Hellersdorfer Asylbewerber : Eingekesselt zwischen Fremdenhass und Begrüßungsplakaten

Neonazis haben erneut gegen ein Asylbewerberheim in Berlin-Hellersdorf protestiert und trafen auf ihre Gegner. Die Stadt will dort weitere Flüchtlinge unterbringen.

Durch den Hintereingang hatten sie ihr neues Zuhause am Vortag betreten müssen. Nun stehen einige der ersten Bewohner der neuen Asyl-Unterkunft in Berlin-Hellersdorf an ihren Fenstern, und lugen, halb verborgen, hinter zurückgeschobenen Vorhängen hervor. Die Fenster öffnet keiner von ihnen. Draußen bahnt sich eine zumeist schwarz gekleidete Menge aus Gegnern der rechtsextremen NPD die Straße entlang den Weg zum U-Bahnhof Hellersdorf – vorbei an eintönigen DDR-Plattenbauten und brachliegenden Wiesen. An den Straßenecken stehen einige Anwohner in Freizeit-Kleidung und schauen dem Zug mit regungsloser Mimik nach.


Marzahn-Hellersdorf – ein Problembezirk im Osten der Hauptstadt, wird künftig etwa 200, auf längere Sicht sogar 400 Flüchtlingen in einem neuen Asylheim vorübergehenden Unterschlupf bieten. Die ersten waren dort gestern unter Protesten von Anwohnern und Rechten eingezogen. Aus Angst vor Übergriffen waren diese 42 Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan, darunter sieben Kinder, gezwungen, durch die Hintertür einzuziehen.

Von Anfang an Ziel rechter Stimmungsmache

Seit klar ist, wofür das ehemalige Schulgebäude in der Carola-Neher-Straße zukünftig genutzt werden soll, regt sich unter Nachbarn und Anhängern rechter Vereinigungen Widerstand. Die rechtsextreme NPD hatte Mitte Juli bei einer Informationsveranstaltung gegen die neue Notunterkunft gehetzt. Die auf Facebook anonym agierende "Bürgerinitiative Marzahn-Hellersdorf", die auch von Rechten unterstützt wird, diffamiert seitdem im Internet die Flüchtlingsunterkunft.

Neonazi-Proteste gegen Asylbewerberheim in Berlin-Hellersdorf

Erst Anfang August war es im Zuge eines Aufmarsches der "Bürgerinitiative Marzahn-Hellersdorf" zu zwölf Festnahmen gekommen. Einer der Teilnehmer hatte dabei den verbotenen Hitler-Gruß gezeigt.

Dennoch hat die NPD auch für heute legal mehre Veranstaltungen anmelden können. Etwa 40 Anhänger der Partei haben sich an diesem Dienstagabend für eine Kundgebung gegen die Notunterkunft auf dem Alice-Salomon-Platz versammelt, direkt beim U-Bahnhof Hellersdorf. Etwa 600 Gegendemonstranten halten ihnen Transparente entgegen und skandieren gegen die Fremdenfeindlichkeit der NPD.

Polizei verspricht verstärkten Schutz

Der sichtbare Teil der NPD-Veranstaltung besteht aus drei bis fünf Männern und Frauen, die ein Transparent mit der Aufschrift "Heute sind wir tolerant, morgen fremd im eigenen Land" in die Höhe halten. Dahinter stehen unter jungen, welken Kastanienbäumen ein paar weitere Anhänger herum, flankiert von 250 Polizisten. Ein Straßenschild verweist auf die nur gute zwei Kilometer entfernten "Gärten der Welt" – ein Erholungsgebiet aus DDR-Zeiten, das internationale Gartenkunst präsentieren und damit auch zur Völkerverständigung beitragen soll.

Von Völkerverständigung aber halten die NPD-Anhänger wenig. Als von einer Laterne NPD-Plakate abgerissen werden, springt eine der NPD-Veranstalterinnen stolz lächelnd auf einige Polizeibeamte zu. Sie wolle Anzeige erstatten, sagt sie.

Viel mehr wird sie an diesem Abend nicht tun können. Ihre Rede, bestehend aus ins Mikro gebrüllter Empörung über das Asylantenheim, wird von der lauten Menge der Gegendemonstranten verschluckt. Schließlich gibt sie auf.

Sieben Gegendemonstranten werden von der Polizei im Laufe der Abends festgenommen, unter anderem wegen Landfriedensbruchs. Die Stimmung sei "emotional geprägt", sagt Polizeisprecher Stefan Redlich. Dennoch verteidigt er die Veranstaltung als legal: "Die Polizei schützt das Versammlungsrecht, nicht das Thema der Versammlung." Die Asylbewerber in der Unterkunft würden derweil "verstärkt geschützt". Was das genau bedeute, dürfe er aus Sicherheitsgründen nicht sagen.

Auch am Mittwoch soll es Demonstrationen von Rechten und Linken in Hellersdorf geben. Die Bürgerbewegung pro Deutschland sowie die SPD und die Linke wollen auf die Straßen gehen. Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund DGB plant dort eine Protestaktion. Knapp 22.000 Menschen (Stand 20. August, 23 Uhr) haben eine Onlinepetition gegen rechte Stimmungsmache unterzeichnet und sich zu der geplanten Flüchtlingsunterkunft in Hellersdorf bekannt. Die Facebook-Seite "Hellersdorf hilft Asylbewerbern"  setzt sich ebenfalls für die Flüchtlinge ein.

Das Heim gerät zum Wahlkampfthema

So gerät das Heim mit jedem Tag mehr zum Politikum, was teilweise willkommenen ist – sowohl den rechten als auch den linken Gruppen. "Das geht niemals gut mit dem Heim in dieser Gegend", sagt einer der Gegendemonstranten. Es sei tragisch, dass das Thema gerade so gut in den Wahlkampf passe und auf dem Rücken der Asylbewerber ausgetragen werde.

Die Unterkunft zu räumen, plant der Bezirk aber trotz des Risikos für ihre Bewohner nicht. Alle bestehenden 30 Unterkünfte seien restlos überfüllt, hatte das Landesamt für Gesundheit und Soziales Ende Juli mitgeteilt. Darum brauche die Stadt das Gebäude in Hellersdorf dringend.

"Wir belegen diese Einrichtung weiter", hatte Sozialsenator Mario Czaja (CDU) kürzlich bekräftigt. Es seien weniger die Anwohner als Rechtsextremisten, die gegen die Flüchtlinge Stimmung machten. Berlin dürfe sich "nicht von rechtsextremen Rattenfängern instrumentalisieren lassen".

Die Bewohner der Unterkunft beruhigt das offenbar nicht. Nachdem am Montagabend fünf der 47 gerade erst eingezogenen Bewohner das Heim verlassen haben, soll sich am Dienstag eine Familie mit dem Wunsch nach Verlegung gemeldet haben.

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Kommentare

107 Kommentare Seite 1 von 12 Kommentieren

Im Bezug auf viele Bürger und Rechtspopulisten

mag das was Sie schreiben ja zutreffen, und ich gebe Ihnen auch recht, daß linke Gewalt oft verharmlost wird, aber die NPD und ihre direktes Umfeld hetzt. Ich habe mir mal den Spaß gemacht und was auf vielen Seiten der Partei und ihrer Unterstützer und außer Hetzen gibt es nichts anderes dort, was mit dazu einfällt. Außer man nimmt die Videoklipps mit Ostperußen, NS und Wehrmachtsromantik: Ansonsten ist es Haß und Hetze.