Bundestagswahl : Wahlboykott ist Ignoranz

In Deutschland macht sich Wahlfrust breit. Dabei ist die Entscheidung für eine Partei dieses Mal so einfach wie selten.

Wen ich am 22. September wählen soll, weiß ich längst. Die Entscheidung ist mir so leicht gefallen wie selten. Es wundert mich, was einige Journalisten und Intellektuelle dieser Tage beklagen. Dass sie das Angebot der Parteien nicht befriedigt, dass die Programme wieder einmal kaum zu unterscheiden seien, dass sie den Wahlkampf als Zumutung, gar als Belästigung empfänden. Ein Dilemma, aus dem sie erleichtert herausfinden, indem sie sagen: Dann wählen wir eben nicht. 

Wie ist das möglich? Die vergangenen vier Jahre waren von der heftigsten politischen Eruption seit der Wiedervereinigung geprägt. Wie könnte sonst bezeichnet werden, was wir in Europa mit der Euro-Krise erleben? Wie leidenschaftlich haben wir über Währung, Wirtschaft und die Europäische Union gestritten. Es ging so weit, dass deutsche Politiker andere Menschen als faul beschimpften, auch die Kanzlerin hat mitgemacht. Es ging so weit, dass Demonstranten in Südeuropa deutsche Fahnen verbrannten und Reparationen für den Zweiten Weltkrieg forderten. 

Haben die bekennenden Nichtwähler das nicht mitbekommen? Politik wird eben nicht in sechs Wochen vor der Wahl gemacht. Im Wahlkampf geht es darum, alles noch einmal zu bewerten, zu vergegenwärtigen. Natürlich können Plakate und Werbespots nur eine kleine Erinnerungshilfe bieten. Sie sind eindimensional und waren dies schon immer (CDU: "Keine Experimente", SPD: "Vorwärts, nicht rückwärts"). Und natürlich ist Politik komplexer. Weil die Demokratie keine naturgegebene Ordnung ist, muss sich jeder Bürger um Erkenntnis und Meinung selbst bemühen.

Was geschah, wird sein

Wer wissen will, was nach der Wahl kommt, sollte sich ansehen, was bisher geschah. Nehmen wir die Kanzlerin. Angela Merkel hat in der Euro-Krise einen klar nationalen Kurs gefahren. Sie hat aus ihrer Sicht alles dafür getan, vor allem deutsche Interessen und deutsche Vermögen zu schützen, auch wenn nun darunter die Wirtschaft im restlichen Europa leidet. Wenn man diese Politik gut findet, sollte man im September schwarz wählen.

Die Opposition hat die Politik der Kanzlerin im Wesentlichen mitgetragen, weil sie einen Zusammenbruch der Währungsgemeinschaft nicht zulassen wollte. Sie hat Verantwortung gezeigt, obwohl sie dem politischen Gegner dadurch geholfen hat. Trotzdem haben SPD und Grüne andere Akzente gesetzt, etwa eine viel stärkere Unterstützung der europäischen Wirtschaft gefordert. Die Linke hat sogar insgesamt das Rettungsprogramm abgelehnt. Die Unterschiede sind deutlich sichtbar, solange wir nur dazu bereit sind, uns mit Politik zu befassen.

Auch in den angekündigten Programmen gibt es klare Differenzen. Die SPD ist für den gesetzlichen Mindestlohn, die CDU will das für jede Branche einzeln regeln. Die SPD ist für die Vermögenssteuer, die CDU dagegen. Die SPD ist für die Einführung der doppelten Staatsbürgerschaft, die CDU dagegen. Die SPD ist gegen das Betreuungsgeld, die CDU dafür. So einfach. 

Nehmen wir die anderen Parteien noch dazu, ergibt sich eine Vielzahl an Widersprüchen und Nuancen. Darüber hinaus hat jeder Wähler mit seiner Zweitstimme die Möglichkeit, seine Meinung entsprechend zu akzentuieren. Genau das ist Demokratie!

Die bekennenden Nichtwähler ignorieren das offensichtlich. Für sie bestehen politische Reden pauschal aus Phrasen. Sie fühlen sich in ihrem ästhetischen Befinden beleidigt, wenn auf einem Wahlplakat einmal jemand nicht lächelt. Sie suchen nach Tiefgang und bleiben selbst an der Oberfläche. Es ist ihnen einfach zuwider, sich mit dem niederen Handwerk der politischen Arbeit zu befassen. Man kann das auch Gleichgültigkeit nennen.

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Kommentare

263 Kommentare Seite 1 von 37 Kommentieren

Kommt drauf an

"Sich vor der Mitverantwortung durch eine Wahlentscheidung zu entziehen halte ich für faul und feige und zutiefst antidemokratisch.

Wer sich nicht als Feind der Demokratie "outen" will, hat die unbedingte Pflicht zu wählen."

Das ist mir zu kategorisch.
Es gibt durchaus Wahlen, bei denen man den Würfel benutzen müsste, um zu einer Entscheidung zu kommen. Bei den Bundes- und Landtagswahlen trifft das zwar selten bis gar nicht zu, aber spätestens auf kommunaler Ebene hat das schon eine gewisse Häufigkeit.

Da spar ich mir den Aufwand dann schon mal.

Nichtwähler pauschal feige, faul und antidemokratisch?

Sie können es halten, wie sie wollen, auch an sie mein Kommentar, den ich allgemein zum Artikel schon geschrieben habe:

Wahlboykott als Ignoranz zu sehen, ist ignorant dem Fakt gebenüber, dass es Wähler gibt, welche die Demokratie nutzen, um die NPD zu wählen. Fragt sich, was jetzt was wirklich undemoratisch ist. Solange es Parteien wie NPD gibt, ist ein Wahlboykott immer noch demokratischer, als Wähler, welche diese und ähnliche Parteien wählen!

Und um ihre Frage zu beantworten: Deutschland gehts definitv zu gut, wenn vor obigen Hintergrund Nichtwähler pauschalisiert als Ignoranten ect. abgestempelt werden! So weit ich weiß, besteht Demokratie immer noch auch darin, gegen etwas zu sein und wenn es eine Wahl ist, bei der antidemokratische Parteien antreten dürfen und deren Wähler ihrer Logik nach Demokratiefreunde sind. Punkt!

@178 - Tilo Gee: Verschiedene Fässer

1.) "Wahlboykott als Ignoranz zu sehen, ist ignorant dem Fakt gebenüber, dass es Wähler gibt, welche die Demokratie nutzen, um die NPD zu wählen."
Jede zur Wahl zugelassen Partei ist wählbar.
Hier hat unser Staat leider und in bekannter Weise hinlänglich versagt, eine (m.E.) verfassungsfeindliche Partei auszusortieren.
Dies ist dennoch kein Grund nicht zu wählen, denn Sie müssen diese Partei ja nicht wählen.

Sondern ganz im Gegenteil:
Jeder Nichtwähler stärkt dies Partei sogar finanziell.

2.) "So weit ich weiß, besteht Demokratie immer noch auch darin, gegen etwas zu sein"
Genau - der Nichtwähler ist jedoch expressis verbis gegen alles und für nichts (es gibt ja auch noch das passive Wahlrecht, was allerdings Arbeit bedeutet). Für mich der geborene Antidemokrat.

3.) "Punkt!"
Hört sich jetzt sehr demokratisch an ...

Meinen Sie Ihre Frage ernst?

Natürlich ist es beleidigend, wenn Nichtwähler als "Feinde der Demokratie" bezeichnet werden. Es gibt keine Wahlpflicht, also hat jeder das Recht nicht zu wählen.

Außerdem habe ich nie behauptet, dass man nur Parteien wählen darf, die eine realistische Chance haben, in den Bundestag einzuziehen. Es ist doch nicht mehr als eine Fingerübung ohne wirkliche Relevanz wenn man einer der Splitterparteien seine Stimme gibt; und die "etablierten" Parteien überzeugen mich nicht. Also warum sollte ich wählen gehen bzw. warum soll ich ein "Feind(!) der Demokratie" sein, wenn ich es nicht tue?

@3 - Lucius Cincinnatus: Wenn es alle, die die etablierten zum

K***** finden, so machten, wie Sie hätten wir alle schon viel gewonnen.

Nichtwähler scheinen auch zu feige zu sein, es den etablierten richtig zu zeigen, insofern dann ja zweifelsohne die eine oder die andere "unliebsame" Partei miteinzöge und insofren sich die etablierten auch noch einmal ganz anders arrangeiren müssten als sie es gerne zu tun pflegen.

Zu "feige", da man dann das "normale", in dem man ja doch recht gut klagen kann, und in dem man es sich offensichtlich halbwegs moderat eingerichtet hat, doch gefährden könnte.

Jeder Mensch darf freiwillig spenden

Nicht nur Firmen dürfen spenden - jeder Privatmensch darf für seine Überzeugungen spenden. Auch ich tue dies.
Warum aber diese Umlage? Gern ein optionales Feld am Ende des Wahlbogens, ob ich die gewählte Partei mit 1€ aus der Wahlkampfumlage finanzieren möchte.
Wenn Parteien wirklich überzeugen oder noch "Welpenschutz" haben wird manch einer das ankreuzen. Die Verlierer dürften Protestparteien sein. Dass diese verlieren sollte aber unserem demokratischen System gut tun, denn dies stärkt Parteien (egal ob groß oder klein) mit ernstgemeinten Programmen.