ZEIT ONLINE: Colin Crouch, bald wählt Deutschland eine neue Regierung. Sie fordern, dass sich die Politik vom Neoliberalismus verabschiedet. Welche Rolle spielt dabei der Ausgang der Wahl?

Colin Crouch: Die einzige deutsche Partei, die den neoliberalen Kurs der vergangenen Jahre vollständig fortsetzen will, ist die FDP. Falls es zu einer Neuauflage der jetzigen Regierung kommt, wird ein weiteres Mal der neoliberale Schwanz der FDP mit dem Hund der Christdemokraten wedeln und nicht andersherum. Auf diese Weise kann der Ausgang der Wahl durchaus als Gradmesser für die Popularität des Neoliberalismus in Deutschland verstanden werden.

ZEIT ONLINE: Woran machen sie fest, dass der Neoliberalismus immer noch einflussreich ist?

Crouch: Die regierende politische Elite glaubt, dass der Markt weiterhin das richtige Steuerungsinstrument ist. Das grundsätzliche Problem ist, dass die neoklassische Wirtschaftstheorie zu einer politischen Ideologie umgeformt wurde, obwohl sie für diese Rolle nicht angemessen ist. Deshalb erscheint heute jede Art von Regulierung als Gefahr – auch wenn sie dringend nötig wäre.

ZEIT ONLINE: Werden aber nicht gerade seit der Finanz- und Euro-Krise strengere Regulierungen gefordert?

Crouch: Im Moment wollen das in der Tat konservative wie linke Parteien. Was tatsächlich geschieht, bleibt abzuwarten. Klar ist, dass der Neoliberalismus so stark ist und weiterhin verteidigt wird, weil seine Profiteure stärkere Beweggründe haben als diejenigen, die ihn verändern wollen. Viel wichtiger ist jedoch, dass sie für ihre Lobbyarbeit die nötigen Ressourcen haben. Die Logik der Politik beruht auf Macht, nicht auf der klügeren Argumentation.

ZEIT ONLINE: Wie kann es also gelingen, die Machtverhältnisse zu kippen?

Crouch: Wir brauchen politische Kräfte, die vereint auf die Fehlentwicklungen im System hinweisen. Wenn Konzernlobbys in der Lage sind, wirtschaftliche Macht in politische umzumünzen und so Entscheidungen zu bestimmen, werden sie zur Gefahr für die Gesellschaft. Am deutlichsten wird das bei den von ihnen verursachten Umweltschäden, die nicht in die Kostenrechnung der verantwortlichen Unternehmen einfließen. Deshalb fordere ich eine durchsetzungsfähige Sozialdemokratie, einen Zusammenschluss politischer Bewegungen und Parteien. Diese müssen den Mut haben, in den Ablauf kapitalistischer Marktwirtschaft einzugreifen. Grüne Parteien und Umweltschutzbewegungen verstehen das Ausmaß des Problems voll und werden so zu den wichtigsten Verbündeten der Sozialdemokratie.

ZEIT ONLINE: Warum sollten ausgerechnet Grüne und Sozialdemokraten dafür taugen?

Crouch: Sie sind zusammen eine politische Macht, die sich zwar der Marktwirtschaft verbunden fühlt, gleichzeitig jedoch die Unzulänglichkeiten des Marktes erkennt und sich kritisch mit ihm auseinandersetzt. Dabei sind Parteien und soziale Bewegungen keine Alternativen. Beide werden gebraucht, um die Teilnahme am formalen demokratischen System mit einer wirksamen Mobilisierung der Bürger zu verbinden.

ZEIT ONLINE: Bei den letzten Wahlen hatte die SPD mit 23 Prozent ihr historisch schlechtestes Wahlergebnis und heute, kurz vor der nächsten Bundestagswahl, sehen die Umfragewerte kaum besser aus. Was läuft schief?

Crouch: In Deutschland ist die politische Linke gespalten, wobei Die Linke koalitionsunfähig bleibt. Und die SPD muss wie auch Labour in Großbritannien eingestehen, dass sie zu lange das neoliberale Wirtschaftssystem akzeptiert und die Gesellschaft nach dem Markt ausgerichtet hat. Im Ergebnis wuchs die Macht multinationaler Konzerne, insbesondere in der Finanzwelt. Jetzt muss die SPD ihre alte Stammwählerschaft zurückgewinnen und neue Wege finden, mit der Bevölkerung in Verbindung zu treten. Sie muss all die politischen Kräfte vereinen, die gegen die Auswüchse der neoliberalen Wirtschaft ankämpfen. Sozialdemokraten waren immer dann stark, wenn es ihr Hauptanliegen war, die Interessen derjenigen zu vertreten, für die der Markt selbst keine Sicherheit bot. Daraus gingen konkrete Konzepte hervor: Sozialversicherungen, ein öffentliches Gesundheitswesen, ein ausgebautes Bildungssystem, eine umfassende Pflege- und Daseinsvorsorge. Heute organisiert der Staat seine Aufgaben zunehmend über den Markt.