ZEIT ONLINE: Frau Bauriedl, sind wir Deutschen so verunsichert, dass wir eine Mutti brauchen?

Thea Bauriedl: "Sie kennen mich", sagt Angela Merkel, und das scheint schon zu genügen. Darauf reagieren viele Menschen spontan mit Zustimmung. Sie meinen: Wir wissen, wie diese Mutti ist, nämlich genau so, wie wir sie uns wünschen. Sie wird alles können und alles gut machen, genauso. Jeder Verdacht, jede Befürchtung wird so beiseite geschoben. Wer es wagen würde, sie zu kritisieren, würde Gefahr laufen, dafür bestraft oder verstoßen zu werden.

ZEIT ONLINE: Aber es ist doch etwas paradox, die Regierungschefin mit einem Kosenamen anzusprechen.

Bauriedl: Auf jeden Fall. Es ist verwunderlich, dass die auch negativ konnotierte Bezeichnung Mutti jetzt wieder aufgetaucht ist und in fast undefinierbarer Art und Weise verwendet wird – ob ironisch, halb oder ganz liebevoll. Man sagt ja nicht: "Die Mutter der Nation", das würde mehr Respekt ausdrücken – allerdings auch mehr Distanz.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielt die Mutter aus psychoanalytischer Sicht genau?