TV-Duell"Steinbrück kann am Sonntag nur verlieren"

Rechthaber gegen Meisterin des Vagen: Dem SPD-Kandidaten wird es im TV-Duell nicht gelingen, Merkel zu stellen, prophezeit Kommunikationsberater Klaus Kocks im Interview. von 

ZEIT ONLINE: Schauen Sie sich das TV-Duell Merkel/Steinbrück am Sonntagabend an – als Wähler oder als Kommunikationsexperte?

Klaus Kocks: Nur als Kommunikationsfachmann. Denn als Wähler bin ich bereits im Tiefschlaf. Ich werde mir das Duell deshalb nur anschauen wie einen Boxkampf, bei dem man zweifelsfrei weiß, wer gewinnen wird, und man nur noch sehen möchte, wie der Verlierer verliert.

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ZEIT ONLINE: Sie gehen davon aus, dass Merkel in jedem Fall gewinnt?

Kocks: Ja, und das hängt an der Grundkonstellation dieses Wahlkampfs. Wir haben eine postmoderne Kanzlerin, die eine konsequente Politik der Entpolitisierung betreibt, die ein Szenario des Ideologiefreien, des Vagen und Ungefähren geschaffen hat und die das Durchwurschteln zum Prinzip erhebt. Gegen diese Frau, die eigentlich gar keine politische Figur mehr ist, sondern eher eine feudale Aristokratin, die sich zur Wiederwahl stellt, tritt ein ministerialer Rechthaber an, der das Bild eines Oberlehrers produziert. Damit hat er verloren, bevor er begonnen hat.

ZEIT ONLINE: Die TV-Debatte wird daran nichts ändern können?

Klaus Kocks

hat für verschiedene Unternehmen Öffentlichkeitsarbeit gemacht, unter anderem für Volkswagen, wo er auch Vorstandsmitglied war. Er leitet heute eine eigene PR-Beratungsfirma und ist Honorarprofessor für Kommunikationsmanagement an der Fachhochschule Osnabrück.

Kocks: Diese Konstellation kann nichts ändern, weil auch Steinbrück sie und sich nicht ändern kann. Wir haben hier zwei völlig unterschiedliche Naturelle. Auf der einen Seite eine ostdeutsche Pragmatikerin, die das Land so führt, wie sie früher ihre Datsche gebaut hat. Improvisieren als Staatskunst. Auf der anderen Seite der frühere Hausmeier von Johannes Rau, der sich bemüht, der Schlauere zu sein. Das hilft ihm gegen Merkel aber nicht. Er wird beim Publikum alle Ressentiments wecken, die Leute in der Regel gegen ihre früheren Mathematiklehrer haben.

ZEIT ONLINE: Trotzdem schauen jetzt alle ganz gespannt auf dieses Kandidatenduell im Fernsehen.

Kocks: Ich glaube nicht, dass die meisten Menschen das tun. Am Sonntag steht keine Entscheidungsschlacht an. Es wird nicht mal eine richtige Kontroverse oder eine Debatte werden. Eher ein Kaffeekränzchen im deutschen Wohnzimmer, wo jeder ahnt, dass Mutti die Oberhoheit haben und ihr Gast sich blamieren wird. Wir haben das schon beim TV-Duell mit Frank-Walter Steinmeier gesehen, der 2009 aufgetreten ist wie ihr Juniorassistent, der um Aufmerksamkeit bettelt.

ZEIT ONLINE: Kein bisschen Hoffnung, dass es am Sonntag doch eine Überraschung gibt?

Kocks: Nein, die habe ich längst fahren lassen. Das Furchtbare ist, dass Steinbrück Merkels Strategie der Entpolitisierung und Pragmatisierung, der Visions- und Prinzipienlosigkeit wenig bis nichts entgegenzusetzen hat.

ZEIT ONLINE: Sie erwarten also eine sehr matte Auseinandersetzung?

Kocks: Nicht mal das! Merkel wird Merkel sein, und Steinbrück wird einen Kampf versuchen mit jemandem, der gar nicht kämpfen will. Merkels Genie besteht im Wahlkampf ohne Kampf, im Verabreichen von Valium an die ganze Nation, und nicht darin, dass sie recht haben will. Sie wuchert mit der Eitelkeit der Bescheidenen. Dagegen ist Steinbrück, obwohl er schlauer ist, völlig hilflos. Man wird auch diesen Mann an Merkel scheitern sehen.

ZEIT ONLINE: Aber er ist rhetorisch sehr gut, er kann ironisch und aggressiv auftreten. Kann ihm das nicht beim Publikum Pluspunkte bringen, wenn es ihm gelingt, Merkel dort zu stellen, wo sie Antworten immer schuldig bleibt?

Kocks: Das wird ihm nicht gelingen. Merkel führt einen präsidialen Wahlkampf, in dem sie jeden Eindruck zu vermeiden versucht, dass es um eine wirkliche Entscheidung geht, dass es eine Alternative zu ihrer Politik gibt. Das kommt dem seit der Einheit weitgehend unpolitischen Charakter der Deutschen entgegen. Steinbrück wird recht haben. Aber das wird ihm keine Sympathie bringen.

Leserkommentare
  1. Ich bin zwar kein Kommunikationsspezialexperte, der in die Zukunft schauen kann, aber ich denke schon, dass SteinBRÜCK mit Merkel auftreten wird und nicht Steinmeier:

    "Dagegen ist Steinmeier, obwohl er schlauer ist, völlig hilflos. Man wird auch diesen Mann an Merkel scheitern sehen."

    10 Leserempfehlungen
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    Redaktion

    Da ist uns ein Fehler unterlaufen. Vielen Dank für den Hinweis, wir haben es berichtigt!

    • YvesM.
    • 31. August 2013 22:29 Uhr

    Glaubt hier wirklich jemand, dass es irgendeine Bedeutung für die Zukunft der Bürger in Deutschland hat, wie der nächste Möchtegernkanzlerdarsteller heißt?

    "und ich freu mich schon auf das Duell 2017: Gabriel gegen Merkel."

    hat sie nicht schon lang und breit verkündet, dass dies die letzte kandidatur ist?

    • doof
    • 31. August 2013 13:00 Uhr

    die angekündigten weiteren Enthüllungen von Edward Snowden bzw. dem Guardian über die Verwicklungen der Bundesregierung in den NSA-Skandal.

    Vielleicht enthalten diese den Sprengstoff, der nicht an der Kanzlerin abprallen kann.

    39 Leserempfehlungen
  2. 3. ERROR

    "Kocks: Ich glaube ich nicht, "

    "Dagegen ist Steinmeier, obwohl er schlauer ist, völlig hilflos. Man wird auch diesen Mann an Merkel scheitern sehen." (Ich denke, da sollte Steinbrück stehen)

    Ansonsten, nette Thesen, Ich bin gespannt.

    HAND!

    Eine Leserempfehlung
    • doof
    • 31. August 2013 13:02 Uhr

    fällt mir gerade auf - na dann - das ist ja der Kommunikationsfachmann schlechthin, wie man landauf landab in Talkshows bewundern kann.

    15 Leserempfehlungen
  3. Kocks ist zwar ein nur schwer zu ertragender Selbstdarsteller aber, dass er sein Handwerk versteht, wird mir jeder seiner Formulierungen deutlich.
    Fehlt nur noch die politische Wertung. Steinbrück unterliegt nicht nur stilistisch gegen Merkel, er offenbart auch, dass er nie ein authentischer Staatmann sein wird. Das ist schlimmer.

    2 Leserempfehlungen
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    Gut dass die authentische Kanzlerin wenigstens stilistischer Staatsmann ist...äh. Ich wähle Merkel weil die Kanzlerin steil gehen muss.

    • doof
    • 31. August 2013 13:25 Uhr

    On den Phrasen, die Altbekanntes mit neu zusammengemischten Weisheiten enthalten und mit Schlagwörtern gespickt sind, auf dass der Leser/Hörer darauf anspringt?
    Meinen Sie das mit Expertise auf dem Feld der Kommunikationswissenschaften? Rhetorische Fähigkeiten offensichtlich werden zu lassen?
    Dann mögen Sie recht haben*.

    * Bsp.:
    "postmoderne Kanzlerin2 (war man da nicht mutig genug, "postdemokratisch" zu sagen?), "konsequente Politik", dennoch "Entpolitisierung", "Szenario des Ideologiefreien" (ist auch wieder eigentlich aktuell positiv besetzt), "des Vagen und Ungefähren" (das wieder weniger) "Durchwurschteln zum Prinzip" (auch schlecht aber...), "ostdeutsche Pragmatikerin", "Improvisieren als Staatskunst", "feudale Aristokratin" (tja wie nun?),
    vs.
    "ein ministerialer Rechthaber" "Bild eines Oberlehrers"
    "Hausmeier", "sich bemüht, der Schlauere zu sein", "Ressentiments wecken, "gegen ihre früheren Mathematiklehrer".

    • nochwas
    • 31. August 2013 15:26 Uhr

    Da bin ich mir auch sehr sicher, dass Steinbrück keine Chance hat.
    Zumal das hier jemand aus der Branche beurteilt, der Frau Kanzlerin zu dem gemacht hat, was er jetzt treffend beschreibt.
    Geht man davon aus, dass viele Politiker nur noch die Produkte ihres Mediencoach sind, so kommt bei Merkel noch hinzu, was man trotz allem so nicht erwarten würde.
    Aus der per se sich seit eh und je als antifaschistisch beschreibenden DDR stammend, fehlt ihr die Kultur der Selbstreflexion des eigenen faschistoiden Verhaltens, die sich in der BRD ausgebildet hat und von der man automatisch ausgeht. Selbst wenn sich viele damit nicht auseinandergesetzt haben, so gibt es doch einen moralischen Konsens, der bei Politikern vorausgesetzt wird.
    Was bei Schröder noch suboptimal war, ist bei Merkel garnichts.
    Das wird Herrn Steinbrück sprachlos machen.
    Andererseits wird sie keine Gelegenheit auslassen umd gerade an dieser westdeutschen Schwachstelle ihren Dolch hinein zu stoßen.

  4. dann die Menschen in Deutschland. Die verlieren auf jeden Fall, egal wie es morgen ausgeht.

    37 Leserempfehlungen
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    • hairy
    • 31. August 2013 14:22 Uhr

    "TV-Duell": wäre das nicht auchmal ein Unwort des Jahres?

  5. welche Krawatte Steinbrück tragen und der Hosenanzug von Merkel keine Falten werfen wird?

    Auf den Jahrmärkten gehen weder die Glaskugeln noch der Kaffeesatz aus.

    20 Leserempfehlungen
  6. 8. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf polemische Behauptungen und Spekulationen. Danke, die Redaktion/jk

    4 Leserempfehlungen
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    • Rosbaud
    • 31. August 2013 16:25 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf überzogene Polemik. Danke, die Redaktion/jk

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Frank Walter Steinmeier | Johannes Rau | TV-Duell | Wahlkampf | Postmoderne
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