FDP : Brüderle will nicht mehr nur Kopfball spielen

Ein gebrochener Arm und ein gebrochenes Bein hielten den FDP-"Spitzenstürmer" von Wahlkämpfen ab. Jetzt ist Brüderle zurück, sanfter als zuvor.
Rainer Brüderle, Fraktionsvorsitzender der FDP ©Kai Pfaffenbach/Reuters

Da ist er wieder. Punkt 18.30 Uhr betritt Rainer Brüderle den Tagungsraum eines Maschinenbaubetriebs im baden-württembergischen Remshalden. Ohne Krücken – die trägt sein Wahlkampfmanager unauffällig hinterher. Brüderle läuft voraus, setzt noch ein wenig vorsichtig ein Bein vor das andere. Aber sonst wirkt er wie immer. "Gut geht’s", ruft der FDP-Spitzenkandidat fröhlich in die Kameras, die ihn von oben bis unten abfilmen: "Wahlkampf ist die beste Medizin."

 

Es ist Brüderles erster öffentlicher Auftritt seit Langem: Am 14. Juni war der Spitzenkandidat nach einem Abendessen mit Freunden über eine Treppenstufe gestürzt – und hatte sich Arm und Bein gebrochen. Er musste in der Mainzer Uniklinik operiert werden

Brüderles Unfall fiel in den beginnenden Bundestagswahlkampf – äußerst unangenehm für ihn, der für den Sommer bereits zahlreiche Auftritte geplant hatte und viele davon absagen musste. Nach Remshalden wollte er eigentlich Anfang Juli kommen. Jetzt hat der Mainzer das nachgeholt. Schließlich ist der mittelständisch geprägte Speckgürtel von Stuttgart eine der liberalen Hochburgen – bei der Bundestagswahl 2009 fuhr die FDP im Wahlkreis Waiblingen beachtliche 20,7 Prozent der Zweitstimmen ein. Damals führte noch Guido Westerwelle die Liberalen im Wahlkampf an.

260 Termine im Gepäck

Vier Jahre später hat der aktuelle Spitzenkandidat Brüderle vier Tage Krankenhaus und wochenlange Reha hinter sich. Nach eigenem Bekunden hat es den 68-Jährigen genervt, dass die Genesung so lange dauerte. Der Spitzenkandidat, der sich gerne "Spitzenstürmer" der FDP nennt, sagt, er habe in der letzten Zeit wahlkampftechnisch leider "eher Kopfball gespielt". Das werde sich nun ändern. Seine Partei dürfte aufatmen: Bei fünf Prozent liegt die FDP, kämpft also weiter um den Wiedereinzug in den Bundestag. Nach der monatelangen Berichterstattung über Streitereien in der Parteiführung müssen die Liberalen in den kommenden Wochen dringend ihre potenziellen Wähler motivieren. Nicht nur mit Interviews, so wie sie Brüderle vom Krankenbett gab. Nein, mit persönlicher Präsenz. "Etwa 30 Prozent der Wähler entscheiden sich in den letzten vier Tagen", sagt Brüderle hoffnungsfroh. 260 Termine hat er jetzt vor sich.

Bei der Premiere,  unter liberalen Freunden in Remshalden, hält Brüderle eine humorvolle Rede, die von den rund 150 Zuschauern immer wieder mit Lachern quittiert wird. Er lässt es menscheln, berichtet von seinem Vater, der ein kleines Textilunternehmen in Mainz hatte: "Wir wussten immer, wenn wir uns um die Kunden nicht kümmern, wird es Weihnachten eng". Ausführlich lobt der Kandidat den deutschen Mittelstand, von dem sich die Welt etwas abgucken konnte – und geißelt das Zug-Chaos in Mainz. Bahn-Chef Rüdiger Grube, befindet Brüderle, könne ja mal ein Praktikum bei dem Maschinenbauer machen, in dessen Konferenzraum man sich heute Abend zusammengefunden hat. In Unternehmensführung. Wieder Lacher im Publikum.

Im Wahlkampf will die FDP auf ihre "Brot- und Butter-Themen" setzen, wie der Kandidat sie nennt: Mittelstandsförderung und Freiheitsrechte. "Ich bin ein Vertreter der klassischen FDP", sagt Brüderle. Leistung müsse sich lohnen. "Wer das Abitur bereits mit der Geburtsurkunde ausgehändigt bekommt, der wird kein Leistungsträger." Und: Wer im Aufsichtsrat eines Unternehmens sitze, habe "nicht nur die Pflicht, die Lachsbrötchen zu essen, sondern mitzureden".

Die FDP sei nicht immer bequem. Aber das mache sie aus. Ohne den Widerstand der Liberalen in der Regierungskoalition gebe es in Europa jetzt Eurobonds und einen Altschuldentilgungsfonds. "Ich lehne es ab, in Haftung genommen zu werden für die Entscheidungen, die die Griechen getroffen haben." Auflagen der Troika müssten erfüllt werden. "Wir sind hilfsbereit, aber nicht blöd", ruft Brüderle – und erhält für diese drastische Formulierung besonders viel Applaus.

Wahlkampf im Plauderton

Erwartungsgemäß  bekommen es auch die Grünen ab, der liebste politische Feind der FDP. Statt an die Menschen zu glauben, wollten die Grünen ihnen alles verbieten. Das sei doch menschenfeindlich. An diesem Punkt seiner Rede schreit Brüderle fast, wie man es von seinen Parteitagsreden kennt. Die Zuschauer merken jetzt, dass seine Stimme von den Strapazen der vergangenen Wochen noch etwas mitgenommen ist.

Das bekannte Brüderle-Stakkato findet an diesem Abend nicht statt. Er plaudert eher, erzählt leise, ironische Anekdoten zu den Wahlkampfthemen. Seine Rede ist an vielen Stellen inhaltlich differenziert, zum Teil unentschlossen. "Kein Land hat so eine tolle parlamentarische Kontrolle der Geheimdienste wie Deutschland", sagt er zur aktuellen NSA-Affäre. Dann aber auch: "Ich will kein Urteil über Snowden sprechen, ich finde es gut, dass wir jetzt diese Debatte haben." Brüderle will die Rechte der Kontrollkommission im Bundestag weiter verbessern – eine indirekte Misstrauensansage an die deutschen Geheimdienste. Er betont aber auch: "Jeder vernünftige Staat hat einen Nachrichtendienst". Dennoch gehe es nicht darum, "unter jedes Bett" eine Wanze zu setzen.

Der FDP-Fraktionschef redet gut 45 Minuten. Zum Abschluss gibt es warmen Applaus für ihn. Und einen "Schwarzen Peter" – das ist ein aus den örtlichen Trauben gewonnener guter Tropfen für den Mainzer Weinliebhaber.

Einige Zuhörer stehen noch zusammen, als der Stargast schon lange abgereist ist. "Sanfter als sonst, fand ich ihn", sagt eine Frau. "Aber richtig gut." Ein Problem wird den Spitzenkandidaten allerdings weiter begleiten: seine etwas undeutliche Art zu reden. In der Ecke stehen drei betagte Damen. "Ich habe ihn streckenweise überhaupt nicht verstanden", sagt eine enttäuscht zu ihrer Begleiterin.


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Kommentare

26 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Ein Lied ein lied!!!

Jawolllll Kameraden!!
und jetzt stehen wir alle auf und singen gemeinsam ein Lied...

"Heute hier, morgen dort
Bin kaum da, muss ich fort
Hab' mich niemals deswegen beklagt
Hab' es selbst so gewählt
Nie die Jahre gezählt
Nie nach Gestern und Morgen gefragt

Manchmal träume ich schwer
Und dann denk' ich es wär'
Zeit zu bleiben und nun
Was ganz And'res zu tun
So vergeht Jahr um Jahr
Und es ist mir längst klar
Dass nichts bleibt
Dass nichts bleibt, wie es war......

Weitermachen!!!!!
Für die Freiheit, für Rum und Ehre!

Und Sitzen!!!

"Eigene" Leistung gefragt!

"schon mal an die Leistung des Erblassers gedacht"
Mein Vorredner hat das schon erwähnt: Es geht um die eigene Leistung, nicht die des Elternhauses. Außerdem ist nicht jedes vererbbare Vermögen einer wirklichen Leistung zu verdanken, sondern Konsequenz unseres Steuersystems und der (fehlenden) Regulierungen - wer schon reich ist, muss das Geld ja nur ,arbeiten' (völlig falscher Begriff) lassen. Und wer reich erbt, kann zwar, muss im Gegensatz zum Nicht-Erber aber nicht viel Leistung bringen.

"gerade die Grünen [...] ihre Kinder in die Privatshcule steckt [...] aber gearde diese angeblichen GErechtigketisfanatiker trinken Wein und predigen Wasser..widerlich."
Vorneweg: Ich bin kein Wähler der Grünpartei. Aber ich gehe mal davon aus, dass sie auf Privatschulen auch verdammt viele FDP-Kinder sehen werden.
Zu den Gerechtigkeitsfanatikern: Angesichts der Entwicklungen in D. hinsichtlich Wohlstand (jaja, ich weiß, bei einer der Einkunftsarten gibt es angeblich eine Konvergenz zu beobachten) täte unserem Land ein wenig mehr "Gerechtigkeit" im Sinne von Gleichheit gut.