Serie Wünsche an die PolitikVerhindert die Rentner-Demokratie

Der Generationenvertrag scheitert: Da die Politik auf Rentnerstimmen schielt, können sich Berufsanfänger auf staatliche Absicherung nicht mehr verlassen. Ein Leserartikel von David Gutensohn

Einst, vor mehr als 25 Jahren, stand ein kleiner Mann mit Kleister und Papier vor einer großen Litfaßsäule und plakatierte die Parole, die Rente der Deutschen sei sicher. Heute erntet Exminister Norbert Blüm dafür regelmäßig Hohn und Spott. Allerdings nicht von mir, denn erstens erblickte ich erst eine Handvoll Jahre später die Welt und zweitens kann ich heute, als 19-Jähriger, nicht mal ansatzweise schmunzeln, wenn ich an die Rente, die Demografie und unser brüchiges System denke. Im Gegenteil, ich mache mir große Sorgen. 

Schon heute scheint klar: Mit mehr als einer staatlichen Mini-Rente brauche ich wohl nicht zu rechnen. Und damit zählte ich noch zu den Glücklichen. Die meisten aus der "Generation Praktikum" haben schon Schwierigkeiten, überhaupt einen Cent einzahlen zu können. Andere müssen oder wollen die Rentenkasse gar nicht mitfinanzieren, obwohl sie es könnten, Beamte, Ärzte und Selbstständige zum Beispiele.

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Der sogenannte Generationenvertrag steht daher vor dem Scheitern. Deutschland ist das zweitälteste Land der Welt, und während die Lebenserwartung der Alten erfreulicherweise pro Jahr um zehn Wochen steigt, kommen viel zu wenige Junge nach. Aktuell finanzieren gerade mal drei Arbeitnehmer einen Rentner, in spätestens 20 Jahren werden es wohl nur noch zwei Erwerbstätige sein, und wie es in 40 oder 60 Jahren aussehen wird, kann niemand ermessen.

Die Regierung verteilt Beruhigungspillen

Das Schlimmste aber an der Sache ist: Die Politik weiß Bescheid. Sie kennt all die Probleme, scheint aber null Motivation zu haben, etwas zu ändern. Warum auch? Wir sind doch auf dem besten Weg in eine Rentner-Demokratie, in der schon bald die Rentner die größte Wählergruppe stellen, während immer mehr junge Menschen sich der Politik und somit auch dem Interesse der Politiker entziehen.

Aufruf: Ihre Wünsche an die Politik

Welches Thema kommt im Wahlkampf zu kurz? Wo müsste dringend gehandelt werden? Schreiben Sie uns, was Sie sich von der nächsten Bundesregierung wünschen. Wir suchen prägnante, persönliche Essays von etwa 2.500 Zeichen Länge. Je konkreter Sie Ihr Anliegen formulieren, desto wahrscheinlicher ist, dass es eine konstruktive Debatte anstößt. Die besten Anträge wollen wir anschließend mit Politikern und Wissenschaftlern besprechen. In einzelnen Fällen werden wir Experten zu Livedebatten mit unseren Lesern im Kommentarbereich einladen.

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Wir werden regiert von Angsthasen, die wie Ursula von der Leyen versuchen, uns mit Beruhigungspillen wie der Mütter- oder Zuschussrente zu besänftigen. Es wäre schön, wenn endlich jemand große Schritte gehen würde, anstatt nur zwischen Opportunismus und Machtkalkül hin- und herzuhoppeln.

Ich wünsche mir von der nächsten Bundesregierung, dass sie nicht nur die Probleme benennt, sondern handelt und endlich auch diejenigen in die Kasse einzahlen lässt, die sich bisher aus dem System schleichen können. Beamte, Ärzte, Rechtsanwälte, Selbstständige, alle sollten in eine einzige Rentenkasse einzahlen. Denn wenn wir es weiter zulassen, dass ein Teil der Arbeitnehmer in einem völlig separaten System alt wird, schicken wir eine ganze Generation in die Altersarmut.

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Leserkommentare
    • Mortain
    • 26. August 2013 17:58 Uhr

    daß die Beitragsbemessungsgrenzen gekippt werden und die gennanten Berufgruppen auch in die gesetzliche Kranken- oder Bürgerversicherung einzahlen.

    Klappt wunderbar in Skandinavien.

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    Vollkommen richtig! Dafür zu sorgen, dass alle in die Rentenkasse einzahlen darf nur der erste Schritt von vielen sein, um die Rente für meine Generation wenigstens halbwegs sicher zu gesalten.

    Liebe Grüße vom Autor des Textes

    David Gutensohn

    Wünschen Sie sich dann auch, dass in der Rentenversicherung die Renten so gestaltet werden, wie es die dann teilweise sehr hohen Beiträge rechtfertigen würden? Oder sollen die hohen Renten dann doch gekappt werden? Das wäre neben der Steuerprogression dann eine weitere Enteignung.

    Ist es zumutbar, dass ein Bürger Deutschlands mehr als die Hälfte seines Lohns an den Staat abtritt?

    Gab es da nicht eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, dass das nicht zumutbar wäre?

    • wd
    • 27. August 2013 1:21 Uhr

    Sie scheinen z.B. nicht täglich die Fernsehnachrichten aus Norwegen zu verfolgen. Das Gesundheitssystem scheint marode zu sein. Tägliche Berichte. Große Firmen finanzieren ihren Mitarbeitern eine Zusatzversicherung, die Behandlungen in privaten Kliniken finanzieren. Das ganze Thema ist in deren Nachrichten wegen des Wahlkampfes gerade aktuell.
    Für eine Zuzahlung von 50000nkr wird man in der privaten Klinik sofort operiert, ansonsten wartet man in der Schlange 6 Monate und ist so lange krank geschrieben. Die Krankschreibung kann und will sich nicht jeder leisten.
    Ansonsten gilt: Je weniger Wissen man hat, desto trefflicher lässt sich diskutieren.

    Noch ein Nachschlag: Was Skandinavier als „Steuern“ bezeichnen beinhaltet Rentenversicherung, Krankenkasse, Pflegeversicherung und Arbeitslosenversicherung. Die zu bezahlenden Sätze sind bei üblichem Einkommen in Norwegen und Dänemark z.B. niedriger als in Deutschland. Nachzuprüfen bei deren staatlichen Abgabenrechnern im Internet.

    Ich bin auch ganz sicher, dass das Einzahlen wunderbar klappt. Leider klappt es in Skandinavien nicht mit den passenden Leistungen fürs Einzahlen. Aber dafür müsste man natürlich auch etwas wissen und nicht so schön nach Schema F hier reinschreiben.

  1. ...werden, weil Deutschland ein Land der Zünfte ist.

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    ...werden, weil Deutschland ein Land der Zünfte ist. Es gibt zuviele Klientelgruppen, die in den vergangenen Jahrzehnten Sonderregelungen erstritten haben. Das andere Problem: Wir haben (geschätzt) ca. 10000 Abgeordnete, 15 Ländesparlarmente (die zu unterschiedlichen Zeitpunkten gewählt werden, demzufolge ständig Wahlkampf). Ein derart strukturiertes Gemeinwesen ist kaum regierbar.

    Zum Vergleich: GB kommt mit zwei Parlarmenten aus, ca. 600 Abgeordnete. Womit ich jetzt nicht gesagt habe, daß dieses System perfekt ist.

    • gruntle
    • 26. August 2013 18:04 Uhr

    Meines Erachtens wäre es im Sinne der allgemeinen Solidarität sehr wünschenswert wenn bestimmte Gruppen (u.a. die im Artikel genannten) in die gesamtgesellschaftliche Rentenfinanzierung eingeschlossen würden.
    Allerdings löst das nicht das Kernproblem: Unsere Gesellschaft überaltert.

    Durch Auffüllen des Rententopfes aus bisher nicht berücksichtigten Quellen lässt sich die finale Zuspitzung evtl ein paar Jahre aufschieben - Eine Lösung findet sich darin leider nicht.

    Die Altersarmut kommt, ohne tiefgreifende Veränderungen (und vllt. auch dann) so oder so...

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    "Altersarmut kommt so oder so" - FALSCH!
    Für die RENTEN kommen Beitragszahler auf, bei denen das Verhältnis Beitrag zu Rentenbezug immer mehr in Schieflage gerät.
    Für die PENSIONEN kommen alle auf, Steuerzahler UND Beitragszahler. Ich möchte diejenige deutsche Regierung sehen, die die Pensionen "schleift", um nur einen Bruchteil der Renten zu sichern.
    Mein Fazit: PESNIONEN SIND SICHER - Die Renten sind bald Makulatur.
    Übrigens bekommen auch die Gewerkschaftsbosse PENSIONEN der Gwerkschaften - zu diversen Renten dazu.
    Also: Keine Aussicht auf Rettung für Rentner. Und junge Arbeitssuchende können nur weiterziehen, dorthin, wo es junge aufstrebende Volkswirtschaften gibt.

    • Rapiri
    • 26. August 2013 18:04 Uhr

    In dem Alter wollte ich die Revolution, sie die Pension! Traurig!

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    meint das dasselbe. Denn eine Revolution wäre für eine gescheite Pension nötig.

    Da Revolutionen mit der deutschen Wählerschaft unwahrscheinlich ist, wird mit dem Füßen abgestimmt, wie im Osten früher.
    Geht man halt lieber gut qualifiziert nach Skandinavien, da weiß man wenigstens wofür man Steuern zahlt.

    ist nichts anderes als eine Revolution! Und das ist auch Gut so!

    Die 68er-Generation, die ihre Revolution hatte, hat nun zusätzlich auch ihr weiches schönes Pensionspolster. Unsere Generation hat zu trübe Aussichten, als dass sie heute unbekümmert über die Stränge schlagen könnte...
    Hinzu kommt, dass beim kippenden demographischen Verhältnis auch die politische Mitsprache der jüngeren Generation schrumpft - angesichts der immer älter und dank steigender Lebenserwartung dauerhaft zahlreicher werdenden Rentner-Generation.

    Wenn ich meinen Eltern glauben darf, waren damals schon die lautesten "Rebellen" an der Uni die Kinder der gutbürgerlichsten Familien. Idealismus ist was Schönes - für die, die ihn sich leisten können! Ich kenne einfach zu viele gut ausgebildete junge Leute, die schon ewig in prekären Verhältnissen leben - mit der Aussicht, dass es auf lange Sicht prekär bleibt.

    ...schon so reif ist und Probleme durch Nachdenken, anstatt (weil man sie nicht mehr versteht) einfach durch alles kurz und klein hauen lösen möchte, finde ich das nicht traurig. Ich war ja auch mal Punk - mit 14. Es muss sich ja nicht jeder gegen seine Eltern auflehnen, wenn die Eltern tolerant waren.

    Ansonsten ist das mit der Rente wirklich traurig, denn es ist ein Problem, dass sich durch Mathematik lösen, bzw. analysieren lassen könnte. Und mit der Forderung, dass auch Beamte einzahlen müssen, bin ich beim Autor. Bei den Selbstständigen prinzipiell auch, aber Selbstständige haben es gerade heute nicht besondere einfach. Meine Eltern waren selbstständig, haben jetzt einen Batzen Geld von der LV ausbezahlt bekommen und... es wird verdammt knapp werden wenn sie (wie ich hoffe) noch ein paar Jahre leben. Nicht jeder, der Selbstständig ist, ist gleich Millionär oder wohlhabend - was an der Forderung aber prinzipiell nichts ändert.

    dass Sie nicht nur die Revolution wollten, sondern auch ein Ziel hatten?
    nun ja, vor 2500 Jahren war schon früher alles besser...

    Das finde ich überhaupt nicht traurig. Der junge Mann kann rechnen und macht sich Gedanken über seine Zukunft. Seine Sorgen sind ja leider berechtigt.

    möchte revoluzzen, villeicht denkt er an Familie, trautes Heim, an Kleingärten,an SUV, an Job, an solide Ausbildung.....
    Was dachte ich mit 19? ganz gewiß nicht an Rente, war auch kein Thema. Was hätte ein 19jähriger vor 200 Jahren gedacht?
    Also ich finde die Überlegungen schon gut, finde sie nicht unbedingt richtig. Unser Kapitalsystem ist nun mal derzeitig marktkonforme Gesellschaft, damit müssen die heutigen Generationen leben. Wenn sie es ändern wollen, bitteschön wir haben Demokratie, also einsteigen in den Zug der Veränderungen statt zu jammern.

  2. ...werden, weil Deutschland ein Land der Zünfte ist. Es gibt zuviele Klientelgruppen, die in den vergangenen Jahrzehnten Sonderregelungen erstritten haben. Das andere Problem: Wir haben (geschätzt) ca. 10000 Abgeordnete, 15 Ländesparlarmente (die zu unterschiedlichen Zeitpunkten gewählt werden, demzufolge ständig Wahlkampf). Ein derart strukturiertes Gemeinwesen ist kaum regierbar.

    Zum Vergleich: GB kommt mit zwei Parlarmenten aus, ca. 600 Abgeordnete. Womit ich jetzt nicht gesagt habe, daß dieses System perfekt ist.

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    • Mortain
    • 26. August 2013 18:15 Uhr

    Es sind fünf. Die Parlamente von Nordirland, Schottland und Wales kommen dazu. Will aber kein Erbsenzähler sein... :)

    aber in Deutschland haben wir ungefähr 3000 Abgeordnete und in England hat das Oberhaus und Unterhaus schon alleine ~1400 Mitglieder

    Was die paar Leute jetzt für großartige Auswirkungen auf die Rente haben sollen, ist mir ein Rätsel.

    Übrigens, Sonderregelungen bei der Rente sind nicht Aufgabe des Beitragszahlers und liegen in Gesamtstaatlicher Verantwortung. Diese Zweckentfremdung der Beiträge sind "POLITISCHE" Entscheidungen, die rein gar nichts mit dem Generationenvertrag zu tun haben.

    Hier mal ein Link mit Infos was tatsächlich passiert http://rentnerbetrug.word... unabhängige Quellen geben den entzogenen Gesamtbetrag mittlerweile mit bis zu 1 Billion Euro an (0,75 - 1,0 Billionen)

  3. meint das dasselbe. Denn eine Revolution wäre für eine gescheite Pension nötig.

    Da Revolutionen mit der deutschen Wählerschaft unwahrscheinlich ist, wird mit dem Füßen abgestimmt, wie im Osten früher.
    Geht man halt lieber gut qualifiziert nach Skandinavien, da weiß man wenigstens wofür man Steuern zahlt.

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  4. ist nichts anderes als eine Revolution! Und das ist auch Gut so!

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    • Mortain
    • 26. August 2013 18:15 Uhr

    Es sind fünf. Die Parlamente von Nordirland, Schottland und Wales kommen dazu. Will aber kein Erbsenzähler sein... :)

    4 Leserempfehlungen
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    ...vergessen.

    Apropos: Dann käme bei uns ja noch der Bundesrat hinzu. Diese Nebenregierung hatte ich völlig außen vorgelassen

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Bundesregierung | Norbert Blüm | Ursula von der Leyen | Alte | Demografie | Generation
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