ZEIT ONLINE: Schauen Sie sich das TV-Duell Merkel/Steinbrück am Sonntagabend an – als Wähler oder als Kommunikationsexperte?

Klaus Kocks: Nur als Kommunikationsfachmann. Denn als Wähler bin ich bereits im Tiefschlaf. Ich werde mir das Duell deshalb nur anschauen wie einen Boxkampf, bei dem man zweifelsfrei weiß, wer gewinnen wird, und man nur noch sehen möchte, wie der Verlierer verliert.

ZEIT ONLINE: Sie gehen davon aus, dass Merkel in jedem Fall gewinnt?

Kocks: Ja, und das hängt an der Grundkonstellation dieses Wahlkampfs. Wir haben eine postmoderne Kanzlerin, die eine konsequente Politik der Entpolitisierung betreibt, die ein Szenario des Ideologiefreien, des Vagen und Ungefähren geschaffen hat und die das Durchwurschteln zum Prinzip erhebt. Gegen diese Frau, die eigentlich gar keine politische Figur mehr ist, sondern eher eine feudale Aristokratin, die sich zur Wiederwahl stellt, tritt ein ministerialer Rechthaber an, der das Bild eines Oberlehrers produziert. Damit hat er verloren, bevor er begonnen hat.

ZEIT ONLINE: Die TV-Debatte wird daran nichts ändern können?

Kocks: Diese Konstellation kann nichts ändern, weil auch Steinbrück sie und sich nicht ändern kann. Wir haben hier zwei völlig unterschiedliche Naturelle. Auf der einen Seite eine ostdeutsche Pragmatikerin, die das Land so führt, wie sie früher ihre Datsche gebaut hat. Improvisieren als Staatskunst. Auf der anderen Seite der frühere Hausmeier von Johannes Rau, der sich bemüht, der Schlauere zu sein. Das hilft ihm gegen Merkel aber nicht. Er wird beim Publikum alle Ressentiments wecken, die Leute in der Regel gegen ihre früheren Mathematiklehrer haben.

ZEIT ONLINE: Trotzdem schauen jetzt alle ganz gespannt auf dieses Kandidatenduell im Fernsehen.

Kocks: Ich glaube nicht, dass die meisten Menschen das tun. Am Sonntag steht keine Entscheidungsschlacht an. Es wird nicht mal eine richtige Kontroverse oder eine Debatte werden. Eher ein Kaffeekränzchen im deutschen Wohnzimmer, wo jeder ahnt, dass Mutti die Oberhoheit haben und ihr Gast sich blamieren wird. Wir haben das schon beim TV-Duell mit Frank-Walter Steinmeier gesehen, der 2009 aufgetreten ist wie ihr Juniorassistent, der um Aufmerksamkeit bettelt.

ZEIT ONLINE: Kein bisschen Hoffnung, dass es am Sonntag doch eine Überraschung gibt?

Kocks: Nein, die habe ich längst fahren lassen. Das Furchtbare ist, dass Steinbrück Merkels Strategie der Entpolitisierung und Pragmatisierung, der Visions- und Prinzipienlosigkeit wenig bis nichts entgegenzusetzen hat.

ZEIT ONLINE: Sie erwarten also eine sehr matte Auseinandersetzung?

Kocks: Nicht mal das! Merkel wird Merkel sein, und Steinbrück wird einen Kampf versuchen mit jemandem, der gar nicht kämpfen will. Merkels Genie besteht im Wahlkampf ohne Kampf, im Verabreichen von Valium an die ganze Nation, und nicht darin, dass sie recht haben will. Sie wuchert mit der Eitelkeit der Bescheidenen. Dagegen ist Steinbrück, obwohl er schlauer ist, völlig hilflos. Man wird auch diesen Mann an Merkel scheitern sehen.

ZEIT ONLINE: Aber er ist rhetorisch sehr gut, er kann ironisch und aggressiv auftreten. Kann ihm das nicht beim Publikum Pluspunkte bringen, wenn es ihm gelingt, Merkel dort zu stellen, wo sie Antworten immer schuldig bleibt?

Kocks: Das wird ihm nicht gelingen. Merkel führt einen präsidialen Wahlkampf, in dem sie jeden Eindruck zu vermeiden versucht, dass es um eine wirkliche Entscheidung geht, dass es eine Alternative zu ihrer Politik gibt. Das kommt dem seit der Einheit weitgehend unpolitischen Charakter der Deutschen entgegen. Steinbrück wird recht haben. Aber das wird ihm keine Sympathie bringen.