Nichts ist so vorhersehbar wie die Deutschen, wenn sie von Angesicht zu Angesicht mit einer echten internationalen Krise konfrontiert werden. Beispiel: Der Bürgerkrieg in Syrien oder der Militärputsch in Ägypten. Vor zwei Wochen noch empörte sich jeder über das Blutvergießen, Chaos und menschliche Leid und es hieß: "Wieso tut keiner was? Warum zögert Obama?"

Und das ohne jede Ironie wohlgemerkt. Einerseits reden alle davon, dass Amerika keine Supermacht mehr ist und seine Rolle als Führer der westlichen Welt verloren hat. Dann bricht irgendwo ein Krieg aus und es heißt nicht: "Warum unternimmt China nichts?", sondern: "Wie kann Amerika das zulassen?"

Das ändert sich aber schlagartig, falls Amerika wirklich etwas unternimmt. Im Falle Syriens erwägt es in diesen Tagen tatsächlich, etwas zu tun. Zwar redet niemand in Amerika von einer Beteiligung am Bürgerkrieg in irgendeiner Form (obwohl das hierzulande so dargestellt wird), sondern ausschließlich von einem begrenzten Luftschlag, um Syrien zu zeigen, dass wir seinen vermuteten Einsatz von Giftgas nicht gutheißen. 

Für die erfolgreiche Wirtschaft werden die Deutschen bewundert

Doch ich ahne schon, wie das ankommen wird: Der Spruch "Warum tut Obama nichts?" wird sich über Nacht auf geheimnisvolle Weise in "Warum muss sich Amerika immer als Weltpolizei aufspielen?" verwandeln.

Für die Deutschen ist jede Krise in der Welt eine willkommene Gelegenheit, sich über andere Länder aufzuregen. Das ist einer der Gründe dafür, dass Deutschland in der internationalen Gemeinschaft kaum ernst genommen wird. Naja, auf den Gebieten Wirtschaft und Soziales wird es schon ernst genommen. Für ihr Gesundheitssystem und ihre vorbildlich erfolgreiche Wirtschaft werden die Deutschen oft bewundert: Diese fleißigen Bienchen! Wie sie das immer hinkriegen!

Aber wenn es um Entscheidungen auf der internationalen Bühne geht, glänzt dieses Volk nicht gerade mit wegweisenden Entschlüssen. Das sah man auch diese Woche, als die Welt den vermuteten Giftgaseinsatz in Syrien diskutierte. Frankreich und England sind zwar im Vergleich zu Deutschland krisengeschüttelte Kleinstaaten und Deutschland hat auch eine stärkere Bindung zu Syrien als die meisten anderen Länder (das Handelsvolumen zwischen Syrien und Deutschland ist in einem normalen Jahr etwa doppelt so hoch wie das zwischen Amerika und Syrien), aber die internationale Diskussion spielte sich zwischen den USA, England und Frankreich ab. Niemand fragte die Deutschen um Rat.

Seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich die deutsche Niederlage und Schande nämlich auf geniale Weise zu ihrem Vorteil gedreht und zu einer erstaunlich privilegierten Lage in der internationalen Gemeinschaft gewandelt. Deutschland hat die anderen Nationen klammheimlich daran gewöhnt, nichts von ihnen zu erwarten, damit sie sich unbehelligt weiterhin auf das konzentrieren können, was ihnen wirklich wichtig ist: Geld scheffeln.

Wenn es in den nächsten Tagen oder Wochen zu einer Abstimmung in der Nato oder gar der UN über einen Einsatz in Syrien kommen sollte, bin ich sicher, dass Deutschland alle Entscheidungen den anderen überlassen wird. Schon letzte Woche hat der Sprecher von Angela Merkel angekündigt, die Lösung könne nicht von außen kommen, sondern, eine "politische Lösung" müsse "in Syrien organisiert werden." Damit sind die Deutschen fein raus, denn die Lösung wird tatsächlich auch schon in Syrien organisiert, und zwar mit Hilfe von Giftgas.