SPD-Wahlkampf : Steinbrücks müder Flirt

Der SPD-Kanzlerkandidat bemüht sich um die Sympathie der Ostdeutschen. Als er die Chance hat, sie zu begeistern, fehlen ihm die richtigen Impulse. Von L. Caspari, Halle

Peer Steinbrück, gebürtiger Hamburger und SPD-Kanzlerkandidat, hat in den vergangenen Wochen freilich viel getan, um die Herzen der Ostdeutschen zu gewinnen. Er fühle sich ihnen nah, erzählte er der Super Illu. Anderswo wiederum sprach Steinbrück darüber, wie er 1980 für ein Jahr als Bürger in Ostberlin lebte – er arbeitete damals in der Ständigen Vertretung der Bundesregierung in der DDR. Sein Hotelzimmer sei von der Stasi verwanzt gewesen, die jede seiner Bewegung akribisch notierte. 

An den Wochenenden fuhr Steinbrück angeblich nur selten nach Hause. Ein Freund habe ihm Zugang zur Kulturszene der DDR verschafft. Steinbrück hat eigenen Aussagen nach später nie seine Stasi-Akte eingesehen – milde ist er mit jenen umgegangen, die ihm in dieser Zeit nahestanden, die ihn aber möglicherweise auch verraten haben. "Aus einer sicheren Position soll man sich nicht erheben über jene unter Druck und Drangsal", sagte er der ZEIT. 

Gut angekommen ist auch, dass Steinbrück Nachsicht mit SED-Mitgliedern forderte. Und dass er gleich zu Beginn seiner Kanzlerkandidatur im Herbst 2012 ein Konzept zur Angleichung der Ost-Renten auf West-Niveau vorlegte. 

Zwölf Millionen – jeder fünfte – Wahlberechtigte leben heute in den neuen Bundesländern. Drei von fünf ostdeutschen Ländern sind von der CDU regiert. Die Kanzlerin wuchs in Ostdeutschland auf. Kaum verwunderlich also, dass die SPD-Wahlkampfstrategen dem Merkel-Herausforderer eine Ostdeutschland-Flirtkampagne verordneten. 

Die war nach ihrem Start zunächst gehörig misslungen: "Fehlende Leidenschaft für Europa" attestierte Steinbrück der Kanzlerin bei einer Matinée des Tagesspiegels. Soweit normal im Wahlkampf. Auf Nachfrage bekräftigte Steinbrück dann eine schon 2011 von ihm geäußerte Begründung: Diese fehlende Europa-Begeisterung Merkels liege daran, dass sie in der DDR aufgewachsen ist.

Mit dem Frühzug aus Berlin angereist

Viele haben das als pauschale Unterstellung verstanden, frei übersetzt: Der (hinterwäldlerische) Ossi hat's nicht so mit Europa. Ostdeutschland-Verkenner Peer Steinbrück sei es nicht wert, "das vereinte Deutschland" zu regieren, so drastisch formulierte es beispielsweise der grüne Exbürgerrechtler Werner Schulz.

Am Samstag hat der Gescholtene in Halle die Möglichkeit, die von ihm vermeintlich Verurteilten zu besänftigen. In der Stadt an der Saale veranstaltet die Bundespartei eine Konferenz: "Neue Impulse für Ostdeutschland". Mit dabei: Manuela Schwesig und Matthias Machnig – zwei ostdeutsche Minister und Mitglieder im Kompetenzteam Steinbrücks. Außerdem Wolfgang Tiefensee, der frühere Leipziger Oberbürgermeister und spätere Verkehrsminister – und natürlich, quasi als Ehrengast, der SPD-Kanzlerkandidat. Laut Einladungstext wollen die Sozialdemokraten eine "kritische Bestandsaufnahme" zur "Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse" in Deutschland leisten.

Die Genossen freuen sich auf Steinbrück. Es sei doch ein Statement, dass er so früh im Wahlkampfendspurt nach Ostdeutschland komme, hört man. Manche sind gar mit dem Frühzug aus Berlin angereist. Doch bleibt die Veranstaltung müde: Wer tatsächlich neue, vielleicht gar kreative Impulse für die sehr spezifischen und dramatischen Probleme manch ostdeutscher Regionen – Stichworte Rechtsextremismus, Abwanderung, Arbeitslosigkeit – erwartet hat, wird enttäuscht.

Steinbrück bemüht sich. Umfassend geht er auf die Schwierigkeiten ein, die "kräftezehrende Zeit", die die Wende für Familien mit sich brachte. Vielen Westdeutschen, auch ihm selbst, sei das erst spät bewusst geworden. Er lobt ostdeutsche Tugenden: "Zupacken, zusammenhalten, Solidarität, Probleme zusammen lösen." Sagt, dass selbst die letzten "Besserwessis" inzwischen verstehen würden, was Ostdeutsche nach dem Zusammenbruch des DDR-Regimes aufgebaut und geleistet hätten, gesteht aber zugleich: "Ich weiß, unangenehme Siegerallüren gab es auch."

Schnell kommt Steinbrück zu den aktuellen Vorwürfen:  Es sei "Unsinn", wenn behauptet würde, er habe mit seiner Merkel-Kritik allen Ostdeutschen "eine Distanz zu Europa" unterstellt. Das Streben nach Wiedervereinigung in der DDR sei immer auch ein Streben nach Europa "als Garant des Friedens und des Wohlstands" gewesen, schmeichelt er. Dann betont der Kanzlerkandidat noch, wie wichtig ein gesetzlicher Mindestlohn von 8,50 Euro für ostdeutsche Niedriglöhner ist, weil sie bei den angestrebten allgemeinen Tariflöhnen der CDU weiter unterirdisch bezahlt würden. Steinbrück weist genüsslich darauf hin, dass Merkel 2009 eine Rentenangleichung versprach, sie aber nie umsetzte.

Lisa Caspari

Lisa Caspari ist Redakteurin im Ressort Politik bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Gut klingende Worte, aber sie bleiben irgendwie leer, die Botschaften erwartbar. Es scheint, als hätten die Berater Steinbrück noch schnell ein paar freundliche Sätze ins Redepapier geschrieben. Als der Kanzlerkandidat ausführt, 25 Prozent der Ostdeutschen würden mit weniger als 8,50 Euro die Stunde bezahlt, ruft Landes-Wirtschaftsminister Matthias Machnig dazwischen, in Thüringen seien es über 30 Prozent. Als Steinbrück sagt, laut Umfragen fühlten sich 51 Prozent der Ostdeutschen nicht richtig in der Bundesrepublik angekommen, kann er dazu keine Lösungsansätze präsentieren, außer den, ordentlich über die Lethargie der Kanzlerin abzulästern.

Wie könnte es lauten, das Programm gegen Demokratieverdrossenheit? Die Initiativen gegen Abwanderung, für eine bessere Infrastruktur? Konzepte der SPD gibt es angeblich, laut Steinbrück lagern sie im Willy-Brandt-Haus: "Will ich Sie jetzt nicht länger mit aufhalten." Authentische Leidenschaft für Ostdeutschland, um im Duktus zu bleiben, ist das nicht.

In Bezug auf Merkel verfällt der Kandidat gar in alte Muster: "Sie konnte es sich nicht aussuchen, wo sie aufwächst", sagt er. Und dass er immer noch auf eine wahrhafte europapolitische Rede von ihr warte.

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Kommentare

67 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

@ msknow

"Diese Frau ist entweder nicht in der Lage, die geeigneten Leute für das Amt zu bestimmen oder sie hat kein Rückgrat, die geeigneten Leute zu decken. Welcher Soldat ist denn bereit mit einem solchen Hauptmann in den Krieg zu ziehen."
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Entschuldigung, aber hier täuschen Sie sich, jedenfalls nach meiner Meinung.

`Diese Frau´ hat es immerhin geschafft eine ´Mannschaft´ zu bilden aus fünf etablierten Parteien. (CDU/CSU/FDP/SPD/Grüne), zumindest wenn man sich das Abstimmungsverhalten der Bundestagsabgeordneten zu den wesentlichen europapolitischen Entscheidungen der letzten vier Jahre anschaut.

Das muß man erst mal schaffen.

thumbs up

Ich gebe Ihnen völlig Recht: "Das muss man erstmal schaffen."

Oder es beweist, dass es manchmal nur einer persönlichen Strategie obliegt, welcher Partei ein Politiker angehört. Wenn ich in die Politik wollte, würde ich in die LINKE gehen, um dann als "Realo" mehrheitsfähig zu sein, auf einem Parteitag durch die Fraktionierung mehr Redeanteil zu bekommen und durch eine knackige These in den Bundestag kommen.+
Hört sich jetzt zu einfach an. Ist es auch, Aber mit etwas Geduld haben es die Anderen genauso gemacht. Aber genau diese Einstellung lässt sich in der mangelnden Bereitschaft gerade der Kanzlerin, ein Idee zu vertreten und einer Überzeugung zu folgen, erkennen. Die Überzeugung, Kanzlerin zu sein und zu bleiben ist noch keine politische Aufgabe.
Aber das, was sie tut, tut sie, wie Sie richtig sagen, mit Raffinesse. So long Ihr ...

Was hat Steinbrück denn in seinen Reden bei den Banken gesagt?

Immerhin wurde er dafür bezahlt, wie andere, die ihre Einkommenslisten nicht offen legen.

Dass er Personal vorstellt, mit dem er regieren möchte ist IMMER falsch. Beispiel IG-Bau-Mitglied Wiesehügel, der Kritiker der Agenda 2010 war. Egal, wen er aussucht, es wird gemäkelt, nicht einmal einen konkreten sachlichen Kritikpunkt erfährt man.

Frau Merkel geht mit ihrer abgehalfterten Mannschaft ans Ziel, wovon von niemand etwas nennenswertes gesagt werden kann. Außer, dass sie Verantwortung nicht annehmen und wenn nötig auf andere abschiebt! Von den Entlassungen infolge einer unfähigen Personalpolitik einer kanzlerin, die von nichts etwas weiß, nicht wissen will und für keinen politischen Gedanken steht. Eine Erfüllungsgehilfin der Lobbyisten eben.

Eigentlich könnte man den Medien nachsagen, dass ihnen bei dieser Kanzlerin außer keiner Kritik auch keine Fragen einfallen. Ausnahmen bestätigten die Regel. An diesem leeren, langweiligen Wahlkampf tragen sie auch einen Teil der Verantwortung.

Die Kampagnen fahren die Nutznießer der Politik, die Eurospender. Das sind im Zweifel immer die selben.

Steinbrück scheint auch eine soziale Ader zu haben...

bei Maischberger hat er jedenfalls neulich halbwegs glaubhaft versichert, er würde einen Mindestlohn von 8,50 Euro / Std. einführen, um Dumpinglöhne zu verhindern und er werde finanziell Bessergestellte stärker zur Kasse bitten, um dem Arm / Reich - Spagat entgegenzuwirken. Beides hört sich ja prinzipiell sinnvoll an. Außerdem "er kann Kanzler", so das objektive Urteil von Ex-Kanzler Schmidt. Besonders vertrauenserweckend kommt der Mann dennoch nicht rüber, eher wie eine Art zweiter Gerhard Schröder... und der war, so scheint mir, stark auf seinen eigenen Geldbeutel fokusiert.

Oh je,...

völlig sinnfreie Korrelation.

Also ein SPD oder anderer Politiker darf nicht Geld nehment, wenn ein Vortrag übliicherweise beazhlt wird?
Dabei waren die Summenum um die es bei Steinbbrück geht, voll kommen im Rahmen, auch wenn das für einen "Normalverdiener" vielleicht viel sein mag.
(Charlie Sheen hat über eine Million USD für eine eine 25 Minuten Comedy Folge kassiert.)

Der Verfgleich Steinbrück Schröder sitzt schon nicht mehr im Rollstuhl, sondern liegt gelähmt im Bett.

Das sind zwei völlig verschieden Menschen vom Typus her.

In der Tat OH JE...

Sie haben nicht richtig gelesen... ich sagte es würde einen "unschönen Beigeschmack" hinterlassen und nicht, dass Politiker grundsätzlich Reden ohne Honorar halten müssten. Ich finde es aber offensichtlich, dass ein Politiker, der öffentlich bekundet die Interessen der "Normalverdiener" (und Armen) zu vertreten, gleichzeitig aber Besserverdienenden schöne Reden hält, einfach unglaubwürdig erscheint. Steinbrück ist für mich einfach unglaubwürdig. (Ebenso wie Schröder, der wenige Wochen nach verlorener Wahl als Lobbyst für irgendein Unternehmen tätig wurde.) Die ZEIT weist durch mehrere Artikel auf diese Umstände hin. Man lese außerdem einfach den Wikipedia-Eintrag über Steinbrück nach, dann lernt man seine gelobten "Kanten" kennen.

Zu ihrem hinkenden Vergleich: Über Charlie Sheen kann ich hin und wieder lachen, über Steinbrück nicht. Damit ist unsere Unterhaltung von meiner Seite aus beendet.

Sie bleiben also im Tenor...

Das ist doch einfach lächerlich, alles Rechts von der Sozialdemokrate darf also fünfstellige Redner-Honorare vereinahmen, der SPDler soll es für "Umme" machen.

Ob sie Herrn Steinbrück lustig finden ist dabie egal, hier geht es um Angebot und Nachfrage, wenn jemand einen fünstellige Betrag an wen auch immer zahlen will, damit er ihm was auch immer erzählt ist das dessen Problem und nicht das Problem des Redners.

Schauen Sie sich mal an, was für Honorare die Moderatoren solcher Veranstaltung nehmen.

Viel von dem Medien-Hype bzw. Bashing gegen Steinbbrück dürfte auch daher rühren, dass sich manche Journalisten für ihre Dienste, bei solchen Veranstaltungen nicht gut genug bezahlt fühlen.

Würde Sie nein sagen, wenn man ihnen die Summe X für irgendeine Leistung bietet, ohne dass Sie in ein Abghängigkeitsverhältnis kommen?

Steinbrück, ähnlich wie Schmidt, bis vor ein paar Jahren, kann eben viele Dinge aus dem VWL und Finanbereich relativ anschaulich erklären.

Ob Sie seine Meinungen teilen, bleibt Ihnen überlassen.

Diese 5.000 - 25.000 € sind nun das Preisniveau für solch Reden oder Panels.

Was immer vergessen wird, es ist ja nicht nur die Zeit auf der Veranstaltung die bezahlt wird, plus An- und Abreise, sondern der Redener o. Diskutant muss sich auf sowas vorbereiten, er muss die Rede schreiben oder redigieren, er muss über das Thema auf dem laufenden sein etc..

Rechnen Sie mal für eine 60 Minuten Rede 12 - 16 Arb. Std. Vorbereitung.

Sehr geehrte Frau Caspari ...

Sehr geehrte Frau Caspari, habe ich da etwas falsch verstanden ?

Ihre Beiträge, wie auch die meisten anderen Beiträge "rund um die Bundestagswahl" vermitteln jedenfalls einen ungewöhnlichen Eindruck.

So als es gehe garnicht um die Wahlmöglichkeit unter verschiedenen Parteien und Kandidatinnen/ Kandidaten. Darum welche Konstellation in den kommenden 4 Jahren regieren soll - sondern nur um die Frage : Steinbrück ja/ nein.

Jedenfalls wissen wir nun jede Menge von Herrn Steinbrück. Auch das er "müden Wahlkampf" kann. Und von Frau Dr. Merkel wissen wir immer noch nichts. Ausgenommen die "Panini-Format"-Bildchen fürs Sammelalbum.

Was ja eigentlich komisch ist. "Regiert" Sie dieses Land doch bereits mehrere Jahre.