Serie Wahlkampfzeiten : Niemand sprach 1969 über das wirkliche Ziel

Eine sozial-liberale Koalition war im Wahlkampf 1969 kein Thema – zumindest in der Öffentlichkeit. Brandts Rede in der Wahlnacht brachte die Überraschung.

Wahlkämpfe starten in der Regel nicht erst in den letzten Wochen oder Monaten vor dem Wahltag. Vor der Bundestagswahl 1969, die zum ersten richtigen Regierungswechsel in der alten Bundesrepublik führen sollte, begann der Wahlkampf im Grunde bereits an Ostern 1968. Ein rechtsradikaler Wirrkopf hatte den linksradikalen Studentenführer Rudi Dutschke niedergeschossen – Dutschke schwebte zwischen Leben und Tod. Es drohten überaus explosive Ostertage. Da wandte sich der sozialdemokratische Justizminister Gustav Heinemann in einer klugen Fernsehansprache an die aufgewühlte Öffentlichkeit und mahnte eindrucksvoll zur Besonnenheit.

Mit einem Mal geriet das politische Kartenspiel ins Rutschen, denn nach dieser Rede hatten viele den Eindruck, Gustav Heinemann könnte gut der nächste Bundespräsident werden. Bis dahin war unter den Bedingungen der seit 1966 regierenden Bonner Großen Koalition zwar für möglich gehalten worden, dass nach Theodor Heuss und Heinrich Lübke erstmals ein Sozialdemokrat in das höchste Staatsamt aufrücken könnte, auch um das Regierungsbündnis aus CDU/CSU und SPD zu stabilisieren. Gedacht hatte man zunächst an Verkehrsminister Georg Leber, der auch auf Stimmen aus der Union hätte rechnen können. Heinemanns imposanter Auftritt machte aber nun ihn zum Mann der Stunde. Nicht freilich für die Union, die weder seinen Rücktritt aus dem ersten Kabinett Adenauer noch seinen Wechsel zur SPD – wenn auch auf Umwegen – vergessen hatte.

Eine Kandidatur Lebers wäre eine konsensträchtige Aktion gewesen – Heinemann war ein potenzieller Sprengsatz für die Große Koalition, ein Wetterleuchten am Horizont: Zum ersten Mal rückte ein echter Machtwechsel in den Bereich des Möglichen, obwohl führende Sozialdemokraten wie Herbert Wehner und Helmut Schmidt das Risiko für viel zu hoch hielten und bis zuletzt eine Fortsetzung der Großen Koalition befürworteten, um das Wahlvolk besser an die SPD und die SPD besser an die Regierungsrolle zu gewöhnen. 

Robert Leicht

leitete das Politikressort der ZEIT und wurde später ihr Chefredakteur. Heute ist er politischer Korrespondent der Zeitung.

Mit Heinemanns Rede war die bundespolitische Lage aber unversehens mit Spannung aufgeladen – und unterschwellig der Wahlkampf 1969 eingeleitet. Allerdings dauerte es noch über ein Jahr, bis am 23. Mai 1969, vier Monate vor der Bundestagswahl, der neue Bundespräsident gewählt wurde. Wie zu erwarten kam es zu einer Kampfabstimmung zwischen dem CDU-Kandidaten Gerhard Schröder und Heinemann. Es blieb spannend und knapp bis zum Schluss. Denn Schröder, Verteidigungsminister in der Großen Koalition, war zu seiner Wahl auch auf die Stimmen der in der Bundesversammlung vertretenen NPD angewiesen, Heinemann benötigte die Stimmen der oppositionellen FDP, auf die manche in der SPD als neuen Koalitionspartner hofften. Ich erinnere mich, wie wir in einer Redaktionssitzung am Radio gebannt die Abstimmungen verfolgten, bis Heinemann endlich im dritten Wahlgang mit sehr knappem Ergebnis gewählt war.

Möglich geworden war dies nicht zuletzt dadurch, dass Walter Scheel, seit 1968 FDP-Vorsitzender, seine Wahlmänner und -frauen fest hinter Heinemann zu scharen verstand. Hätte er ihnen schon damals offenbart, dass er für die Bundestagswahl wenige Monate später auf eine sozial-liberale Koalition spekulierte, seine Partei und die Wahl Heinemanns wären geplatzt.

Heinemann selbst nannte seine Wahl ganz offen ein Stück "Machtwechsel" – und rückblickend war sie es auch. Diese Phantasie beflügelte nun den Wahlkampf, obwohl niemand offen über eine mögliche sozial-liberale Koalition sprach. Die SPD nicht, weil – wie  gesagt – die Mehrheit ihrer Anführer weiter auf die Große Koalition setzte; die FDP nicht, weil das Projekt auf ihrem rechten Flügel auf massiven Widerstand gestoßen wäre, was sich nachher, nach der Regierungsbildung, auch bald bestätigen sollte. So verdankte dieser Wahlkampf seine ganze Spannung der Tatsache, dass niemand offen über das geheime Ziel redete: den ersten vollständigen parlamentarischen Machtwechsel in der 20 Jahre jungen – und doch schon alten – Bundesrepublik.

Und noch lange bis in die Wahlnacht hinein sah es so aus, als werde dieses Ziel wieder nicht erreicht. Kurt Georg Kiesinger, der amtierende Kanzler, nahm bereits die Glückwünsche des amerikanischen Präsidenten zum Wahlsieg entgegen, als Hans-Dietrich Genscher hintenherum seinen Freund Helmut Kohl wissen ließ, was wir alle gegen Mitternacht von Willy Brandt erfuhren: Er wolle, das habe er eben mit Walter Scheel besprochen, mit der FDP regieren und Kanzler werden, ungeachtet der knappen Mehrheitsverhältnisse, was nicht nur die Union auf dem falschen Fuß erwischte, sondern auch die übrige SPD-Spitze.

So endete der Wahlkampf, der bereits Ostern 1968 begonnen hatte – und der heftige Machtkampf um und gegen die sozial-liberale Koalition konnte nach Brandts Vereidigung beginnen. Der endete erst mit der Wiederwahl 1972.

Verlagsangebot

Die Macht der Vorurteile

Vorurteile prägen unseren Alltag. Woher sie kommen. Wem sie nützen. Und warum man sie so schwer loswird. Jetzt in der neuen ZEIT.

Hier lesen

Kommentare

13 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Wenig Aussagekräftig

Natürlich finden Sie in jeder Partei, die lange genug existiert Zeiten in denen Fehler gemacht wurden. Sie können jetzt der KPD vorwerfen, dass sie nach dem Krieg die SPD zur SED (heute die Linke) zwangsvereinigt hat und ihr eigenes Volk eingesperrt und auf dieses geschossen hat. Sie können den Grünen vorwerfen, nicht genug gegen Pädophile aus den eigenen Reihen gemacht zu haben. Auch die Agenda von Schröder und Co hatte nicht nur Schattenseiten - vergleichen Sie einfach mal die Jugendarbeitslosigkeit der Versicheidenen europäischen Länder Europas.

Hallo maxmusterfrau

"Vergleichen Sie die Jugendarbeitslosigkeit innerhalb Europas."

Was hat denn die Jugenarbeitslosigkeit mit der SPD-Politik zu tun?
Geburtenschwache Jahrgänge strömen ins Berufsleben und ein wesentlich größerer Anteil dieser Jugend geht an Unis , fertig.
Wissen Sie, wieviele der Jugendlichen nach abgeschlossener und bestandener Prüfung sofort im NIedriglohnsektor (bei einer der 18500 Leiharbeitsfirmen) landet? Fast alle bekommen nur befristete Anstellungen (dank SPD-Politik) .

Nein, die ehemalige Arbeiterpartei ist zu einer marktkonformen unternehmerfreundlichen Partei geworden. Schröder machte daraus auch keinen Hehl. Mit Maßanzug und Kubazigarre von seinem "lupenreinen" Freund Putin im Mundwinkel, repräsentiert er die SPD des 21. Jh.

Die Lohnquote ging um 8 Prozent zurück. Im Gegenzug stieg die Gewinnquote. Mehr als 1 Billion pro Jahr wurde der ARbeiterschaft genommen und den Kapitalhaltern gegeben (Zwischen 2000 und 2008).
Jetzt sind es nur noch 5 Prozent, die man den Arbeitern genommen hat.
Aber auch das ist noch nicht die Wahrheit. Denn nun müssen sich 41 Millionen Arbeiter dieses Einkommen teilen, gegenüber früher ca. 38 Millionen.
"Die Unternehmen müßten investieren!
Schauen Sie sich die Investitionquoten der letzen 15 Jahre an.
Ins Privatvermögen gingen die Gewinne, nicht in zusätzliche Investitionen.
Die FDP Wahlprogrmm 2005 : Die Höhe des Lohnes sollte in das Ermessen der Arbeitgeber gestellt werden.
Die SPD hat es verwirklicht.
siehe Statisti. Bundesamt.

Der gute Herbert Wehner war Großkoalitionär, bis ihn die

Umsatände veranlasst hatten, umzuschwenken. Ebenso wie Schmidt hielt er die Mehrheit für zu fragil.
Willy Brandt mag nicht der Typ gewesen sein, der im Kabinett auf den Tisch gehauen hatte, mithin wurde ihm Führungsschwäche unterstellt. Aber sein Mut, im richtigen Moment zuzugreifen, sich nach Rücksprache mit Walter Scheel am Wahlabend auf SPD/FDP festzulegen, war vorbildlich - und wäre von keinem anderen so an den Tag gelegt worden.
Das Buch "Machtwechsel" von Arnulf Baring gibt mMn gute Einblicke in die damaligen Abläufe, die ich liebend gerne bewusst miterlebt hätte.