Die Piraten sind egal. Eigentlich schon seit Monaten, spätestens aber seit ihren 2,2 Prozent bei der Bundestagswahl. Was bleibt von ihrem rasanten Aufstieg und ihrem ebenso dramatischen Absturz?

Vor allem natürlich: Sie selbst. Eine kleine Partei mit vier Landtagsfraktionen, die irgendwie weitermachen wird. Die Piraten sind nicht tot, nur in der Versenkung verschwunden. Sie haben aber, und das ist wichtiger, schon jetzt bemerkenswerte Impulse in der deutschen Politik gegeben.

Die Piraten haben Menschen für Parteiarbeit begeistert

Was waren das für Parteitage! Manga-Prinzessinnen, Punks, Abgeordnete in Latzhosen, viele Hipster und noch viel, viel mehr echte Nerds mit kryptischen Sprüchen auf ihren T-Shirts. Bei dieser Partei haben Tausende Menschen eine politische Heimat gefunden, die mit den anderen Parteien nie etwas anfangen konnten. Das gilt für Spitzenleute wie Marina Weisband, Johannes Ponader oder Klaus Peukert, es gilt aber noch viel mehr für die breite Basis. Nun basteln sie online und offline aus bedingungslosem Grundeinkommen, Urheberrecht, Genderpolitik und anderen Themen Wahlprogramme.

Wie gut diese Programme im Ergebnis sind, ist erst einmal egal. Egal ist sogar, ob diese Menschen auch in Zukunft Parteipolitik machen werden. Es ist schon ein Gewinn, dass sie es überhaupt versuchen. Das System kennenlernen und es verändern wollen. Die anderen Parteien können den Piraten dankbar dafür sein, dass sie Jahrzehnte nach dem Turnschuh-Aufstieg der Grünen wieder bewiesen haben: Parteipolitiker müssen nicht graue Herren in grauen Anzügen sein.

Die Piraten haben das Digitale (ein bisschen) politisiert

Internetsperren, Acta, Vorratsdatenspeicherung, Breitbandversorgung: Themen, die schon vor den Piraten diskutiert wurden, die dank ihnen aber eine parteipolitische Stimme bekommen haben. Ein ganzes Politikfeld, das bisher brachlag, hat durch die Piratenpartei an Bedeutung gewonnen. Dass nun darüber diskutiert wird, ob Deutschland ein Internetministerium braucht, wäre ohne die Piraten schwer vorstellbar. 

Netzpolitik und Überwachungsfragen sind für nur wenige wahlentscheidende Themen, das hat die Folgenlosigkeit des NSA-Skandals im Wahlkampf bewiesen. Aber in der Politik und auch in vielen Medien haben die Verantwortlichen begriffen, dass das Internet ein politischer Raum ist. Dieses Bewusstsein wird auch dank der Piraten nicht mehr verschwinden.

Die Piraten haben die Politik (ein bisschen) digitalisiert

Foren, Mailinglisten, Twitter, Mumble, Pads, Wikis, IRC, Liquid Feedback: Was für andere fremde technische Welten sind, ist für die Piraten die Heimat ihrer politischen Willensbildung. Das ist kein abseitiger Nerdismus, das Netz bietet tatsächlich revolutionäre Möglichkeiten zur politischen Beteiligung. Wenn alle bei allem sofort mitreden können, wenn Raum und Zeit keine Hürden mehr sind, dann werden Gremien, Hierarchien, Repräsentanten unwichtiger, vielleicht sogar überflüssig.

Warum nicht Parteimitglieder online über eine Position zum Syrienkrieg abstimmen lassen? Und wer keine Meinung hat, oder keine Zeit, kann seine Stimme an jemanden delegieren, dem er vertraut. Bei anderen Themen könnte er wieder selbst abstimmen.

Arrogant, naiv und populistisch

Das wollten viele Piraten mit einer sogenannten "ständigen Mitgliederversammlung im Internet" (SMV) und der Software Liquid Feedback versuchen. Verbindliche Abstimmungen wollten sie aber doch nicht zulassen, konnten ihr Versprechen auf eine Digitale Demokratie deshalb selbst nie einlösen. Umsonst war es trotzdem nicht: Parteien, Unternehmen, Kommunen haben Piraten und ihre Mitstreiter neugierig eingeladen und sich die digitalen Partizipationsmöglichkeiten erklären lassen.

Inzwischen arbeitet etwa der Landkreis Friesland mit Liquid Feedback und lässt seine Bürger online über Verkehrsinseln oder Schulsanierungen abstimmen. Alle Parteien probieren Internet-Plattformen aus, um Wähler und Mitglieder stärker zu beteiligen. Das ist alles nicht revolutionär und bleibt weit hinter den Träumen der Piraten zurück. Aber ohne ihre Vorreiter-Rolle wären die anderen noch nicht so weit.

Dass es ein neues Bedürfnis nach direkter Beteiligung, nach politischer Mitsprache jenseits von Wahlen in der Bevölkerung gibt, das haben die Piraten früher erkannt als alle anderen. 

Die Piraten haben die Schwächen der anderen gezeigt

Einer der erfolgreichsten Piraten-Slogans war: "Wir stellen das mal infrage." Sie saßen in Talkshows, fanden die Antworten der anderen doof, hatten selbst aber keine. Das war natürlich eine Unverschämtheit. Sie hatten keine Ahnung und wussten doch ganz genau, dass es so nicht weitergehen könne. Mit der Politikersprache. Mit den Hinterzimmer-Abstimmungen. Mit den Schaukämpfen in Parlamenten und Talkshows. Mit der Intransparenz und der Machtfixiertheit. Sie wollten das alles anders machen, ein "Systemupdate", hatten aber selbst keins zu bieten. Zudem wollten sie keine Politiker sein, sondern "Menschen, die Politik machen".

Das ist arrogant, naiv und populistisch. Weil da jemand von außen behauptet, dass es auch ganz anders ginge, viel einfacher. Dass das System falsch sei. Dabei gibt es viele Gründe dafür, dass Parteipolitik so funktioniert, wie sie ist. Manche dieser Gründe sind gut, andere sind schlecht. In der Innensicht der etablierten Parteien wirken sie alle wie Zwänge: als alternativlos. Das ist Bequemlichkeit. Es geht immer auch anders. Die Piraten haben die anderen Parteien gezwungen, sich und ihre Art, Politik zu machen, zu rechtfertigen.

Die junge Partei war so unverschämt, einfachste Fragen zu stellen: Wie wollen wir Politik machen? Wie wollen wir als Gesellschaft darüber reden und entscheiden, was gut für uns ist? Dass sie darauf keine Antworten hatte, ist nicht so wichtig. Denn diese Fragen kann sich eine Gesellschaft gar nicht oft genug stellen.

Die Piraten haben die Stärken der anderen gezeigt

Die Piraten funktionierten als Kontrastmittel. Man sah ihre Leerstellen und Fehler und dadurch all das, was bei den anderen Parteien besser ist, von den Wählern aber für selbstverständlich gehalten oder gar verachtet wird: Positionen, die auch den nächsten Shitstorm oder den nächsten nächtlichen Parteitagsstreit überstehen. Führungsfiguren, die von ihrer Basis nicht beschimpft, sondern unterstützt werden. Ein in sich stimmiges Parteiprogramm, hinter dem ein erklärtes Weltbild steht, statt eines Sammelsuriums an Einzelforderungen.

Wer kompetent, selbstbewusst oder gar prominent ist, hat es bei den Piraten schwer. Bei anderen Parteien qualifiziert das für hohe Ämter. Die Piraten wollen nicht allzu professionell werden. 

Die Piraten haben mit ihren zahllosen Skandälchen, Pannen und letztlich ihrem vorerstigen Scheitern bewiesen, dass die bisherige Parteipolitik doch nicht so schlecht ist. Dass es zu Recht eine Arbeitsteilung gibt zwischen Wählern und Politikern. Dass es eigentlich ganz gut ist, wenn in den Parlamenten Profis sitzen.