Bundestagswahl 2013Müntefering entsetzt über SPD-Wahlkampf

Der frühere SPD-Chef gilt als herausragender Wahlkämpfer. Die aktuelle Kampagne seiner Partei kritisiert er scharf: Steinbrück sei anfangs völlig allein gelassen worden.

Der frühere SPD-Vorsitzende Franz Müntefering kritisiert den Bundestagswahlkampf seiner Partei.

Der frühere SPD-Vorsitzende Franz Müntefering kritisiert den Bundestagswahlkampf seiner Partei.   |  © Thomas Peter/Reuters

Der frühere SPD-Bundesvorsitzende Franz Müntefering hat der aktuellen Parteiführung schwere Versäumnisse im Wahlkampf vorgeworfen. "In dem Moment, in dem der Kandidat auftritt, muss die Kampagne stehen", sagte er der ZEIT. Das sei bei der Kampa 1998 so gewesen und bei allen anderen Wahlkämpfen auch. "Für Steinbrück gab es keine Kampagne, keine Bühne, keine Mitarbeiter, da gab es nichts", sagte Müntefering

Wenn intern klar gewesen sei, dass von drei möglichen Kandidaten zwei gar nicht wollten, frage er sich, wie so etwas passieren könne. "Der Start war misslungen. Mir standen die Haare zu Berge", sagte Müntefering. Umso bemerkenswerter sei es, wie der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück jetzt kämpfe: "Ich bin bei ihm."

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Müntefering gilt als einer der erfolgreichsten Wahlkämpfer der SPD. Als Generalsekretär initiierte er im Herbst 1997 die "Kampa": Diese organisierte den Wahlkampf von Gerhard Schröder, der im Herbst 1998 mit einer rot-grünen Bundesregierung Helmut Kohl (CDU) nach 16 Jahren Amtszeit als Bundeskanzler ablöste. 

"Steinbrück muss Steinbrück sein"

Müntefering warnte in der ZEIT die SPD-Führung davor, den Kanzlerkandidaten "umschminken" zu wollen. "Steinbrück muss Steinbrück sein", sagte Müntefering, der am Ende der Legislaturperiode aus dem Bundestag ausscheidet. Steinbrück solle sagen, was er denke und machen wolle, was er für richtig halte – so wie er das über Jahre stets getan habe. Daraus sei das Vertrauen entstanden, dass Steinbrück es könne. "Man darf Leute nicht umschminken", sagte Müntefering. Auch dürfe sich der Kandidat nicht im Kleinteiligen verlieren.

Als tieferen Grund der anhaltend schlechten Umfrageergebnisse nannte Müntefering die Weigerung vieler Sozialdemokraten, sich vorbehaltlos hinter die jüngsten elf Regierungsjahre der SPD zu stellen. "Wir haben einiges getan, um das Land erheblich zu stabilisieren", sagte Müntefering. Wenn man das alles für falsch erkläre, zum Teil in dramatischen Worten, dürfe man sich nicht wundern, wenn die Leute sagten: "Warum sollen wir die denn jetzt wieder wählen? Wir müssen uns nicht von unserer Vergangenheit distanzieren", so Müntefering.

Große Koalition unwahrscheinlich   

Der ehemalige SPD-Chef hält eine Große Koalition nach der Bundestagswahl für unwahrscheinlich. Er widersprach zwar der Einschätzung, wonach seine Partei nur geschwächt aus einer Neuauflage der schwarz-roten Koalition gehen könne: "Aus der Großen Koalition 1966–69 ist die SPD gestärkt, aus der jüngsten geschwächt hervorgegangen. Es gibt keine Zwangsläufigkeit", sagte Müntefering. "Es wäre aber wahrscheinlich, dass sich bei entsprechendem Ergebnis in der SPD die Meinung durchsetzen könnte, dass man sich nicht in eine Große Koalition hinein bewegen darf."

SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles hatte am Montag bestätigt, dass die Partei in der Woche nach der Bundestagswahl am 22. September bei einem kleinen Parteitag in Berlin Konsequenzen des Wahlergebnisses beraten will. Sollte es für die SPD nicht zu einer Koalition mit den Grünen reichen, aber auch nicht für eine Fortsetzung von Schwarz-Gelb, dürfte es bei dem Parteikonvent darum gehen, ob die SPD eine Große Koalition anstrebt oder erneut in die Opposition geht.

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Leserkommentare
  1. Steinbrück sollte ein guter Verlierer sein und Frau Merkel bereits jetzt gratulieren. Es wäre etwas bisher einmaliges, aber wäre auch ein Zeichen von Größe und der Einsicht.

    Auch würde es den Steuerzahler entlasten und unnötige Plakate die Umwelt schonen. Dies müsste auch im Interesse der Grünen sein.

    18 Leserempfehlungen
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    Vermeiden wir auch nur jeden Hauch einer Debatte in diesem Land. Auch nur jede Chance auf Demokratie und Interesse der Wähler. Auch nur jede Möglichkeit, sich zu positionieren und öffentliche Anschauungen zu diskutieren. Warum? Damit EIN EINZIGER MANN in Ihrem Sinn sein Gesicht wahren soll.

    Soviel Eitelkeit zu fordern muss man erstmal in der Lage sein. Respekt!

    • olegj
    • 13. August 2013 13:06 Uhr

    Ja, lasst uns Wahlen doch gleich gänzlich abschaffen. Es reicht doch, wenn die Medien ein bis zwei Monate den Einen oder den Anderen auseinander nehmen und der Verlieren daraufhin, wie von Ihnen vorgeschlagen, ein Zeichen von Größe und der Einsicht zeigt und abtritt.

    Was uns das für Kosten sparren würde...

    ...Er ist FDP Wähler.

    FDP und Freiheit.
    Das ist wie Pommes und ausgewogene Ernährung.
    Oder wie Babies und Doktortitel.
    Oder wie Gier und Gerechtigkeit.

    Die Demokratie muss endlich abgeschafft werden. Die Wiedereinführung der Monarchie ist überfällig. Es lebe die Königin!

    Wobei die Opposition insgesamt noch ein höheres Zuwachspotenzial hat -> http://www.zeit.de/news/2... Es ist also bislang noch nichts entschieden - zumindest nicht, dass Schwarz-Gelb weiterregieren kann.

  2. 2. [...]

    Entfernt. Kommentieren Sie den Inhalt des Artikels. Die Redaktion/mak

    15 Leserempfehlungen
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    in den verschiedensten Umfragen ist die Wahrscheinlichkeit recht gering, dass die AfD in den Bundestag kommt.

    in den Bundestag einziehen wird. Sie wird noch nicht einmal bei Prognosen erwähnt. Was soll hier über eine Partei, die ein paar Professoren aus Langeweile gegründet haben, großartig diskutieren? Wir sollten mit der Wahl am 22.09. dafür sorgen, das die etablierten Parteien gründlich einen vor den Bug bekommen, um endlich zu begreifen, dass wir "nicht" so regiert werden wollen und auch nicht alles als alternativlos hinnehmen. Nur was sich abzeichnet, gibt mir zu meinem Wunsch, leider, leider wenig Anlass!!! Ich bin mal gespannt wie es nach der Wahl, egal wer gewinnt oder verliert, weiter gehen wird. Ob wir weiter an der Nase herumgeführt werden, oder ob ein nachvollziehbare Politik gemacht, bzw. zumindest versucht wird! Wie war das mit der Hoffnung die zuletzt stirbt?

    da so sicher ? Ich hoffe mal, daß das nicht der Fall sein wird !

    ... bestimmt nicht in den Bundestag einziehen wird. Dafür sind die deutschen Wähler einfach viel zu klug. Gut so!

    ...und hoffen, bangen, beten, daß der "Michel" dumm genug ist und vergisst, daß es sie gibt.

    Der Umgang der Presse mit der AfD ist eine Paradebeispiel für die Tatsache:

    "Was nützt die Pressefreiheit wenn es keine freie Presse gibt?"

  3. auch nicht mit den besten Kampagnen.

    Aber ganz übel ist, wenn Produkt und Kampagne schlecht sind.

    16 Leserempfehlungen
    • sudek
    • 13. August 2013 12:59 Uhr

    "...Müntefering entsetzt über SPD-Wahlkampf.."

    Wie wäre es, wenn Müntefering einfach die Klappe hielte und Steinbrück unterstützen würde.

    Wenn jemand Fehler gemacht hat, dann war es Steinbrück selbst, indem er sich mit seinen Spezies zunächst von der Partei im Brandthaus abschirmte. Aber das ist vorbei.

    6 Leserempfehlungen
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    anno 2006 und wiederholt 2011:

    "Es ist unfair Politiker an den Wahlversprechen zu messen" .

    "Zu der Frage, warum dann jedoch eine Mehrwertsteuererhöhung um 3 Prozentpunkte von 16 auf 19 % beschlossen wurde, obwohl die CDU im Wahlkampf noch eine Erhöhung um nur 2 Prozentpunkte propagierte und die SPD eine Erhöhung sogar rundweg ausschloss, lehnten sowohl Müntefering als auch Bundeskanzlerin Angela Merkel jegliche Stellungnahme ab. Stattdessen bekräftigte Müntefering wenige Tage später noch einmal seine (obige) Aussage vor Pressevertretern. (lt.wikipedia)

    Seit Schröder & Söhne hat sich die SPD aus der Sozialdemokratie verabschiedet. Von da an ging´s nur noch bergab

    Heute fehlt der SPD "die Leidenschaft zum Gestalten"
    "Das Schicksal teilt sie mit der CDU, die dieses Schicksal aber noch eher tragen kann, weil Programme dort noch nie die große Rolle spielten..."

    resümmiert Heribert Prantl in der Süddeutschen
    Warum die SPD seit Schröder und Steinbrück - trotz phantastischster Steilvorlagen der Merkel-Regierung - beim Wähler nicht wirklich punkten kann, erklärt er in seiner lesenswerten geschichtlichen Analyse:
    http://www.sueddeutsche.d...

    Das Wir entscheidet.

    Auch diese Wahl.

  4. Das liegt daran, dass man in dieser Partei nur Egoisten nach vorne lässt - die aber keinen Rückhalt in der Partei genießen. Die Linke innerhalb der SPD ist Politisch zu Oberflächlich. Dann der Hauch des Kommunistischen aus dem Zusammenschluss früherer Jahre macht den Herren und Damen der SPD es schwer Sachthemen festzulegen und Öffentlich auf den Punkt zu vertreten. Viele sind ausgetreten wegen solcher Egoistischen Einseitigkeiten und der Arroganz - Einzelner - (unter anderem Altkanzler Schröder ist solch ein Stratege).

    2 Leserempfehlungen
    • sudek
    • 13. August 2013 13:01 Uhr
    3 Leserempfehlungen
    • Moika
    • 13. August 2013 13:01 Uhr

    Müntefering ist einer der Wenigen, die ihren Kopf nicht an der Garderobe abgegeben haben und der mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht.

    Müntefering hat oft genug bewiesen zu wissen, worüber er spricht. Mit ihm wäre dieses Vermittlungsdesaster niemals passiert.

    12 Leserempfehlungen
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    .
    ...sondern ein seeheimer, wahlbetrügender Kapitalknecht ist.

    *...und ja, wegen dieser ehrlosen Pseudogenossen sind viele echte Sozialdemokraten aus der Partei ausgetreten. Ich auch.

    nie in einer Talkshow gesehen, hilfreich ist was anderes, zumindest wenn er der SPD helfen wollte

    • pinero
    • 13. August 2013 15:58 Uhr

    Das Problem der SPD sind nicht Gabriel und Nahles, das liegt weiter zurück, und für diese Entwicklung tragen Müntefering und Machnig die Hauptschuld.

    Die SPD war bis vor 15 Jahren eine Partei, die sich als Mitgliederpartei verstand. Die Basis war engagiert, in Verbänden, Vereinen und Gewerkschaften (und damit in der Gesellschaft) fest verankert. Sie hat in der Partei mitgeredet, einmal sogar den Kanzlerkandidaten per Urwahl bestimmt.
    Die Basis hatte eine tragende Rolle und war damit häufig auch schwierig und anstrengend.

    Dann kam Münte als Generalsekretär und mit ihm die Doktrin, dass man mit diesem ganzen Mitgliederpartei-Gedöns Schluss machen muss und stattdessen darauf setzt, professionelle Wahlkampagnen im amerikanischen Stil durchzuführen. Kampagnenpartei statt Mitgliederpartei.
    Das Ergebnis sieht man heute: die Hälfte der Mitglieder ist weg, die Verankerung in der Gesellschaft auch und damit die strukturelle Mehrheitsfähigkeit, die Partei ist blutleer und müde.

    Müntefering hat aber offensichtlich nichts gelernt. Er denkt wohl immer noch, dass man Wahlen vor allem wegen der Kampagne kurz vor der Wahl gewinnt und nicht durch die Arbeit der laufenden Legislaturperiode.

    "Wir müssen uns nicht von unserer Vergangenheit distanzieren"
    Ja, richtig gedacht, Münte. Ich wünschte, Du hättest schon 1998 so gedacht, dann hättest Du diese großartige Partei nicht zu einem inhaltsleeren Kampagnenverein unstrukturiert.

    • mcking
    • 13. August 2013 18:36 Uhr

    ...... Steinbrück in seiner Partei und im Wahlkampf sein.
    Zu viele in der SPD wollen einen anderen Steinbrück, auch die Presse möchte einen anderen Steinbrück. Wer aber nicht Echt rüberkommt hat keine Chance. Ließe man Steinbrück gewähren wie er wirklich ist gäbe es sicher viele Steinbrückbasher, aber er könnte doch auch viele neue Menschen von sich überzeugen. So wirds leider nichts! Da wird auch meine Stimme nichts nützen.
    Die meisten in Deutschland wählen nach Personen, die Inhalte und die Parteiprogramme, scheinen vielen egal zu sein. Frau Merkel macht einfach nichts, da kann man (frau) nichts falsch machen. Wer nichts falsch macht ist sympathisch und gewinnt. ...... man hört immer ....Frau Merkel macht das ja alles besser als erwartet...... tolle Kategorie....

  5. Das Deutsche Volk wünscht sich scheinbar eine inkompetente Regierung, die die Probleme unter den Teppich kehrt und dafür sorgt, dass Deutschland auf der Spitze des Scherbenhaufens Europa sitzt, anstelle ein gleichwertiges Mitglied in einem funktionierenden Europa zu sein.

    Wenn ich mir hier die Kommentare anschaue, dann wird mir wieder klar, wie Wahlkampf und Marketing funktioniert. Warscheinlich könnte fast keiner derjenigen, die hier auf die SPD einschlagen sagen, was sie eigentlich nach der Wahl wollen, geschweige denn sagen, was daran schlecht sei oder was man besser machen könne.

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    Was ist denn bitte an der Schwarz-Gelben Regierung verkehrt? In diesen vier Jahren wurde lebhaft diskutiert und beide haben einen unglaubliche Erfolgsbilanz vorzuweisen.

    Dem christlich-liberalen Kompetenz-Team haben wir es doch zu verdanken, dass Deutschland immer noch eine Top-Bonität vorzuweisen hat und die Euro-Krise an unserer geliebten Heimat spurlos vorbei zog. Die Krise ist sogar als gelöst zu betrachten.

    Griechenland, Spanien, Portugal, Italien...alle befinden sich auf dem Weg der Erholung.

    • zeman
    • 13. August 2013 13:28 Uhr

    ....politisch "ändern" würde - wie die meisten Foristen hier ;-)

    Ansonsten sollte die "SPD" Frau Merkel jetzt gratulieren, und ihren Sieg anerkennen. Der "Restwahlkampf" sollte sofort abgesagt werden, und das eingesparte Geld könnte man sozialen Zwecken zukommen lassen.

    Dann würde es nur Gewinner geben: entlastete Kassen, eine geschonte Umwelt, Bedürftige die unterstützt werden, Bürger die nicht gelangweilt werden und sich verarscht fühlen, usw...

    wie immer wieder insinuiert wird, dass, wer Steinbrück und die SPD nicht mag, unbedingt ein Fan von Mutti und ihrer Regierung sein muss.

    • thammbe
    • 13. August 2013 15:40 Uhr

    ... werden Merkel und Co, die von ihnen angerichtete alternativlose südeuropäische Kaputtsparsuppe alleine auslöffeln können. Wenn wir dann auf dem Scherbenhaufen Europas sitzen, der Karren an die Wand gefahren worden ist und wir deutsche Steuerzahler Milliarden abdrücken können, wird es dann lauten: Kraft übernehmen sie den Schrott

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  • Quelle ZEIT ONLINE, mpi
  • Schlagworte Franz Müntefering | SPD | Bundesregierung | CDU | Gerhard Schröder | Grüne
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