Serie Mein politischer WunschzettelEhrlichkeit muss sich auch lohnen

Wer Politiker für nichtssagende Floskeln kritisiert, muss seine eigenen Erwartungen hinterfragen. Denn Ehrlichkeit wird vom Wähler bestraft. Ein Leserartikel von Daniel Kemper

Die Forderung nach mehr Ehrlichkeit in der Politik hat etwas Wohlfeiles. Wer würde ihr schon widersprechen? Allzu leicht geht sie über die Lippen – zumindest dann, wenn sie als ausschließliche Aufforderung an "die da oben" verstanden wird. Das erscheint mir allerdings zu einfach.

Denn viele Politiker wagen es, ehrlich zu sein, nur um anschließend dafür kritisiert und beschimpft zu werden. Das gilt für große Teile der deutschen Öffentlichkeit, inklusive der Presse, die häufig allzu dankbar auf jeden Empörungszug aufspringt.

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Die Beispiele dafür ziehen sich quer durch die Parteienlandschaft und durch alle Themengebiete: Peer Steinbrücks wahlstrategisch unvorsichtiger, aber ansonsten völlig richtiger Hinweis auf das Missverhältnis der Gehälter für Bundeskanzler und Sparkassendirektoren etwa. Oder Guido Westerwelles Äußerungen zur gefährlichen Illusion vom "anstrengungslosen Wohlstand", die meist verkürzt wiedergegeben werden. Oder die Diagnosen einzelner Politiker zu grundsätzlichen Problemen mancher südeuropäischer Volkswirtschaften im Zusammenhang mit der Euro-Krise.

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Im Detail mag man zu diesen Themen stehen wie man will, allerdings: Nicht jeder überlegt, ob an der Äußerung nicht etwas Wahres ist, bevor er oder sie sich vom allgemeinen Sturm der Empörung mitreißen lässt. Das, was allzu sehr aus der Spur herausläuft, wird obendrein mit der Moralkeule diffamiert. Die Titulierung der AfD als "rechtspopulistisch" belegt das. Dabei soll dem Populismus gerade nicht das Wort geredet werden; das ist etwas anderes und hat mit "Ehrlichkeit" wenig zu tun.

Ehrlichkeit wird nicht honoriert

Die Schlussfolgerung für alle Politiker liegt auf der Hand. Ehrlichkeit wird nicht honoriert, im Gegenteil. Die Wähler mögen sich langweilen angesichts immer gleicher, unverbindlicher Floskeln und fehlender Profilschärfe; sie mögen sich ärgern über viel zu spät ausgesprochene Folgen politischen Handelns (siehe Atomausstieg und Energiewende). Aber wer sich aus der Deckung wagt, muss damit rechnen, von allen Seiten gescholten zu werden.

Welcher Mensch bei Verstand würde sich also nicht ebenso wie unsere Politiker zurückhalten? Diese Tendenz ist gefährlich, aber wir sind zu einem großen Teil selbst schuld daran. Mein Wunsch an die Politik ist also auch ein Wunsch an die Wähler: Wer mehr Ehrlichkeit in der Politik fordert, muss sie auch aushalten können.

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Leserkommentare
  1. sich ihr Weltbild selbst.Leider fürchte ich,auch der Leserbriefschreiber gehört dazu.
    Der Deutsch denkt,er lebt im wünsch-dir-was Land.

    Fragt man,wer ist gegen Hartz4 schreien alle auf---ich ich ich.
    Fragt man wer will das wir mehr Syrer aufnehmen sollen? --ich ich ich
    Sollen Beamte zahlen?
    Die Reichen? ja,sollen sie.
    Kriegt der oder der Beruf zu wenig Geld? Ja natürlich.
    Wir müssen Lehrer,ärzte,Asylbewerber,Hartz4 Empfänger,Pfleger,Frührentner etcpp alle besser bezahlen.

    Und jetzt kommts: IMMER scheint es dafür zu reichen,Subventionen abzubauen,Beamten in irgendwelche Kassen einzahlen zu lassen,immer sind Lösungen möglich die einem selbst nicht weh tun.

    Selbst im Syrien Konflikt sind Platitüden gefragt hierzulande: Reden ist besser als Schiessen.

    Aber auch Deutschland lebt in der Realität.Bleibt zu hoffen,daß die Rechnung nicht mehr mittels Schulden an die Enkel verschoben werden kann.

    8 Leserempfehlungen
  2. ...es sollten hier eher die Medien gescholten werden, als die Wähler.
    Denn wenn selbst Blätter wie der Spiegel Wahlkampfhilfe leisten für Frau Merkel leisten, in dem sie z.B. Wirtschaftsdaten schönreden oder stä#ndig falsch und verkürzt zitiert wird, woher soll es der Wähler dann besser wissen?

    Man kann im Altag eben nicht alles als bis zum kleinsten Teil selber nachrecherchieren.

    Es sind leider die Medien die Ehrlichkeit bestrafen und die Wähler sind nichts weiter als rezipienten die "glauben" was sie lesen.
    Man braucht die Klickzahlen und den Skandal der Auflage bringt. Gleichzeitig ist die Versuchung groß Politik mit zu gestalten.
    Zusätzlich negativ ist, das Redaktionen unter immer stärkerem wirtschaftlichen Druck geraten und kleiner werden.

    Investigativer Journalismus kämpft ums überleben.

    Ich sehe die "Schuld" des Wählers eher in seiner naivität, seiner kurzsichtigkeit und schlechtem Wissenstand in vielen wichtigen politischen Themenfeldern.
    Aber das heißt nicht das ich ihren Gedanken komplett von der Hand weisen kann. Von daher guter Leserartikel!

    MfG

    13 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • dacapo
    • 04. September 2013 22:29 Uhr

    ...........die Wähler.Wie sonst kommen manche Politiker so hohe Zustimmungswerte?

  3. Und das zurecht. Was die Mehrheit der deutschen Bürger denkt und welche Einstellungen sie haben, weiß ich nicht.

    Zu unterstellen, Abgeordnete und Regierungsmitglieder (= Politiker), würden von den Bürgern abgestraft, wenn sie die Wahrheit sagten, halte ich schon für eine arge Verdrehung und Verzerrung der Wirklichkeit.

    Unzulässig ist es, die veröffentlichte Meinung als die Meinung der Bürger auszugeben. Veröffentlicht wird, was Umsatz und Quote bringt.

    Die Meinungsfreiheit der Medien beschränkt sich darauf, dass das veröffentlicht wird, was ins politische und wirtschaftliche Konzept des Medienbesitzers passt.

    Der verstorbene FAZ-Mitherausgeber Paul Sethe schrieb dazu 1965 in eine Leserbrief an den Spiegel: "Meinungsfreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten [nämlich den Medien- und Zeitungsbesitzern] ihre Meinung zu verbreiten. Journalisten, die diese Meinung teilen, finden sie immer." Der Volksmund sagt einfach: wes Brot ich ess, des Lied ich sing.

    Alle Abgeordneten und Regierungsmitglieder sind dem Grundgesetz und den Landesverfassungen verpflichtet. Von gewohnheitsmäßiger Lüge, Verdrehung und Verzerrung der Wirklichkeit oder gar von Beschimpfung und Diffamierung der Bürger (anstrengungsloser Wohlstand u.ä.m.) ist dort nicht die Rede. Wem das nicht passt, der gehört weder in ein Parlament noch in eine Regierung.

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  4. Wie sagte ein guter Freund einst (Gedächtniszitat):

    "Was beschweren sich die Leute denn immer, dass Politiker nicht täten, was man von ihnen erwartet? - Sie drücken sich doch um die Wahrheit und reden um den heißen Brei, weil die Wahrheit doch keiner hören will."

    Merkel hat das verstanden: Bei Kohl das Aussitzen studiert und bei Merz und Stoiber gelernt, dass Politiker mit klaren Kanten zwangsläufig anecken.

    Die Folge wird sein, dass die SPD mit Steinbrück die Wahl krachend verliert und das nächste Mal einen verbalen Weichspüler ins Rennen schickt.

    8 Leserempfehlungen
  5. daß es für Politiker unmöglich sei, ehrlich zu sein UND keinen Blödsinn zu erählen.

    Zugegeben, das wäre etwas viel verlangt für die Schildbürger, die unsere politische Elite bilden.

    Eine Leserempfehlung
  6. Im Artikel steckt einiges an Wahrheit. So sind sie die Wähler. Ein sattes Volk. Die Vergangenheit irgendwo im Hinterkopf begraben. Die Schafe mähen und blerren solange genug zu essen da ist.

    Wo ist die Wertschätzung dessen, was wir haben. Wir gehen in den Supermarkt und halten alles für selbstverständlich. Flachbildschirme, Facebook und I-Phone, alles eine Selbstverständlichkeit. Wir motzen und nörgeln im besten Fall am Stammtisch und wählen den, der uns das Beste verspricht.

    Schuld ist der Verblödungsapparat. Reality Shows, gleichgeschaltete Medien, verschleiernde Sprache von Politikern aber auch von Medien. Filterung von Inhalten, das Pushen von eigentlich unwichtigen Themen, zunehmender Klatsch und Trasch in den "Qualitätsmedien". Verbreitung von Meldungen nach dem Motto: "Wer hat die Meldung am Schnellsten?", einfache Übernahme von irgendwelchen Aussagen ohne sie wirklich zu überprüfen. Verbreitung von Falschinformationen.

    "Qualitätsmedien", welche im Optimalfall "Quelle: YouTube" angeben. Die gerne mal Bilder aus dem Irakkrieg für die Berichterstattung in Syrien heranziehen. Die auf Drama und Gefühle aus sind.

    Hauptsache Essen, Facebook und Party. Mir geht es gut, was mit dem Rest der Welt ist, ist mir doch egal. Wir sind in einer Zeit angelangt, in der sich ein Großteil des Volkes der Beschreibung der Prols in Orwells Roman "1984" annähert: Fußball und Bier habe ich vergessen.

    Mehr mündige Bürger braucht dieses Land. Nieder mit dem Verblödungsapparat.

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    • xila
    • 31. August 2013 16:01 Uhr

    ... erkennt man nicht alleine schon daran, daß sich die Medien darüber entrüsten und die Bürger im Chor darin einstimmen.

    "Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein."

    Die Unehrlichkeit liegt in der Behauptung, jemand verspräche das. In Wirklichkeit ist das nämlich nicht geschehen. Eine weitere Unehrlichkeit liegt in der Unterstellung, Einkommen aus Hartz IV sei hoch genug, um bei weiterer Erhöhung in die Nähe von Wohlstand zu gelangen. Die dritte Unehrlichkeit liegt darin, daß der Bezug von Hartz IV alles mögliche ist, aber nicht "anstrengungslos". Die Leute werden so herumgescheucht, daß es vom Zeitaufwand durchaus mit einer Berufstätigkeit in Teilzeit mithalten kann.

    Im übrigen sollte Herr Westerwelle, wenn er sich schon einbildet, eine Kellnerin als Beispiel heranziehen zu müssen, doch nicht so tun, als wäre eine in Vollzeit angestellte Kellnerin heute noch der Normalfall. Die meisten Kellnerinnen arbeiten auf Minijobbasis, und daß das eher mehr als weniger werden, hat etwas mit Entscheidungen der Regierung zu tun, der er selbst angehört.

    6 Leserempfehlungen
  7. Nur die Wahrheit sagen reicht nicht, man muß auch Schlußfolgerungen ziehen.
    Wenn die Demographie ein Rentensystem wie unseres nicht mehr halten kann, muß man nicht versuchen, krampfhaft zum Kinderkriegen aufzufordern und -fördern, das bringt gar nichts.
    Man muß sich hinstellen und das Rentensystem schlüssig umbauen.
    Politk zieht aber keine Schlußfolgerungen, sie traut sich nicht.

    Dann sind da die Medien, z.B. diese angebliche Zeitung mit den vier Buchstaben, und wenn die schreibt, daß alle Hartz IV-Bezieher faule Hängemattenschweine sind, dann ist das so.
    Sagt mal einer aus der Politik was im Kern Vernünftiges, wird es sofort seziert, falsch oder verzerrt wiedergegeben und nach drei Tagen interessiert sich keiner mehr für das angesprochene Problem, sondern für die Frage, ob Politiker xy jetzt tatsächlich damals vor 10 Jahren im Thailand-Urlaub...undsoweiter.

    Medien möchten keine Fakten zur Analyse bereitstellen, damit man eine sachliche Diskussion darüber führen kann. Medien möchten Meinung machen und verkaufen. Es gibt eigentlich keine objektive Berichterstattung.

    Und das bringt uns zu Problem 3 - dem Wähler.
    Der möchte sich nämlich meistens auch keine Gedanken machen, so er denn dazu überhaupt in der Lage ist. Der möchte vorgekaute Meinungsmache serviert bekommen. Analyse würde zu Ergebnissen und Konsequenzen führen, die einem mglw. persönlich unangenehm sind, also sparen sich die meisten diesen Schritt.

    Deswegen wird Fr. Merkel wiedergewählt - weil sie nichts sagt.

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Atomausstieg | Bundeskanzler | Euro-Krise | Populismus | Presse | Öffentlichkeit
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