Zwei Szenen aus Hessen in dieser Woche. Thorsten Schäfer-Gümbel steht auf einer Baustelle in Mörfelden-Walldorf und bearbeitet einen Wähler. Aber der Wähler will nicht so recht, verschränkt die Arme, grummelt etwas über Rente mit 67 und Enttäuschungen. "Wir haben Fehler gemacht, das wollen wir jetzt korrigieren", sagt der SPD-Spitzenkandidat zum Mann im abgeschlissenen Jeanshemd und den schweren, vom Dreck verkrusteten Arbeitsschuhen. Wenn man ihn, den 61-jährigen Polier Bernhard Stein, dann fragt, ob er der SPD noch zutraut, Politik für ihn zu machen, dann überlegt er einige lange Sekunden und sagt dann: "Eigentlich nicht, da ist zu viel kaputt gegangen. Aber gut, dass die sich zumindest mal hier zeigen."

Ein Tag später, 70 Kilometer weiter nördlich. Volker Bouffier sitzt auf einer Burg, zündet sich ein Zigarillo aus einem silbernen Metalletui an, zieht einmal kräftig, und sagt dann: "Ich brauch’ da ein Papier von Euch, dann kriegen wir das schon hin." Die drei älteren Männer vom Förderverein Burg Gleiberg nicken schnell und erfreut, ein Papier also nur, dann klappt das mit den Fördermitteln für die Restauration ihres Burghofs. Der Ministerpräsident trinkt noch schnell einen Kaffee mit ihnen, lobt ihren Einsatz und überhaupt die Schönheit dieser Gegend, er komme ja schließlich selbst von hier, dann zahlt seine Frau für alle ("nimm’ die blaue Karte", ruft Bouffier ihr zu) und beide düsen in einer schwarzen Limousine davon.

Während Deutschland zwischen der Hoffnung auf einen echten Bundestagswahlkampf und einer "Merkel gewinnt ja sowieso"-Langweile schwankt, ist es in Hessen tatsächlich spannend. Hier, wo am gleichen Tag wie im Bund gewählt wird, liegen Schwarz-Gelb und Rot-Grün Kopf an Kopf, in der jüngsten Umfrage erreichen beide Lager 44% der Stimmen. Hier kämpfen CDU-Ministerpräsident Volker Bouffier und SPD-Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel um die Macht. In der Mitte Deutschlands ist es spannender als irgendwo sonst.

"Heimat" oder "harte Arbeit"

In diesen Tagen fahren beide durch ihr Bundesland, "Sommertour" nennen sie das, und wer sie dabei begleitet, erkennt schnell: Es geht bei dieser Wahl auch um die Frage, was für einen Typus Politiker die Hessen haben wollen. Den Zigarillo-Bouffier, dessen ganzes Auftreten vor allem sagt: Ich hab' das schon im Griff. Oder den fleißigen Schäfer Gümbel, der an diesem Tag mindestens fünf mal demütig sagt: "Wir haben aus unseren Fehlern gelernt." Den Ministerpräsidenten, der am Dienstag unter dem Motto "Heimat, Brauchtum, Tourismus" unterwegs war, oder den Herausforderer, der "Respekt vor harter Arbeit" vermitteln will.

Zuerst aber sind solche Sommertouren natürlich eine jener absurden Politiker-Routinen. Es kehrt sich, wenn man selbst dabei ist, bald etwas um. Es ist dann so, als sei man nicht mehr selbst unterwegs, sondern als zöge die Welt an einem vorbei. Hessen-Zapping. Wie Kulissen schieben sie sich hinter die Politiker, die Burgen und Denkmäler (Bouffier), die Backstuben und Altenheime (Schäfer-Gümbel). Es kommt nicht an auf sie, es kommt nur darauf an, wofür sie stehen. Für Heimat (Bouffier) oder Maloche (Schäfer-Gümbel). 

So sorgsam die Orte für diese Botschaften ausgesucht sind, so passend sind auch die Personen gecastet. Auf einer Wiese vor einem umgebauten Kloster wartet eine Gruppe älterer Damen und erzählt dem Ministerpräsidenten etwas atemlos vor Aufregung, wie sie hier ehrenamtlich die Rosenstöcke pflegen. Im Airbus auf dem Frankfurter Flughafen berichten die ausländischen Putzkräfte im gebrochenen Deutsch dem SPD-Kandidaten von ihrer harten Arbeit. Das alles, diese Personen, Orte und Themen sind real, aber sie sind doch auch nur das, wovon die Mitarbeiter der beiden Politiker vorher entschieden haben, dass es zu ihren Chefs passt. Das sie sich dort sehen lassen sollten. Weil alles geplant ist, passiert dann auch nichts Überraschendes. Man erlebt auf diesen Sommertouren die Welt also so, wie sich die Politik sie sich vorher zurechtgelegt hat.