Auslandsdeutsche besuchen in der Regel kein Wahllokal, sondern wählen per Briefwahl. ©Andreas Rentz/Getty Images

Jede Woche erhebt die Wahlforschung in Deutschland Zahlen, die im Idealfall die politische Stimmung der 61,8 Millionen Wahlberechtigten wiederspiegeln. Diese Erhebungen sind auf der Website des Bundeswahlleiters öffentlich einsehbar. Manchmal werden sie in Form von Balken- oder Kreisdiagrammen veröffentlicht. Die Öffentlichkeit interessieren sie allerdings kaum.

So weit, so bekannt. Doch 2013 kommt – weitgehend unbeachtet – eine unberechenbare Variable hinzu: Mit der 21. Änderung des Bundeswahlgesetzes hat der Bundestag einer bislang nicht berücksichtigten Gruppe potenzieller Wähler den Gang zur Wahlurne geebnet: den sogenannten Auslandsdeutschen.

Auslandsdeutsche, dieses umständlich-bürokratische Determinativkompositum, das sich mehr nach Ausschluss als nach Teilnahme anhört, beschreibt Menschen wie mich und viele andere, die lange genug im Ausland gearbeitet, gewohnt und gelebt haben – und die mit mehr oder weniger konkreten Gedanken spielen, ihren Lebensmittelpunkt vielleicht irgendwann mal nach Deutschland zurückzuverlagern.

Bislang war Auslandsdeutschen die Teilnahme an der Bundestagswahl nur eingeschränkt möglich, und nach mehr als zehn außerhalb Deutschlands verbrachten Jahren gar nicht mehr. Die neue Regelung weitet die Frist auf 25 Jahre aus.

Kein Wahlfrust bei Deutschen im Ausland

Aber wie viele von uns gibt es eigentlich? Dazu kann das Statistische Bundesamt auch auf schriftliche Anfrage hin leider keine Auskunft geben: Es liegen keine Schätzungen zur Anzahl von im Ausland lebenden Deutschen vor, da keine Meldepflicht bei deutschen Vertretungen im Ausland besteht. Tatsächlich kennt mich die Botschaft in London auch nur von panischen Anrufen zum Verlust des Reisepasses.

Hilfreicher ist da schon das Statistische Amt der Europäischen Union (Eurostat). Es beziffert die im europäischen Ausland lebenden Deutschen auf 1,14 Millionen (2010). Eine Gruppe von Wahlberechtigten vom Einwohnerumfang der Stadt Köln wird den Ausgang der Bundestagswahl nicht maßgeblich beeinflussen.

Warum dann dieser Artikel? Will ich damit dem wahrscheinlich hoffnungslos überarbeiteten Personal der Bürgerämter gegenüber meine "persönliche und unmittelbare Vertrautheit mit den politischen Verhältnissen in der Bundesrepublik Deutschland" verdeutlichen? Den Nachweis darüber hat der Auslandsdeutsche im Einzelfall nämlich zu erbringen, will er denn ins Wählerverzeichnis eingetragen werden. Deutsche Zeitungen zu lesen reicht da nicht aus. Einen deutschen Pass zu haben übrigens auch nicht.

Oder will dieser Artikel beanstanden, dass der Bundestag auch nach dieser begrüßenswerten Änderung des Wahlrechts nicht zur Kenntnis nimmt, dass unsere EU-Nachbarländer das Wahlrecht ihrer Bürgerinnen und Bürger im Ausland weit weniger restriktiv handhaben?

Auch. Vor allem aber soll dieser Artikel ein Aufruf an alle Mit-Auslandsdeutschen sein, an dieser Bundestagswahl teilzuhaben. In Deutschland mag sich Wahlfrust breitmachen, aber nicht unter Deutschen im Ausland. Bei meinen deutschen Kolleginnen und Kollegen in Großbritannien ist die Resonanz auf diese neue Möglichkeit der Teilnahme enorm: "Ärgere mich schon seit Jahren, ausgeschlossen zu sein", höre ich, oder "Habe heute meinen Wahlscheinantrag abgeschickt". Politikverdrossenheit geht anders.