Neue deutsche Konflikte – unter dieser Überschrift widmen wir uns in einer kleinen Serie Themen, die in diesem Wahlkampf kaum eine Rolle spielten. Wir beschreiben Konflikte, die es so vor 20 Jahren noch nicht gegeben hat. Konflikte, die nicht immer offen ausgetragen werden, die aber drängender werden.

Die Zukunft Suhls macht es sich in der feuchten Ecke gemütlich. Wie an vielen Abenden, denn, so sagt Philipp Weltzien, "unter der Woche ist es schwer, aber hier geht immer was". Ein Dutzend junge Leute, Schüler, Auszubildende, Berufseinsteiger, Punks, sitzt an den schweren Kneipentischen, Biere in den Händen, vor manchen Teller mit Bratkartoffeln und Spiegelei.

Die feuchte Ecke ist ein Irish Pub an der Suhler Durchfahrtsstraße, der eigentlich seit ein paar Jahren Moist Corner heißt, aber die Gäste sind bei der deutschen Version geblieben. Auch die jungen.

© ZEIT ONLINE

Weltzien ist am Tag zuvor 26 Jahre alt geworden, seine Stadt ist im Schnitt fast doppelt so alt, 49,2 Jahre. Er und seine Freunde gehören zu den wenigen Jungen in Suhl, Deutschlands ältester Stadt. Sie sind Außenseiter in einer vergreisenden Kommune, sie sind die Jugend im Altersheim.

Weltzien ist auch Lokalpolitiker. Seit zweieinhalb Monaten leitet er die große Linksfraktion. Von den 36 Ratsleuten dort sind elf Rentner, der Rest zwischen 50 und 60. Das ist einerseits in Ordnung, weil die Suhler Bürger im Schnitt kaum jünger sind.

"Alles, was ich brauche"

Andererseits wirft es die Frage auf, was es für ein Gemeinwesen, für Politik bedeutet, wenn die Wähler und ihre Repräsentanten immer älter werden. Interessiert sich eine Politik, die von einer alten Mehrheit gemacht wird, noch für die Zukunft? Bahnt sich in Suhl ein Generationenkonflikt an, der bald ganz Deutschland droht?

So alt wie diese Stadt wird in 30 Jahren das ganze Land sein.

Weltzien in seiner Stammkneipe sieht aber gar nicht frustriert und wütend aus, sondern zufrieden. Jedem Neuankömmling prostet er zu, er schwenkt seinen Arm einmal durch den Raum, von den Punks am Nachbartisch bis zu den beiden älteren Damen an der Bar, "das sind alles meine Freunde hier". Weltzien hat ein paar Bartfusseln am Kinn, er trägt Hemd und Pulli und darüber eine Wetterjacke seines Arbeitgebers.  "WEISHEIT – alles für Ihr Büro" steht drauf.

© ZEIT ONLINE

Von den 90 Leuten, mit denen Weltzien Abitur gemacht hat, sind vielleicht noch 20 da, die anderen sind zum Studieren weg. "Die kommen auch nicht wieder." Er ist geblieben, hat eine Ausbildung zum Fachinformatiker gemacht. Jetzt hat er einen festen Job, ein Auto und mit seiner Freundin eine Wohnung in der Innenstadt. "Es gibt hier doch alles, was ich brauche", sagt Weltzien. "Meine Arbeit, Freunde, Wald, Kneipen, ein Kino. Ich liebe das hier."

Das ist die eine Geschichte: Wem es hier nicht gefällt, der streitet nicht mit den Alten, er geht einfach weg. Es sind jetzt nur noch die hier, die hier sein wollen. So gesehen schrumpft sich Suhl glücklich.