Vermutlich Linksautonome hatten am 24. August in Bremen den Parteichef der Alternative für Deutschland (AfD), Bernd Lucke, von der Freiluftbühne eines Ausflugslokals gestoßen und Pfefferspray in die Menge gesprüht. Der Überfall löste bundesweit Bestürzung aus, Lucke forderte ein härteres Vorgehen gegen Linksextreme. Ganz so dramatisch, wie es anfangs aussah, lief der Vorgang allerdings nicht ab.

Eine AfD-Sprecherin und die Bremer Polizeipressestelle hatten übereinstimmend behauptet, ein Helfer der Partei sei durch einen Messerstich an der Hand verletzt worden. Erste Medienberichte erweckten daraufhin den Eindruck, als wäre das Messer beim Sturm auf das Rednerpodium zum Einsatz gekommen. Dabei hatte die Polizei in ihrer Mitteilung erwähnt, dass der Helfer erst bei der Verfolgung der flüchtenden Störer "mit einem Messer angegriffen" worden sei. "Bei dessen Abwehr verletzte er sich leicht an der Hand", hieß es im Bericht.

Inzwischen wird aber angezweifelt, dass überhaupt eine Stichwaffe benutzt worden war. "Wir gehen derzeit davon aus, dass kein Messer im Spiel war", bestätigte der Sprecher der Bremer Staatsanwaltschaft, Frank Passade. Nach der Vernehmung etlicher Zeugen habe sich dieser Verdacht nicht erhärtet, sagte er ZEIT ONLINE.

Unstrittig ist Passade zufolge, dass der Helfer verwundet worden sei. "Er wollte einen der flüchtenden Störer festhalten." Woher die kleine Verletzung tatsächlich stammte, konnte nicht geklärt werden. Man könne sich ja an allem Möglichen schneiden, sagte der Oberstaatsanwalt. Zum Beispiel auch an einem Jackenreißverschluss.

Auch die Zahl der Angreifer musste die Polizei deutlich nach unten korrigieren. Der ersten Mitteilung zufolge "wurde die Veranstaltung durch ca. 20 bis 25 teilweise vermummte Personen plötzlich gestürmt". Oberstaatsanwalt Passade sagte nun, dass man von dieser Zahl wohl abrücken müsse. "Es mag sein, dass sich das irgendwo bei zehn Personen einpendeln wird." Die Ermittlungen liefen aber noch, auch gegen die drei 22- bis 27-Jährigen, die auf der Flucht vorübergehend festgenommen wurden.

Den Polizeiangaben zufolge war es acht der maximal 25 Störer bei der Attacke gelungen, auf die Bühne zu kommen. Aber auch diese Zahl war offenbar übertrieben. Videomitschnitte, die im Internet kursieren, zeigen, dass dort nur zwei Männer auf dem hüfthohen Freiluftpodest zu sehen sind. Einer stößt AfD-Chef Lucke hinunter, der andere scheint Pfefferspray zu versprühen. Lucke blieb unversehrt, aber laut Polizei wurden 16 Personen durch das Spray verletzt, darunter auch zwei Kinder.

Polizei weist Vorwürfe zurück

Der Bremer Polizei werden wegen ihrer offensichtlich fehlerhaften Informationspolitik Vorwürfe gemacht. Sie soll sich auf Angaben der AfD verlassen haben. Der als Verfassungsschutzkritiker bekannt gewordene Anwalt Rolf Gössner, der als Parteiloser für die Linksfraktion in der Bremer Innendeputation (gemeinsamer Ausschuss von Regierung und Parlament) sitzt, sprach von "indirekter Wahlkampfunterstützung von Seiten der Polizei durch ungeprüfte Übernahme von Parteiangaben".

Die Polizeipressestelle will sich bislang nicht zu den Vorwürfen äußern, da die Staatsanwaltschaft Herrin des Verfahrens sei. Deren Sprecher Passade bestreitet, dass sich die Polizei allein auf AfD-Angaben verlassen habe. So gehe die zunächst genannte Störerzahl auf Beobachtungen von Beamten zurück.

Polizeipräsident Lutz Müller kritisierte im Weser-Kurier, dass durch die Debatte der eigentliche Vorfall aus dem Blick gerate: "Es stört mich, wenn jetzt die Opfer zu Tätern werden."