Nur selten ist es Journalisten möglich, ein derart klares Bild von einer Staatsaffäre zu zeichnen. ZEIT ONLINE liegen 372 Aktenordner mit jeweils Hunderten von Seiten vor: vertrauliche Unterlagen aus dem Euro-Hawk-Untersuchungsausschuss, der kommende Woche abschließend tagt.

Ein Team von sechs Journalisten hat die 80 Gigabyte mit Vermerken, Gutachten, E-Mail- und Schriftwechseln gesichtet. In einer dreiteiligen Serie erzählen sie nun das Drama vom Aufstieg und Fall einer Drohne: die ZEIT-ONLINE-Redakteure Kai Biermann, Philip Faigle, Carsten Luther und Karsten Polke-Majewski, der ZEIT-Redakteur Yassin Musharbash und der Verteidigungsexperte Thomas Wiegold. (Teil 1: Ein Traum von einer Drohne.)

Für eine abschließende Bewertung des Konvoluts, das ZEIT ONLINE in anonymisierten Auszügen online stellt, werden sie noch länger brauchen. Einige vorläufige Lehren lassen sich heute schon ziehen.

1. Thomas de Maizière verdient einen Freispruch – zweiter Klasse

Wäre der Minister nicht unnötig unpräziser Aussagen zum Zeitpunkt seiner Kenntnisnahme überführt, er hätte das Debakel womöglich unbeschädigt überstanden. Die Akten belegen, was er beteuert: Nicht in seiner Amtszeit, sondern bereits zu Anfang des Jahrtausends geriet das Drohnen-Projekt in Schieflage. Alle Probleme waren den Handelnden schon damals bekannt. Seither wälzten sie diese – für die Nachwelt gut dokumentiert – um und um.

Der hart kritisierte Thomas de Maizière teilt sich die politische Verantwortung folglich mit seinen Vorgängern Scharping, Struck, Jung und Guttenberg. Keiner der Vier hat das Projekt jemals kritisch geprüft. Keinem von ihnen aber wurde, so legen die Akten nahe, die Lage auch schonungslos vorgetragen.

Wer also tief in den Unterlagen nach einem versteckten Skandal sucht, der findet ihn nach der Lektüre von Zehntausenden Seiten – offen daliegen:

2. Das Bundesministerium der Verteidigung fliegt auf Autopilot

Die Drohnen-Dokumente illustrieren das irritierende Innenleben dieses Ministeriums. Selbst kapitale Projekte werden dort über mehr als ein Jahrzehnt lang unterhalb des Radars politischer Kontrolle geflogen. Manche Protagonisten sind mittlerweile ausgeschieden, ein Hauptverantwortlicher ist ohnehin schwer auszumachen.

Der Fehler liegt im System BMVg. Dieses System, so ist zu befürchten, besteht trotz Reformen fort bis zum heutigen Tag, und es läuft auf der alten Software. Wenn Angela Merkel die Drohnen-Affäre für aufgeklärt hält, dann hat sie nach derzeitigem Stand recht. Die Konsequenz jedoch, ein harter Reset des Ministeriums, steht aus.

3. Und doch: Die parlamentarische Kontrolle funktioniert – endlich

Viel zu spät, nicht konsequent – dafür aber jetzt mit großer Gründlichkeit: Der Pool vertraulicher Informationen, der dem Drohnen-Untersuchungsausschuss für seine Arbeit zur Verfügung stand, ist beeindruckend und für Staatsbürger beruhigend. Es bleibt nur die Frage, wie sich einzelne Abgeordnete in Anbetracht des Daten-Ozeans ein unabhängiges Bild machen konnten. Wir werden aufmerksam begleiten, zu welchem Fazit der Abschlussbericht und die Bundestagsdebatte Anfang September kommen.

4. Whistleblowing ist für eine lebendige Demokratie wichtig

Journalisten und Informanten sehen sich heute selbst in gefestigten Demokratien staatlichen Repressionen ausgesetzt, wenn sie Material besitzen, das Behörden kompromittiert.

Der Schutz von Whistleblowern und Journalisten, die Daten wie etwa die Drohnen-Dokumente der Öffentlichkeit unter teilweise hohem persönlichem Risiko zugänglich machen, gehört heute zu den Aufgaben einer lebendigen Demokratie. Deutschland sollte diesen Schutz rechtsverbindlich garantieren – und zu Europas sicherem Hafen werden.

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