Das ist doch mal eine schöne Aufreger-Schlagzeile: "Die Grünen wollen uns das Fleisch verbieten!", so ist es am Montag in Deutschlands größter Boulevard-Zeitung zu lesen. Veggie Day heißt die vermeintliche Ungeheuerlichkeit, die die Partei fordert. Fortan soll es in allen öffentlichen Kantinen an einem Tag in der Woche nur vegetarische Gerichte geben. Fleischliebhaber sollen also gezwungen werden, Gemüse zu essen. So steht es im Grünen-Wahlprogramm. Oder so ähnlich. Aber für Details war am Montagmorgen erstmal keine Zeit. 

"Ein Veggie Day ist ein wunderbarer Tag zum Ausprobieren, wie wir uns mal ohne Fleisch und Wurst ernähren", sagte Fraktionschefin Renate Künast im gleichen Zeitungsbericht. Das klingt ein bisschen pädagogisch und das erhitzt die Gemüter, wie man an den Reaktionen in der ZEIT-ONLINE-Community und der getwitterten Aufgeregtheit der politischen Konkurrenz sieht. "Die Freiheit der Bürger hört bei den Grünen beim Essen auf", twitterte beispielsweise der FDP-Abgeordnete Volker Wissing.

Die Deutschen und ihr Fleischkonsum, das ist offensichtlich ein emotionales Thema. Dabei essen die Bundesbürger nach Angaben des Verbrauchschutzministeriums immer weniger Steaks und Würstchen. Nur noch 61 Kilogramm Fleisch würden pro Jahr und Person verzehrt, 1991 hätten sie noch drei Kilo mehr im Jahr verdrückt. Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern liege Deutschland beim Fleischkonsum auf Platz neun und damit im Mittelfeld.

"Die politische Hysterie ist dem Wahlkampf geschuldet"

Dennoch oder gerade deswegen dürfte der Vorstoß der Grünen am heutigen Montag ein großer Aufreger auch in den Kantinen dieses Landes gewesen sein. Es passt ja auch so wunderbar zu einer Partei, die sowieso im Verdacht steht, alles verbieten zu wollen, was Spaß macht. Jetzt ist also das mittägliche Schnitzel an der Reihe.

Genüsslich nahm also ein Sprecher des CSU-geführten Verbraucherschutzministeriums den Ball auf und verkündete: "Die Bundesregierung wird den Menschen nicht vorschreiben, was sie essen oder trinken sollen. Eine solche Bevormundung lehnen wir ab." 

Die Grünen wiederum reagieren erstaunt. "Es ist absurd zu glauben, dass Renate Künast den Leuten ihre Würstchen wegnehmen will", sagt die ernährungspolitische Sprecherin der Grünen, Nicole Maisch, ZEIT ONLINE. "Die politische Hysterie ist wohl dem Sommerloch und dem Wahlkampf geschuldet."  Tatsächlich ist die Passage des Grünen-Wahlprogramms, die sich mit dem Veggie Day befasst, sehr vorsichtig formuliert: "Öffentliche Kantinen sollen Vorreiterfunktionen übernehmen. Angebote von vegetarischen und veganen Gerichten und ein 'Veggie Day' sollen zum Standard werden", heißt es darin. Von einem flächendeckenden Gesetz, gar einem Verbot, ist keine Rede.

Sowieso: Das Wahlprogramm der Grünen ist bereits drei Monate alt, bisher störte sich niemand an der Formulierung. Schon 2011 verabschiedete die Bundestagsfraktion ein Papier mit dem vielversprechenden Titel: Veggie Day umsetzen. In diesem wird ebenfalls kein konkreter Verbotsfahrplan oder ähnliches dargelegt – sondern nur betont, dass die Grünen einen Veggie-Day in Kantinen gut finden und entsprechende Kampagnen wie den Vegetarischen Donnerstag, den es in Bremens Stadtverwaltung gibt, gefördert wissen wollen.