Der frühere SPD-Vorsitzende Franz Müntefering kritisiert den Bundestagswahlkampf seiner Partei. © Thomas Peter/Reuters

Der frühere SPD-Bundesvorsitzende Franz Müntefering hat der aktuellen Parteiführung schwere Versäumnisse im Wahlkampf vorgeworfen. "In dem Moment, in dem der Kandidat auftritt, muss die Kampagne stehen", sagte er der ZEIT. Das sei bei der Kampa 1998 so gewesen und bei allen anderen Wahlkämpfen auch. "Für Steinbrück gab es keine Kampagne, keine Bühne, keine Mitarbeiter, da gab es nichts", sagte Müntefering

Wenn intern klar gewesen sei, dass von drei möglichen Kandidaten zwei gar nicht wollten, frage er sich, wie so etwas passieren könne. "Der Start war misslungen. Mir standen die Haare zu Berge", sagte Müntefering. Umso bemerkenswerter sei es, wie der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück jetzt kämpfe: "Ich bin bei ihm."

Müntefering gilt als einer der erfolgreichsten Wahlkämpfer der SPD. Als Generalsekretär initiierte er im Herbst 1997 die "Kampa": Diese organisierte den Wahlkampf von Gerhard Schröder, der im Herbst 1998 mit einer rot-grünen Bundesregierung Helmut Kohl (CDU) nach 16 Jahren Amtszeit als Bundeskanzler ablöste. 

"Steinbrück muss Steinbrück sein"

Müntefering warnte in der ZEIT die SPD-Führung davor, den Kanzlerkandidaten "umschminken" zu wollen. "Steinbrück muss Steinbrück sein", sagte Müntefering, der am Ende der Legislaturperiode aus dem Bundestag ausscheidet. Steinbrück solle sagen, was er denke und machen wolle, was er für richtig halte – so wie er das über Jahre stets getan habe. Daraus sei das Vertrauen entstanden, dass Steinbrück es könne. "Man darf Leute nicht umschminken", sagte Müntefering. Auch dürfe sich der Kandidat nicht im Kleinteiligen verlieren.

Als tieferen Grund der anhaltend schlechten Umfrageergebnisse nannte Müntefering die Weigerung vieler Sozialdemokraten, sich vorbehaltlos hinter die jüngsten elf Regierungsjahre der SPD zu stellen. "Wir haben einiges getan, um das Land erheblich zu stabilisieren", sagte Müntefering. Wenn man das alles für falsch erkläre, zum Teil in dramatischen Worten, dürfe man sich nicht wundern, wenn die Leute sagten: "Warum sollen wir die denn jetzt wieder wählen? Wir müssen uns nicht von unserer Vergangenheit distanzieren", so Müntefering.

Große Koalition unwahrscheinlich   

Der ehemalige SPD-Chef hält eine Große Koalition nach der Bundestagswahl für unwahrscheinlich. Er widersprach zwar der Einschätzung, wonach seine Partei nur geschwächt aus einer Neuauflage der schwarz-roten Koalition gehen könne: "Aus der Großen Koalition 1966–69 ist die SPD gestärkt, aus der jüngsten geschwächt hervorgegangen. Es gibt keine Zwangsläufigkeit", sagte Müntefering. "Es wäre aber wahrscheinlich, dass sich bei entsprechendem Ergebnis in der SPD die Meinung durchsetzen könnte, dass man sich nicht in eine Große Koalition hinein bewegen darf."

SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles hatte am Montag bestätigt, dass die Partei in der Woche nach der Bundestagswahl am 22. September bei einem kleinen Parteitag in Berlin Konsequenzen des Wahlergebnisses beraten will. Sollte es für die SPD nicht zu einer Koalition mit den Grünen reichen, aber auch nicht für eine Fortsetzung von Schwarz-Gelb, dürfte es bei dem Parteikonvent darum gehen, ob die SPD eine Große Koalition anstrebt oder erneut in die Opposition geht.