Es ist halb neun Uhr an diesem Wahlabend, als die Sozialdemokraten am Willy-Brandt-Haus so spontan applaudieren und johlen wie den ganzen Abend nicht. Nicht, weil ihr Kandidat Peer Steinbrück gewonnen hätte. Sondern weil er seine Partei gerade in die Opposition komplimentiert. "Ich würde meiner Partei raten, nicht für eine Große Koalition zur Verfügung zu stehen, sondern in die Opposition zu gehen", sagt Steinbrück in der Fernsehrunde der Spitzenkandidaten.

Opposition, darüber jubeln sie hier. Ihr Exvorsitzender Franz Müntefering hatte immer gesagt: "Opposition ist Mist." Wegen der Machtlosigkeit. Aber jetzt ist es ihre Zukunftsperspektive. Das, was sich die Sozialdemokraten wünschen. Manche zähneknirschend, manche mit Vorfreude.

25,7 Prozent der Wählerstimmen hat die SPD bekommen, das ist ein wenig mehr als 2009 (23 Prozent), aber es sind auch fast 16 Prozentpunkte weniger als bei der Union. Angela Merkel ist jetzt die einzig wahre deutsche Volkspartei, sie hat sie alle besiegt, auch die SPD. Dann also: möglichst weit weg von der übermächtigen Kanzlerin.

Ganz vorn an der Leinwand steht Ingrid Leithäuser. Ihr Wunsch: "Vier Jahre Opposition und dann Merkel voll auf die zwölf geben!" Unter einer Kanzlerin Merkel in einer Großen Koalition, sagt die 62-jährige SPD-Anhängerin, werde es "ganz schwer, sich zu profilieren". Ein anderer geht noch weiter: "Große Koalition wäre doch Wählerbetrug bei diesen Ergebnissen", sagt SPD-Mitglied Christian Söder. "Merkel soll zusehen, wie sie das hinkriegt."

Die beiden machen es sich leicht. Zu leicht. Noch ist die SPD nicht in der Opposition, sondern in der Klemme. Da die Union keine stabile absolute Mehrheit hat, werden die Sozialdemokraten entscheiden müssen, ob sie sich wirklich einer Regierungsbildung verweigern. Sich einfach auf eine "Macht-Ihr-mal-alleine"-Position zurückzuziehen, entspräche nicht ihrem Sinn für staatspolitische Verantwortung.

In Ruhe abwarten

Die Sozialdemokraten hoffen deshalb darauf, dass der Kelch an ihnen vorüberzieht. Dass die Grünen ihn nehmen, zum Beispiel. "Die machen das", sagt Anhängerin Leithäuser. Tatsächlich ist eine Große Koalition sehr schwer vorstellbar. Weil die SPD bei solch klaren Machtverhältnissen nur einen Bruchteil ihrer Inhalte durchsetzen könnte. Mindestlohn, Betreuungsgeld abschaffen, eine höhere Rente, das ist nur die Spitze der linken Programmatik, auf die sie sich festgelegt hat. Würde sie diese Linie unter Merkel aufgeben, würde sie sich erneut unglaubwürdig machen. Die Partei würde sich selbst nach der Agenda 2010 den zweiten Schlag versetzen.

Deshalb ruft auch Johannes Kahrs, Bundestagsabgeordneter und Mitglied des konservativer Seeheimer Kreises, an diesem Abend ins Telefon: "Große Koalition? Unter Merkel? Als Juniorpartner? Näää!" Solle die es doch mit den Grünen versuchen, "oder von mir aus auch mit den Linken". Seine SPD, sagt Kahrs, habe "ein klares Mandat für eine sichere Opposition". Das wäre ihm viel lieber als ein Bündnis mit der Union. Er empfiehlt jetzt allen Parteifreunden, "erst einmal drei Tage ganz in Ruhe abzuwarten".