Alle schriftlichen Positionen zum Veggie-Day sind ausgesprochen vorsichtig formuliert. Und das hat einen Grund, wie Ernährungspolitikerin Maisch erklärt: "Der Bundesgesetzgeber kann so etwas überhaupt nicht flächendeckend festlegen. Das wissen eigentlich auch alle, die sich mit Ernährungsfragen befassen."

Die Grünen setzten sich für einen "bewussten Fleischkonsum" ein, sagt Maisch. In Deutschland werde zu viel Fleisch gegessen – Massentierhaltung und gesundheitliche Beeinträchtigungen seien die Folge. Der Partei gehe es darum, "Alternativen aufzuzeigen" und positive Anreize zu setzen. Renate Künast sage ja selbst, ihr Ziel sei es, dass die Leute "ihren Sonntagsbraten" künftig bewusster genießen würden – weil sie unter der Woche bestenfalls immer mal wieder auf Fleisch verzichten. Niemand wolle also den radikalen Vegetarismus propagieren, beschwichtigt Maisch.

Alles nur heiße Luft also? Die Grünen hätten sich über die Überschrift geärgert, die suggeriere, dass sie fleischloses Kantinenessen erzwingen wollten, sagt die Ernährungsexpertin. "Unsere eigenen Leute sind da ebenfalls ganz sensibel", hört man außerdem sorgenvoll aus der Fraktion. Denn die "Anreize" für einen geringeren Fleischkonsum, die die Grünen diskutieren, sorgen auch intern immer wieder für Ärger. Dass die Grüne Jugend NRW sich für eine Fleischsteuer einsetzt, mag man im Landesverband zum Beispiel überhaupt nicht. 

Auch die CSU mag Vegetarier

Grüne Funktionäre wissen, dass sie es mit der empfundenen Gängelung der Lebensgewohnheiten der Deutschen nicht übertreiben dürfen. Eilig versuchten die grünen Wahlkämpfer also, die im Raum stehenden Vorwürfe zu relativieren. Sie twitterten Vorschläge für verlockend klingende vegetarische Gerichte und beteuerten, dass kein Verbotsgesetz geplant sei.   

Die Parteistrategen können sich dennoch die Hände reiben. Sie haben ein kontroverses Thema gesetzt. Nicht wenige Berufstätige dürften am Montag in der Kantine über ihre Essenauswahl nachgedacht haben. Nicht ausgeschlossen, dass sich mancher Vegetarier umso mehr bei den Grünen zu Hause fühlt, seitdem sie öffentlich vehement mehr Varianz für vegetarische Kantinengerichte fordern. Fraktionschefin Künast, die viele potenzielle Wähler noch als kompetente Verbraucherschutzministerin in Erinnerung haben, dürfte mit ihrem knackigen Zitat zum Veggie Day-Beitrag daher nicht lange gezögert und vielleicht auch die zugespitzte Überschrift insgeheim begrüßt haben.

"In immer mehr Kantinen, Großküchen und Mensen in Deutschland gibt es jeden Tag immer auch ein vegetarisches Gericht zur Auswahl. Diesen Trend unterstützen wir", sagt übrigens auch der Sprecher von Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU). Durch die religiöse Tradition des Fischgerichts am Freitag gebe es de facto schon einen Veggie Day in vielen Kantinen.

So weit liegen alle Beteiligten also doch nicht auseinander. Ilse Aigner, so twitterte es der Grünen-Politiker Sven-Christian Kindler am Nachmittag, soll sogar den Veggie Day in Hannover finanziell unterstützen. Auf der Homepage des Umweltzentrums Hannover, das den Veggie Day verantwortet, ist das Bundesministerium als finanzieller Förderer angegeben – und auch verlinkt. Richtig sei das alles dennoch nicht, sagt Aigners Sprecher auf Anfrage von ZEIT ONLINE: "Nicht das Bundesministerium ist der Sponsor der Aktion, sondern das Bundesprogramm Ökologischer Landbau, das wir wiederum finanziell fördern."

Es ist definitiv Wahlkampf in Deutschland.