuerzahler aufkommen müssten und der die Finanzmärkte und die Euro-Zone in neue Turbulenzen stürzen würde? Brauchen wir einen Mindestlohn? Bleibt es bei der Rente mit 67? Wie wird die Neuverschuldung endlich gestoppt: durch Einsparungen oder höhere Steuern? Wie geht es weiter mit der Energiewende und den Strompreisen? Wie schaffen wir bezahlbaren Wohnraum in den Städten?

Auf all das und vieles mehr hätte man schon gerne Antworten von den Parteien und Spitzenpolitikern. Sicher, manches davon steht in ihren Wahlprogrammen. Aber wer liest die schon, und wer glaubt überhaupt noch den Politikern, dass sie nach der Wahl umsetzen, was sie versprochen haben?

Nicht ablenken lassen

Doch so leicht sollten wir es uns nicht machen. Wahlen ändern eh nichts, egal was ich wähle? Die Politiker machen sowieso, was sie wollen? Wenn das so wäre, könnten wir uns von der Demokratie gleich verabschieden. Und dann brauchen wir uns über die Politik auch nicht mehr zu empören.

Nein: Wir alle sind und bleiben das Volk! Und so wie wir oder andere in unserem Namen zu Recht Aufklärung über die Geheimdienstoperationen verlangen, so sollten wir genauso klare Aussagen zu anderen drängenden Problemen einfordern. Gerade im Wahlkampf. Selbst in diesem Super-Sommer.