WahlkampfMerkel und die Tuba

Angela Merkel eröffnet im hessischen Seligenstadt den Wahlkampf-Endspurt. Dabei wird ihre einfache Strategie klar: Euch geht’s doch gut, also wählt mich! von 

Wahlkampf der Hessen-CDU in Seligenstadt

Wahlkampf der Hessen-CDU in Seligenstadt  |  © Frank Rumpenhorst

Das Erste, was die Seligenstädter von ihrer Kanzlerin hören, ist das Knattern des Hubschraubers am Himmel. Die Blicke vom Marktplatz gehen nach oben, und der Moderator fordert die Gäste auf: "Winken Sie ihr! Was meinen Sie, wie die sich freut, gleich runterzukommen zu uns!"

Ja, Angela Merkel kommt herunter zu ihren Wählern. Vom Himmel, aber auch vom großen Berlin und der großen Politik ins kleine Seligenstadt bei Hanau in Hessen. Hier, zwischen schmucken Fachwerkhäusern, startet sie ihre Marktplatz-Tour im Wahlkampf-Endspurt. Riesig ist die Distanz zwischen der Hubschrauber-Kanzlerin, der Euro-Krisenmanagerin auf der einen und der hessischen Kopfsteinpflaster-Provinz auf der anderen Seite. Für Spitzenpolitiker eine kaum zu lösende Herausforderung, das zu überbrücken. Sie sind einfach zu weit weg von denen, zu denen sie im Wahlkampf direkt sprechen sollen. Das bringt ihr Amt so mit sich.

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Doch die knapp einstündige Veranstaltung zeigt: Das ist für niemanden ein Problem. Die Bürger sind zufrieden mit dieser Arbeitsteilung: Merkel, die sich um alles kümmert, da oben, und alle anderen, die ihr vertrauen, hier unten.

Wunderbar funktioniert deshalb Merkels Strategie – die so aussieht: Ihr seid gut, wir sind gut, alles ist gut. So soll das bitte auch bleiben. Nur ein bisschen verbessern wollen wir es noch. Deshalb wählt uns, die CDU. 96 Prozent der Hessen seien froh, in diesem Bundesland zu leben, zitiert Merkel eine Umfrage. Das zeige, was die in Hessen regierende CDU alles richtig mache. 

Deutschland steht gut da und deshalb auch die Kanzlerin. "Wir haben in den vergangenen acht Jahren dafür gesorgt, dass wir nicht mehr fünf Millionen Arbeitslose haben, sondern weniger als drei", sagt Merkel. Dabei weiß auch sie, dass sie das zu einem großen Teil den Agenda-Reformen der rot-grünen Vorgängerregierung zu verdanken hat.

Merkel hält sich nicht mit solchem Klein-Klein auf, wie sie generell darauf verzichtet, allzu viel Konkretes zu sagen – oder gar Versprechen zu wagen. Das braucht sie auch nicht. Euro-Krise? "Es ist wichtig, dass wir jetzt zusammenhalten." Überwachungsskandal? "Sicherheit ist wichtig, ja, auch im Internet." Jugendarbeitslosigkeit? "Wir dürfen nicht ruhen, bis auch der letzte Jugendliche einen Arbeitsplatz hat." Wer will da schon widersprechen. Die Seligenstädter jedenfalls nicht.

Es ist so, wie man es vor diesem Wahlkampf erwarten konnte. Merkel punktet nicht mit Themen, sondern mit sich. Als "die Frau, der die Deutschen vertrauen", hatte Ministerpräsident Volker Bouffier sie vorgestellt, und vielleicht reicht das zum Wahlsieg. Momentan deuten alle Umfragen darauf hin. So funktioniert auch das Motto von Merkels Wahlkampftour: "Gemeinsam erfolgreich". Das heißt: Wenn es dem Land gut geht, kann ich ja nicht allzu viel falsch gemacht haben.

Leserkommentare
  1. somit paßt sie in das alternativlose wahlprogramm.

    feinheiten sind da nicht gefragt und der deutsche wähler ergibt sich dem gerne.

    uns geht's doch so gut - besser täte schon fast weh (oh weh!)

    10 Leserempfehlungen
  2. ...muss doch nicht die schlechteste sein, warum jeden Tag Schnitzel, wenn es auch gedünstetes Gemüse sein kann, im Ernst, ich halte es für übertrieben, anzunehmen, das Gros der Leute hätte kein Gespür, für gute Politik, oder für die Konsequenzen einer gesteigerten Einnahmenerzielungsabsicht auf staatlicher Seite, auf das Portfeuille des Durchschnittsbürgers, der in Hessen ja nicht unbedingt arm sein muss, und so wird sich mancher sagen, nicht alles was gut ist, ist neu, und nicht alles was neu ist, ist gut.

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    • sozio
    • 14. August 2013 23:56 Uhr

    Merkel schürt und nutzt die Sorgen des deutschen Angsthasen-Durchschnittsbürgers, um ihn davon abzuhalten, sie und ihre Regierung der schlechten Arbeit wegen abzuwählen.

    Als Regierungschefin ist es nicht Merkels Aufgabe, Ihnen zu gefallen. Ein Arzt handelte fahrlässig, würde er der Unvernunft seiner Patienten - wie auch deren Ängsten natürlich - blind nachreden, um sie gefügiger zu machen. Manche Mütter tun beispielsweise letzteres, um den Willen ihrer Kinder zu brechen.

    Diese Philosophie des Einlullens, des angesagten Kampfes gegen Wagemut, Bewegung, selbständiges Urteilen und Denken, und gegen Verlustbereitschaft der Gestaltung des Ganzen willen ist gefährlich. Die CDU-Wählerschaft wählt aus Angst: aus Angst davor, einen Penny an Geringverdiener zu verlieren. Aus Angst davor, dass all die zurechtgelegten Polster, in die sie ihre Hände krallt wie ein gieriges Kleinkind, verloren gehen. Das traute Heim. Der deutsche Biedermeier. Rückzug in die unbedingte Ruh, ins Private. Sie will einfache Kost, die CDU-Wählerschaft: einfache Kost wie die Predigt, dass sich nichts ändert, weil es uns allen gut geht. Muss man nur oft genug sich und anderen vorbeten, scheint's. Was man subjektiv wahr fühlt, müsse ja auch objektiv wahr sein.

    Wohin geht es mit Europa und Deutschland? In welche Richtung entwickelt sich die Gesellschaft? Was tun wir heute für ethischen und anderweitigen Fortschritt? - Der Schrei nach Ruhe und Stillstand ist verdächtig.

  3. Die Zeit kann also doch kritischen Journalismus! Leider klappt das nie, wenn es um ihre Lieblingspartei(en) geht...

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  4. Veranstaltungen tummeln sich eh nur Parteimitglieder und nicht der Durchschnitt der Bevölkerung. Die Redaktion der Zeit muss sich schon fragen lassen, ob die Rubrik nicht falsch gewählt wurde, wenn sie soetwas schreibt:

    "Der politischen Opposition kommt hier die Rolle des nervigen Quälgeistes zu"

    Das ist kein ausgewogener Artikel mehr, sondern ziemlich Pro-Merkel. In der Rubrik Meinungen wäre dieser Artikel besser aufgehoben. Außerdem ist es das gute Recht eines jeden Bürges die Stimme zu erheben und "Nein" zu sagen. Merkel wurde mit den Deutschen nie wirklich warm. Ich erinnere mich an eine TV-Veranstaltung im Jahre 2005, da wurde Frau Merkel in Hinsicht auf ihre damaligen ansicht zur Atompolitik von einer normalen Hausfrau auseinandergenommen. Seitdem tritt sie nur vor handverlesenen Leuten auf, bei denen man sicher sein kann, dass sie keine unangenehmen Fragen stellen oder sie argumentatorisch und intellektuell platt machen. Die Deutschen und Merkel haben keine Beziehung miteinander und verstehen sich auch nicht.

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    • mehrmut
    • 14. August 2013 23:39 Uhr

    Finde ich überhaupt nicht. Der Artikel ist genau im richtigen Ton geschrieben und wird dem Wahlkampf Merkels absolut gerecht. Da lese ich keine Parteilichkeit, sondern zwischen den Zeilen ist Herr Jacobsen doch recht gehässig gegenüber dem selbstzufriedenen und inhaltslosen Auftritt Merkels, völlig zu Recht, wie ich finde.

    Lesen Sie den Artikel noch mal in Ruhe, Sie werden mir zustimmen.

    • hairy
    • 14. August 2013 22:24 Uhr

    alle ihren Hintern zur Wahlurne bewegen würden...

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    • bonner
    • 14. August 2013 22:57 Uhr

    Denen geht´s doch gut.....

    • bonner
    • 14. August 2013 22:57 Uhr
    6. Wieso?

    Denen geht´s doch gut.....

    Eine Leserempfehlung
  5. Lesen Sie den Satz einmal so: "Sie müssen entscheiden, ob es ihnen wichtig ist, dass ihnen jemand sagt, dass sie Freitags kein Fleisch essen dürfen."

    Fällt Ihnen etwas auf? ;-)

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  6. mehr fällt mir dazu nicht ein

    6 Leserempfehlungen

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