Das Erste, was die Seligenstädter von ihrer Kanzlerin hören, ist das Knattern des Hubschraubers am Himmel. Die Blicke vom Marktplatz gehen nach oben, und der Moderator fordert die Gäste auf: "Winken Sie ihr! Was meinen Sie, wie die sich freut, gleich runterzukommen zu uns!"

Ja, Angela Merkel kommt herunter zu ihren Wählern. Vom Himmel, aber auch vom großen Berlin und der großen Politik ins kleine Seligenstadt bei Hanau in Hessen. Hier, zwischen schmucken Fachwerkhäusern, startet sie ihre Marktplatz-Tour im Wahlkampf-Endspurt. Riesig ist die Distanz zwischen der Hubschrauber-Kanzlerin, der Euro-Krisenmanagerin auf der einen und der hessischen Kopfsteinpflaster-Provinz auf der anderen Seite. Für Spitzenpolitiker eine kaum zu lösende Herausforderung, das zu überbrücken. Sie sind einfach zu weit weg von denen, zu denen sie im Wahlkampf direkt sprechen sollen. Das bringt ihr Amt so mit sich.

Doch die knapp einstündige Veranstaltung zeigt: Das ist für niemanden ein Problem. Die Bürger sind zufrieden mit dieser Arbeitsteilung: Merkel, die sich um alles kümmert, da oben, und alle anderen, die ihr vertrauen, hier unten.

Wunderbar funktioniert deshalb Merkels Strategie – die so aussieht: Ihr seid gut, wir sind gut, alles ist gut. So soll das bitte auch bleiben. Nur ein bisschen verbessern wollen wir es noch. Deshalb wählt uns, die CDU. 96 Prozent der Hessen seien froh, in diesem Bundesland zu leben, zitiert Merkel eine Umfrage. Das zeige, was die in Hessen regierende CDU alles richtig mache. 

Deutschland steht gut da und deshalb auch die Kanzlerin. "Wir haben in den vergangenen acht Jahren dafür gesorgt, dass wir nicht mehr fünf Millionen Arbeitslose haben, sondern weniger als drei", sagt Merkel. Dabei weiß auch sie, dass sie das zu einem großen Teil den Agenda-Reformen der rot-grünen Vorgängerregierung zu verdanken hat.

Merkel hält sich nicht mit solchem Klein-Klein auf, wie sie generell darauf verzichtet, allzu viel Konkretes zu sagen – oder gar Versprechen zu wagen. Das braucht sie auch nicht. Euro-Krise? "Es ist wichtig, dass wir jetzt zusammenhalten." Überwachungsskandal? "Sicherheit ist wichtig, ja, auch im Internet." Jugendarbeitslosigkeit? "Wir dürfen nicht ruhen, bis auch der letzte Jugendliche einen Arbeitsplatz hat." Wer will da schon widersprechen. Die Seligenstädter jedenfalls nicht.

Es ist so, wie man es vor diesem Wahlkampf erwarten konnte. Merkel punktet nicht mit Themen, sondern mit sich. Als "die Frau, der die Deutschen vertrauen", hatte Ministerpräsident Volker Bouffier sie vorgestellt, und vielleicht reicht das zum Wahlsieg. Momentan deuten alle Umfragen darauf hin. So funktioniert auch das Motto von Merkels Wahlkampftour: "Gemeinsam erfolgreich". Das heißt: Wenn es dem Land gut geht, kann ich ja nicht allzu viel falsch gemacht haben.