Ein Jahr wie dieses hat es in der innenpolitischen Geschichte der Bundesrepublik vorher und danach nicht mehr gegeben: das Wahljahr 1972. Es war das dritte Jahr der sozialliberalen Koalition, deren Kanzler Willy Brandt bei Amtsantritt das konservative Justemilieu mit den Worten schockiert hatte: "Wir stehen nicht am Ende unserer Demokratie, wir fangen erst richtig an." Mit diesem Anfang wollten CDU/CSU und deren Verbündete in Wirtschaft und Gesellschaft nun gleich wieder Schluss machen.

So wurde 1972 zu einer Achterbahn der Ereignisse und Emotionen. Der politische Höllenritt begann mit dem gescheiterten Misstrauensvotum der CDU/CSU gegen Brandt am 27. April. Die Erleichterung von SPD und FDP dauerte nur 24 Stunden. Einen Tag nach dem parlamentarischen Überlebensakt – mithilfe von zwei gekauften Stimmen, finanziert aus der DDR, wie man heute weiß – bekam die Regierung keine Mehrheit für ihren Haushaltsentwurf. Die Folge: vorzeitige Auflösung des Bundestags, Neuwahlen und Streit innerhalb der Regierung, der zum spektakulären Rück- und Parteiaustritt des populären SPD-Wirtschafts- und Finanzministers Karl Schiller führte. Er, damals ein "Superstar" der deutschen Politik, kritisierte kurz darauf in gemeinsamen Anzeigen mit dem CDU-Veteran Ludwig Erhard, dem legendären "Vater des Wirtschaftswunders", die Regierung. Ein Alptraum für die Koalition.

Im Sommer folgte der palästinensische Anschlag auf die israelische Olympia-Mannschaft in München. Drei Wochen vor der Wahl entführte schließlich ein PLO-Kommando eine Passagiermaschine der Lufthansa. Die Kidnapper forderten die Freilassung jener drei Attentäter, die den katastrophal gescheiterten Versuch, die israelischen Geiseln auf dem Flugplatz von Fürstenfeldbruck zu befreien, überlebt hatten. Die Bundesregierung gab nach. War die Wahl damit gelaufen?

Unerwarteter Erfolg

Am 19. November erreichten die Sozialdemokraten, entgegen den Erwartungen, mit 45,8 Prozent der Zweitstimmen das beste Wahlergebnis ihrer Geschichte. Sie stellten zum ersten Mal die stärkste Fraktion im Bundestag. Die damals noch linksliberale FDP hatte sich mit 8,4 Prozent stabilisiert. Willy Brandt, der wenige Monate zuvor beinahe gestürzt worden war, konnte nach diesem Triumph gestärkt weiter regieren und sich daran machen, seine neue Ostpolitik und die innenpolitischen Reformen fortzusetzen.

Die CDU mit ihrem Kanzlerkandidaten Rainer Barzel, der sich schon im Kanzleramt gewähnt hatte, war demoralisiert, zusammen mit ihren Partnern aus Wirtschaft und Industrie, die der Union mit enormem finanziellen Aufwand im Wahlkampf zur Seite gestanden hatten. So kam dieses annus mirabilis zu einem überraschenden Abschluss.

Sensationell war vor allem die Basis der abrupten Machtverschiebung: die Wahlbeteiligung von einmaligen 91,1 Prozent. Der Historiker Karl-Dietrich Bracher sprach von einem Plebiszit. Ein CSU-Politiker in München verglich im ersten Schrecken die hohe Beteiligungsquote mit den undemokratischen Verhältnissen der DDR. Und die Allensbacher Strategin Elisabeth Noelle-Neumann, die demoskopische Grande Dame im Freundeskreis der Union, schrieb später in einem Rückblick auf dieses politische Erdbeben: "Mit 1972 wird sich so bald kein Wahlkampf mehr vergleichen lassen."

In der Tat: Die Kampagne 1972  war die Mutter aller Wahlkämpfe. Verglichen damit erleben wir in diesem Jahr einen veritablen Sommerschlaf. Parallelen könnte es allenfalls in einem geben: Im Sommer 1972 hätte kaum jemand auf einen Sieg der SPD gesetzt, geschweige denn auf einen Erfolg in dieser Dimension. Brandt und seine Koalition standen mit dem Rücken zur Wand, ihre Gegner gerierten sich, als ginge es um die Rettung des Abendlandes. Der Kanzler und seine Regierung des ostpolitischen "Ausverkaufs" und der Verträge mit Warschau, Moskau und des Grundlagenvertrags mit der DDR, die zudem unter "sozialistischer" Führung Arbeitsmarktimpulsen Vorrang vor Inflationsbekämpfung gab und mit neuen Visionen von "Lebensqualität" und "Umweltschutz" den Menschen den Kopf verdrehte, sollte weg.