Wahlkampf 1990 : Eine Wahl ohne Wahlkampf

Im Jahr der Einheit verdrängte die Realität den üblichen Parteienstreit. Lafontaine sprach ehrlich – und hatte mit seiner Skepsis keine Chance gegen Kohl.

Wirklich verstanden, was passiert, habe ich seinerzeit nicht. Zwar war 1990 die Rede von einem "Wahlkampf", dem ersten in der vereinigten Bundesrepublik, aber der fand nicht wirklich statt. Ost- und Westdeutschland trennten – nicht Welten, aber doch 40 Jahre. Eine Minderheit im Westen dachte "postnational", eine Minderheit im Osten träumte von etwas ganz Neuem, Gemeinsamem.

Der Riss ging durch die Parteien im Westen, besonders tief bei SPD und Grünen. Dem Osten war alle Parteipolitik letztlich fremd. Nichts passte, wie wunderbar das war! Man stelle sich vor: Die Opposition behauptete, Helmut Kohl im Kanzleramt ablösen zu wollen, aber ihr Kandidat Oskar Lafontaine setzte gar nicht auf Sieg. Er sagte, was er dachte.

Am 25. April zückte die verwirrte Adelheid Streidel während eines Wahlauftritts von Oskar Lafontaine ein Küchenmesser, das sie in einem Blumenstrauß verborgen hatte, und traf den Kanzlerkandidaten an der Halsschlagader – er war dem Tode näher als dem Leben. Am 12. Oktober 1990 zielte der psychisch verwirrte Dieter Kaufmann bei einem öffentlichen Auftritt knapp zwei Monate vor der Bundestagswahl mit einer Smith&Wesson auf Wolfgang Schäuble, damals Bundesinnenminister, und verletzte ihn am Kiefer und am Rückenmark, das Opfer blieb seitdem querschnittsgelähmt.

Die beiden Attentate, die das Leben von Lafontaine und Schäuble veränderten, lassen auch etwas von der existenziellen Atmosphäre erahnen, in der "Wahlen" stattfinden sollten. Nichts war Performance, alles war live. Die Realität beherrschte das Jahr, radikal. Ende November 1989 war Kohl mit seinem legendären Zehn-Punkte-Plan vorgeprescht und hatte sich ziemlich genial an das Tempo der Entwicklung angepasst. Er sprach vorsichtig von konföderativen Strukturen, vergaß allerdings, Polens Westgrenze zu erwähnen. Er wollte den Beitritt, keine Abstimmung über die Vereinigung und keine neue Verfassung. Den Ostdeutschen versprach er "blühende Landschaften", ohne, dass die Westdeutschen große Opfer dafür leisten müssten. Ein Unwahrheitsgebirge!

Gunter Hofmann

Gunter Hofmann war Chefkorrespondent der ZEIT in Berlin.
 

Den Realitäten ging, auf andere Weise, auch der Kandidat der Opposition aus dem Weg. Strikt weigerte sich Lafontaine, sich zu verbiegen, auch auf vielfache Nachfrage, ob er denn nicht Freude über die wiedergewonnene Einheit empfinde, erwiderte er spröde, er freue sich über die "Freiheit", die nun auch den Ostdeutschen zuteil würde – um dann gleich wieder laut über Kohl und seine "vadderländischen" Gesänge zu spotten, leise aber auch über Willy Brandts patriotisches Strahlen. Mit einem Umtausch der Ostmark eins zu eins und einer überstürzten Währungsunion werde man Ostdeutschlands Industrie über Nacht zerstören, warnte er (womit er Recht behielt).

Natürlich lavierte Lafontaine. Sein "Jein" zum Staatsvertrag zum Beispiel ging grandios daneben. Worin er aber Kurs hielt: Er wollte keinesfalls aus taktischen Gründen die "nationale Karte" ziehen.

Stattdessen drückte er eine bundesdeutsche Befindlichkeit aus, oder genauer: die Mentalität einer jüngeren Generation, die glaubte, von der "deutschen Frage" (Lafontaine) dürfe man sich nicht den Blick auf die wahren Prioritäten, auf die Jahrhundertfrage Ökologie beispielsweise, verstellen lassen. Ostdeutschlands Integration wurde heruntergestuft zum sozialen Problem. 

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Kommentare

44 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Aus meiner Sicht ja

man kann ja nicht beweisen, wie es gelaufen wäre aber eine Chance, dass die PDS das Rad in der DDR wieder zurückgedreht hätte und spätestens mit Putins Hilfe auch die Grenze wieder dicht gemacht hätte wäre aus meinerSicht schon existent gewesen.
Für mich war die Wiedervereinigung auch eine Selbstverständlichkeit. Auch in Staaten wie Korea halte ich sie für eine erstrebenswerte Selbstverständlichkeit.

Das ist ihre meinung

ich habe meine Meinung ja auch als eigene Meinung kundgetan, nicht als absolute Wahrheit.
Es ist nunmal so, dass man nie mit Sicherheit sagen kann, wie die Geschichte in einem anderen Fall verlaufen wäre.
Für mich wäre da ein Restrisiko gewesen, daher bin ich froh, dass Kohl die historisch einmalige Chance am Schopf ergriffen hat. Auch nach unserem Schriftwechsel halte ich meine Gründe für das Restrisiko stichhaltiger als ihre Gründe, dass es auch mit zwei Deutschlands geklappt hätte.
Darüberhinaus hat dies zum damaligen Zeitpunkt dem Wunsch einer überragenden Mehrheit der Deutschen Mitbürger entsprochen.

Hallo nigromontanius

Als die Mauer fiel, gingen fast so viele Menchen von West nach Ost wie umgekehrt. Es war die Zeit der Goldgräber. So manches Stück Land, oder so manches Stück Marktanteil wurde erbeutet.
"Die Wirtschaft" profitierte vom Untergang der DDR Mehr als die Menschen, die man mit Freiheit geködert hat und die man heute in den Niedriglohnsektor und die Armut entlässt.
"Man muß keine DM mehr in Lira oder FF der Schilling umtauschen", oder: "Keine Grenzkontrollen mehr - freie Durchfahrt für freie Bürger". Tolle Schlagworte. Daß das neue Europa eine "Marktkonforme Demokratie" sein würde, daß das neue Europa eine massive Vermögensumverteilung von arm nach reich bringen sollte, daß Lohndumping zum Regelfall werden soll in dem geminsamen Europa, sagten uns weder Kohl noch Merkel (noch Shröder)
Das Europa, das man uns in Aussicht stellte und das Europa, daß man schuf, waren ganz unterschiedliche Dinge.
Die europäischen Vermögen sammeln sich bei einer kleinen Elite an und der Staat haftet für die Forderungen dieser Elite geamtschuldnerisch.
Jedes Kind, daß geboren wird, kommt mit Schulden auf die Welt und muß auf Konsum verzichten bis es als alter Mensch stirbt. Ein paar Kinder kommen mit enormen Vermögen auf die Welt und werden diese Vermögen weiter vererben.
Es darf nicht sein, daß zu viele Menschen sich Vermögen erarbeiten und vererben. Dann würde irendwann das System zusammenbrechen. Daß alle von Zinsen und Dividenden leben und nichts arbeiten geht nur in der Theorie.

So ähnlich - oder genauso

sehe ich das auch.

Wobei ich irgendwann gelernt habe, dass ein schwieriger, durch mich auch heute noch nicht vollständig einzuschätzender Faktor, die außenpolitische Lage gewesen sein muss.

(Eigentlich, von dem her, war der Zeitpunkt für die deutsche Einheit ideal. Weil: Die Amerikaner hätten möglicherweise nie einem vereinten Deutschland ohne NATO, als neutralem Staat, zugestimmt. Und die CDU, wer weiß, vielleicht auch nicht? Also brauchte man einen Zeitpunkt, wo die UDSSR auf der einen Seite kaputt genug ist, um zu allem Ja und Ahmen zu sagen - aber auf der andern Seite noch mit Gorbatschow - wem sonst - als Staatschef. Auf jeden Fall wäre es keine gute Idee gewesen, bis nach dem kommunistischen Putsch zu warten - der hätte schließlich auch gelingen können.)