Noch darf Hosni Mubarak das Tora-Gefängnis nicht verlassen. Das Kairoer Strafgericht gab am Mittwoch einem Einspruch gegen seine weitere Inhaftierung statt. Sollten die Staatsanwälte in den kommenden 48 Stunden auf Rechtsmittel verzichten, könnte Mubarak nach rund zwei Jahren Haft künftig von einer Privatwohnung aus zu den noch ausstehenden Gerichtsverhandlungen gegen ihn fahren. Man braucht kein Hellseher zu sein, um zu ahnen, dass die Staatsanwälte im aufgeheizten innenpolitischen Klima Ägyptens es nicht wagen werden, dem Exdiktator mit ihrem Einspruch den Freigang noch zu verwehren.

Im Gerichtssaal winkte der sichtlich gut gelaunte 85-jährige Mubarak zuletzt mehrfach jubelnden Unterstützern im Auditorium zu. In den Wochen zuvor hatten seine Anwälte bereits in den übrigen drei gegen den Exstaatschef laufenden Verfahren Gerichtsbeschlüsse zur Haftverschonung erreicht. Alle vier Prozesse sind jedoch noch nicht abgeschlossen.

Ägypten erlebt diese Woche eine erste hochsymbolische Zwischenbilanz seiner am 30. Juni ausgerufenen "Zweiten Revolution". Der demokratisch gewählte Präsident Mohammed Mursi sitzt hinter Gittern. Sein durch den Arabischen Frühling gestürzter Vorgänger Hosni Mubarak, in erster Instanz für Beihilfe zum Mord in über 800 Fällen zu lebenslanger Haft verurteilt, ist bald wieder frei. 

Demokratie im Gefängnis

Der Chef der Muslimbruderschaft ist verhaftet, ein Schritt, den selbst Exdiktator Mubarak nie gewagt hätte. Die Organisation der Islamisten soll verboten werden. Vor 18 Monaten wurde sie von den Ägyptern bei der ersten freien Parlamentswahl mit einer nahezu absoluten Mehrheit bedacht. Die gefürchtete Staatssicherheit ist wieder rehabilitiert.

Und in den letzten acht Tagen erlebte Ägypten die blutigsten Massaker von Sicherheitskräften an eigenen Landsleuten in seiner modernen Geschichte. Seit dem Sturz Mursis durch das Militär am 3. Juli haben mehr als 1.000 Menschen ihr Leben verloren, die meisten durch gezielte Schüsse von Polizei und Militär. Über 4.000 wurden bisher verletzt. "Der Mubarak-Staat war weniger repressiv als was wir nun sehen. Allein die schiere Zahl der Getöteten ist für Ägypten bislang beispiellos", zitiert die New York Times den Forschungsdirektor von der Brookings Institution Doha, Shadi Hamid.

Trotzdem ziehen zahllose Repräsentanten ägyptischer Klein- und Kleinstparteien nach wie vor durch die Medien, nennen sich Liberale, freie Ägypter, manche gar Sozialdemokraten und Sozialisten, und rechtfertigen das blutige Drama als notwendige "Reinigung des Volkskörpers".  

Mubaraks Entlassung muss ihnen jetzt die Augen öffnen. Und was sie dann sehen, ist nicht mehr ihre angeblich von der Armee gerettete Revolution von 2011, sondern die Wiederkehr Mubaraks und seines Staates in neuem, eisernen Gewand.