Die Unruhe ist Petra Brunner anzusehen. "Herr Aiwanger kommt in 15 Minuten", sagt die Niederbayerin. Mit anderen Freien Wählern sammelt Brunner an diesem Augusttag in Landshut Unterschriften für das neue Volksbegehren ihrer Partei: Bayerns Schüler sollen künftig zwischen dem acht- und neunjährigen Gymnasium wählen dürfen. Inmitten der mittelalterlichen Altstadt, direkt vor der Sparkasse, haben die Freien Wähler ihren Infostand aufgebaut. Eine perfekte Kulisse für die Partei, die wie ihr Chef Hubert Aiwanger gerne betont, "Politik für Menschen und den Mittelstand und nicht für Großbanken machen". Doch der Star der Freien verspätet sich, nur vereinzelt tragen sich Passanten in die Liste ein.

Als Aiwanger eintrifft, verliert er keine Zeit. Im Akkordtempo und mit Gummibärchen als Lockmittel, spricht er Vorbeigehende an. "Bayernweit läuft das Volksbegehren gut an", sagt der 42-Jährige in Hemd und mit roter Krawatte und spurtet in Richtung einer älteren Frau. Er erkundigt sich, ob sie Enkel habe, was diese bejaht. So ist man sich schnell einig, dass "die Gymnasiasten künftig endlich wieder Zeit für Hobbys und nicht nur Lernstress haben sollen". Aiwanger muss ihr nur noch den Kugelschreiber in die Hand drücken.

Aus Sicht der Freien Wähler (FW) ist das G8 der perfekte Aufreger. Mit dem Volksbegehren hofft Aiwangers Partei auf Schwung für die Landtagswahl am 15. September. 10,2 Prozent erzielte die Partei vor fünf Jahren. Aktuell sehen die Demoskopen die FW nur bei etwa acht Prozent. "Viel zu wenig. Am Ende werden wir deutlich zweistellig und die CSU wird wohl weniger als 40 Prozent bekommen", prophezeit Aiwanger, wohlwissend, dass Bayerns ewige Regierungspartei derzeit in Umfragen bei 48 Prozent rangiert. 2008 sahen die Demoskopen die CSU bei knapp 50 Prozent, am Ende machten nur 43,4 Prozent der Wähler ihr Kreuz bei den Christsozialen. Nach vier Jahrzehnten verlor die Partei ihre absolute Mehrheit.

Aiwanger geht davon aus, dass ein Dreierbündnis aus SPD, Grünen und Freien Wählern, trotz der derzeit schlechten Umfragewerte, am Ende eine Mehrheit hätte. Eine Koalition mit der CSU kann er sich aber ebenso gut vorstellen. "Wir werden unsere Partner nach der Wahl danach auswählen, mit wem wir die meisten unserer Inhalte umsetzen können", erklärt er einem Passanten. Dass Aiwanger sich nicht festlegen will, kommt allerdings nicht überall gut an.

Die Katze im Sack

Eine mit Einkaufstaschen beladene junge Frau sagt: "Ich kaufe doch nicht die Katze im Sack." Auch ein Mann im Trachtenjanker wünscht sich eine klare Koalitionsaussage. Erst schimpft er darüber, dass SPD und Grüne die Erbschaftssteuer erhöhen wollten. Dann fragt er Aiwanger, warum dieser vor zwei Jahren den SPD-Spitzenkandidaten für die Landtagswahl, Christian Ude, auf den elterlichen Bauernhof eingeladen habe. Der entgegnet, Ude habe sich schlicht "selbst eingeladen". Er würde auch CSU-Ministerpräsident Horst Seehofer willkommen heißen. Ein Bündnis mit der CSU würden sieben von zehn FW-Anhängern einer Umfrage zufolge einer Dreierkoalition vorziehen.

Obwohl sich Aiwanger alles offen hält, liegen seine Popularitätswerte weit vor denen fast aller anderen bayerischer Oppositionspolitiker und vieler Kabinettsmitglieder. Zudem kennen ihn sechs von zehn Bayern.

Bei der letzten Wahl holte Aiwanger in seinem Heimwahlkreis Landshut jede fünfte Stimme. Viele Menschen in der 64.000-Einwohnerstadt an der Isar und in deren Umgebung rechnen es ihm hoch an, dass er sich gegen den Bau einer dritten Startbahn am Münchner Flughafen einsetzt. "Ein super Mann", ruft ein Passant und ein anderer lässt sich mit ihm fotografieren. Als eine Frau sagt, sie habe ihn vor ein paar Tagen im Fernsehen gesehen, wo er etwas dick gewirkt habe, feixt er: "So viel machen die 100 Gramm aus, die ich gerade abgenommen habe".