Die Töne kommen einem bekannt vor, die Begleitmusik auch. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich nennt die steigende Zahl an Asylbewerbern in Deutschland alarmierend, sein CDU-Fraktionskollege Wolfgang Bosbach klagt, in vielen Kommunen seien die "Grenzen der Belastbarkeit" erreicht. Ähnlich klang es schon einmal in den 1990er Jahren, als der damalige CDU-Generalsekretär Volker Rühe und andere verkündeten: "Das Boot ist voll." Und auch jetzt demonstrieren wieder Anwohner und Rechtsextremisten vor Asylunterkünften, wie gerade in Berlin-Hellersdorf.

Dabei schien das "Asyl-Problem" lange so gut wie gelöst. Nachdem sich Union und SPD 1993 darauf geeinigt hatten, das Grundrecht auf Asyl faktisch abzuschaffen, sank die Zahl derer, die in Deutschland Schutz vor Verfolgung suchen, kontinuierlich. Kamen 1992, auf dem Höhepunkt der nicht nur von Konservativen seinerzeit beschworenen "Asylantenflut", noch mehr als 438.000 Flüchtlinge, stellten 2007 nur noch 19.164 Menschen einen Erstantrag auf Asyl. Kein Wunder. Denn seit dem Asylkompromiss mit der umstrittenen Drittstaatenregelung und durch die Abschottung der EU-Außengrenzen erreichten immer weniger Flüchtlinge deutschen Boden. Und die, die es dennoch schaffen, haben wenig Chance, als asylberechtigt anerkannt zu werden, oder werden in die Staaten zurückgeschickt, in denen sie zuerst gelandet waren.

Trotz der Abwehrmaßnahmen steigen die Zahlen seit einigen Jahren wieder. Von Januar bis Juni beantragten 48.524 Menschen in Deutschland Asyl, fast 75 Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2012. Im Juli waren es 8.408, mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Bei Jahresende werden insgesamt 100.000 Asylsuchende erwartet.

Flüchlingszahlen nehmen weltweit zu

Dieser Anstieg ist allerdings nicht überraschend. Denn ein Großteil der Flüchtlinge kommt aus Ländern, in denen Gewalt, Terror und Bürgerkriege herrschen, die meisten aus dem Nordkaukasus, Syrien und Afghanistan. Dahinter folgen weitere Krisenstaaten wie Iran, Irak, Pakistan oder Somalia. Und da sich die Situation nicht nur, aber gerade in diesen Ländern und Regionen verschärft hat, nimmt die Zahl der Flüchtlinge weltweit zu.

Asylpolitik - Wohin mit den Flüchtlingen? ZEIT-Redakteurin Andrea Böhm über die EU-Flüchtlingspolitik Laut dem UN-Flüchtlingskomissariat waren im Jahr 2012 weltweit 45 Millionen Menschen auf der Flucht. ZEIT-Redakteurin Andrea Böhm über bewusste und unbewusste Missverständnisse und Fehleinschätzungen in der Asylpolitik auf deutscher und europäischer Ebene.

Die deutsche Politik hätte also gewarnt sein können und sich rechtzeitig darauf einstellen müssen. Stattdessen haben sich Bundesregierung, Länder und Kommunen offenbar darauf verlassen, dass es dauerhaft bei geringen Asylbewerberzahlen bleibt. Nun suchen die Städte und Gemeinden händeringend nach Unterkünften und klagen über die steigenden Kosten. Und da sie auf die Schnelle oft nur Behelfsquartiere in Gegenden finden, in denen die sozialen Probleme ohnehin schon groß sind, nehmen auch die Proteste dagegen zu, die Rechtsextreme und Ausländerfeinde für sich nutzen.

Konservative Politiker bringt das wiederum dazu, wie der CSU-Innenminister scheinheilig zu argumentieren, man müsse "die Sorgen der Bevölkerung" ernst nehmen, "damit die menschenverachtende Propaganda der Neonazis keinen Erfolg hat". So etwas kommt in Wahlkampfzeiten immer gut an, wenn man Stammtische erobern möchte.

Die Regierung hat das Problem aber noch auf andere Weise selber verstärkt. Denn das Innenministerium und das zuständige Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), das die Asylanträge bearbeitet, haben die Personalplanung offenkundig nach den niedrigen Zahlen vor sechs oder sieben Jahren ausgerichtet. Die Folge: Die Bearbeitung der Anträge dauert immer länger, und umso länger müssen die Bewerber untergebracht und verpflegt werden. Flüchtlinge aus Somalia zum Beispiel müssen inzwischen im Schnitt mehr als 15 Monate warten, bis über ihren Antrag entschieden wird.