ZEIT ONLINE: Herr Scharloth, Sie haben sich mit der Rhetorik von Angela Merkel und Peer Steinbrück befasst und die Ergebnisse in einem Blog veröffentlicht. Welche typischen Vokabeln fallen Ihnen zu beiden Kanzlerkandidaten ein?

Joachim Scharloth: Angela Merkel nutzt sehr gerne das Wort "gemeinsam". Ihr Konkurrent Peer Steinbrück hat ein sehr seltsames Lieblingswort: "gelegentlich". Das sind die Adjektive, die für die Reden der vergangenen acht Jahre für beide am typischsten sind.

ZEIT ONLINE: Was sagt das denn über die Kandidaten und ihr Programm aus?

Scharloth: Das Wort "gemeinsam" steht eher für einen Politikstil und ein Gesellschaftsmodell. Berechnet man, welche Wörter für Merkel im Vergleich zu Steinbrück typisch sind, dann findet man erstaunlicherweise so gut wie keine Vokabeln, die mit politischen Themen zusammenhängen. Der informelle, emotionale Sprachstil ist ihr Markenzeichen, sie benutzt viele intensivierende Partikel wie "höchst" oder "absolut", außerdem "wir" und wenige Nomen. In der deutschen Politiker-Landschaft ist das bislang einmalig.

ZEIT ONLINE: Was zeichnet Merkels Sprache noch aus?

Scharloth: Teilweise nutzt sie vier Adverbien hintereinander – so etwas wie "sonst letztlich doch wieder" oder "manchmal vielleicht auch etwas". Das ist wirklich einmalig. Als elegante Rhetorik kann man das auf den ersten Blick eigentlich nicht bezeichnen. Als Dozent würde ich viele von diesen Füllwörtern in den Arbeiten von Studierenden eher wegstreichen. Sie stammen tendenziell aus der gesprochenen Sprache, sind sehr informell und kommen an anderen Stellen mit emotionaler Emphase daher.

ZEIT ONLINE: Die Kanzlerin tritt doch eher kühl und kontrolliert auf.

Scharloth: Das stimmt zwar, was ihren Habitus betrifft. Aber ihre Wortwahl ist das Gegenteil davon. Merkel spricht sehr stark die Gefühle der Menschen an. Einige der häufigsten Vokabeln in ihren Reden sind "lieb", "herzlich" und "spannend". Außerdem nutzt sie gerne sogenannte intensivierende Wörter wie "äußerst" oder "bestmöglich". Solche Vokabeln kodieren Gefühle und Überzeugungen. Die verwendet Angela Merkel fast doppelt so häufig wie Peer Steinbrück.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, Merkels Stil sei ziemlich entpolitisiert. Müsste das die Menschen denn nicht misstrauisch machen?

Scharloth: Die Kanzlerin versucht in der Regel, politische Kontroversen wegzumoderieren. Dazu passt ihr Kommunikationsstil. Bei den Wählern scheint das ganz gut anzukommen. Ein Plus ist außerdem, dass sich Merkel sprachlich wenig gewandelt hat.

ZEIT ONLINE: Warum?

Scharloth: Politik findet vor allem im Medium der Sprache statt. Und Parteien sind nun einmal auch Marken, genau wie ihre Kandidaten. Jemand, der auch sprachliche Markenzeichen hat, ist offenbar im Vorteil.