Am 8. Oktober 2009 wird der Euro Hawk in einem Hangar von Northrop Grumman in Palmdale, Kalifornien, das erste Mal gezeigt. © Northrop Grumman

Noch nie war es möglich, den Verlauf eines gescheiterten Rüstungsprojektes so präzise nachzuzeichnen wie im Fall der Aufklärungsdrohne Euro Hawk: ZEIT ONLINE liegt eine umfangreiche Aktensammlung vor, Zehntausende Seiten mit Studien, Verträgen, E-Mails und Gesprächsnotizen aus dem Verteidigungsministerium und den beteiligten Unternehmen – insgesamt mehr als 80 Gigabyte Daten. Es sind die gleichen Akten, die dem Untersuchungsausschuss des Bundestages zur Verfügung gestellt wurden, um den Fall Euro Hawk zu untersuchen. Ein Team von sechs Journalisten hat dieses Konvolut ausgewertet und eine Auswahl besonders lesenswerter Passagen online gestellt. In drei Teilen erzählt ZEIT ONLINE das Drama vom Aufstieg und Sturz einer Drohne. Dies ist der 2. Teil.

Bunter Nebel umweht die Zukunft der deutschen Luftwaffe. Euro Hawk, die erste Riesendrohne der Bundeswehr, präsentiert sich der Welt. Rund 300 Deutsche und Amerikaner, Ingenieure und Soldaten, feiern am 8. Oktober 2009 in einem Hangar des Rüstungsunternehmens Northrop Grumman in Palmdale, Kalifornien, den Roll-out, die Fertigstellung des unbemannten Fliegers.

Es ist das erste Modell der Global-Hawk-Serie, das für einen anderen Staat gefertigt wurde. Von seinen amerikanischen Brüdern, die seit Jahren für die U.S. Air Force im Kriegseinsatz über dem Irak oder über Afghanistan kreisen, unterscheidet sich der Euro Hawk vor allem in zwei Details: dem Eisernen Kreuz auf dem Rumpf und der taktischen Nummer 99+01.

Doch Kennzeichen und Nummer sind eine Mogelpackung. Sie tun so, als sei die Drohne ganz normal zugelassen. Davon kann keine Rede sein. Mindestens einer der Deutschen in der Halle weiß das: ein Inspekteur der Wehrtechnischen Dienststelle 61 der Bundeswehr (WTD 61). Er ist nicht wegen der Zeremonie gekommen. Der Ingenieur will vielmehr in einem anderen Hangar einen Global Hawk der US-Luftwaffe inspizieren. Und wissen, wie dort das Triebwerk eingebaut ist.

Nichts symbolisiert stärker den Kulturkampf, den Deutsche und Amerikaner mehr als zehn Jahre um das Projekt Euro Hawk austragen, als dieser Moment: Während die Amerikaner den Stolz ihrer Aufklärungstechnik mit großem Pomp an den europäischen Verbündeten übergeben, muss ein deutscher Inspekteur Detektivarbeit leisten, damit hiesige Vorschriften erfüllt werden. Amerikanischer Pragmatismus steht gegen deutsche Gründlichkeit, geschäftsmäßige Verschwiegenheit des Herstellers gegen den Informationsbedarf der Zulassungsbehörde. Am Ende scheitert das milliardenschwere Rüstungsprojekt auch daran, dass die Militärbürokratien beider Länder ihre Mentalitätsunterschiede nicht überwinden können.

Denn natürlich ist der Prüfer eigentlich wegen des Euro Hawks hier. Doch eine amerikanische Mauer aus Misstrauen zwingt ihn zum Umweg. "Leider können wir aufgrund der Exportbestimmungen keine ausländischen Staatsbürger in unserer Fertigungsstätte akzeptieren", hatte die Firma Tayco, einer der Global-Hawk-Subunternehmer, den Deutschen lakonisch mitgeteilt. Selbst über Veränderungen an der Konstruktion des Triebwerks erhielten die Prüfer vom Hersteller Rolls Royce in Indianapolis keine Dokumentation. Ohne diese Informationen können die Deutschen jedoch nicht entscheiden, ob das neue Fluggerät zugelassen werden kann.

So geht es schon seit 2004. Am 17. August des Jahres unterschreibt der Generalinspekteur der Bundeswehr die "Abschließende funktionale Forderung für das System signalerfassende luftgestützte weiträumige Überwachung und Aufklärung". Das Projekt Euro Hawk ist geboren. Northrop Grumman und der europäische Rüstungskonzern EADS werden aufgefordert, ihre Angebote einzureichen: Northrop Grumman für die Drohne, EADS für die Aufklärungstechnik.

Die Aufsicht über das Projekt soll das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung in Koblenz führen. Mit wenig Personal, teilweise sind der zuständigen Abteilung nur 2,5 Stellen dafür zugeteilt. Diese kleine Beamtenschar bekommt es mit zwei Rüstungsunternehmen zu tun, die es mit der Formulierung ihrer Angebote nicht besonders genau nehmen. Was Northrop Grumman und EADS im März 2005 vorlegen, taugt aus Sicht des Beschaffungsamts nichts. Das Angebot sei "aus kommerzieller Sicht unbrauchbar", "nahezu keine Forderung der Angebotsaufforderung" sei erfüllt, das Ganze "keine Grundlage für einen Vertrag einer deutschen Firma mit der Bundeswehr". Weder haben die Unternehmen genau aufgelistet, was wie viel kostet. Noch wollen sie verraten, welche Bauteile sie einsetzen werden. Das macht es den Beamten unmöglich abzuschätzen, wie teuer das Projekt werden wird.

Vor allem Northrop Grumman gibt sich zugeknöpft. Um jedes Detail wird gefeilscht, und was das Unternehmen preisgibt, ist oft nicht das, was die Deutschen wissen wollen. Völlig unverständlich ist den Amerikanern, warum die Ingenieure der Bundeswehr überhaupt erfahren müssen, wie groß jede Schraube ist und welche Farbe jedes Kabel hat. Amerika führt Krieg. Dafür braucht die Air Force Waffen, und das schnell. Schon die ersten Prototypen des Global Hawk werden in den Einsatz geschickt, obwohl die Drohne da noch gar nicht zu Ende entwickelt ist. Sind neue, bessere Maschinen fertig, fliegen auch sie sofort nach Afghanistan. Denn im Krieg gegen den Terror ist Global Hawk das wichtigste Aufklärungsmittel der Amerikaner. Niemand denkt hier an eine komplexe Luftfahrt-Zulassung. Ausnahmegenehmigungen genügen.