Als das Ergebnis so gut wie feststand, wurden die Worte harsch. Katharina Nocun, die politische Geschäftsführerin der Piraten, sprach von einem Schlag in "die Fresse" und einem "Arschtritt der Wähler".

2,2 Prozent. Das ist das bescheidene Ergebnis, das die Piraten bei dieser Bundestagswahl erzielten. Sie waren damit gerade einmal 0,1 Prozentpunkt besser als bei der Wahl 2009, als sie noch kaum jemand kannte. Und um Längen schlechter als in den Umfragen aus dem Vorjahr, als sie teilweise auf zweistellige Werte kamen – und in drei Landtage einzogen. Vom Bundestag sind sie weiterhin wahnsinnig weit entfernt. Schönzureden gab es da wirklich nichts auf der Wahlparty in einer ehemaligen Fabrikhalle im Berliner Osten.

Wirklich überrascht dürfte aber niemand gewesen sein. In den Prognosen lagen die Piraten seit Wochen weit unter fünf Prozent und spätestens als sie vergangene Woche den Einzug in den bayerischen Landtag verpassten, war klar, dass es auch im Bund sehr schwer wird.

Personalstreits wichtiger als Programminhalte

Zu negativ war die Performance, die die Piraten in den vergangenen anderthalb Jahren ablieferten. Statt politischer und inhaltlicher Debatten war der Piratenalltag geprägt von atmosphärischen Schwierigkeiten und persönlichen Feindschaften, die bald alles andere überlagerten. Monatelang wurde gezofft und gemobbt. Der umstrittene politische Geschäftsführer Johannes Ponader sorgte genauso für Aufregung wie die Nazi-Äußerungen des Berliner Abgeordneten Martin Delius. Die Skandale und Skandälchen häuften sich so schnell, dass sogar ein eigenes Blog, Popcornpiraten.de, entstand, das fortlaufend über die parteiinternen Streitigkeiten berichtet.

Solche Debatten sind nicht ungewöhnlich für eine junge, unerfahrene Partei. Die Grünen wurden durch die Pädophilie-Diskussion in der vergangenen Woche erst wieder daran erinnert, wie chaotisch es zu ihrer Gründungszeit zuging. Allerdings hatten die Piraten den Personalfragen in der letzten Zeit kaum Inhalte entgegenzusetzen.

Dabei wurde ihnen mit dem NSA-Skandal das perfekte Wahlkampfthema quasi auf dem Silbertablett serviert. Datenschutz im Internet ist das Kernthema der Piraten, hier trauen ihnen die Bürger die meiste Kompetenz zu. Aber sie drangen damit nicht durch, obwohl sie sich teilweise durchaus bemühten: Die politische Geschäftsführerin Katharina Nocun beispielsweise ist eine leidenschaftliche Diskutantin in dieser Frage. Piraten saßen auf Podien und in Fernsehstudios und lehrten Bürger auf Kryptopartys wie sie ihre Mails verschlüsseln.

Gereicht hat das trotzdem nicht. Das liegt zum einen sicherlich daran, dass Netzthemen und Urheberrecht für den Wähler schwer greifbar sind. Zum anderen aber auch daran, dass die Piraten neben ihrem Kernthema Internet erst recht nichts zu bieten hatten. "Die Bürger haben wirtschaftliche Stabilität gewählt und da haben wir nichts entgegenzusetzen", sagte Piraten-Chef Bernd Schlömer am Wahlabend. Bei wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen sah das Programm der Piraten in der Tat dünn aus: bedingungsloses Grundeinkommen, Mindestlohn, Abschaffung der Sanktionen bei Hartz IV und Begrenzung der Leiharbeit – die Forderungen der Piraten lesen sich wie ein Best-of der restlichen linken Wahlprogramme. 

Erste Mitgliederverluste

Wie geht es nun also weiter mit den Piraten? Von Untergang will niemand reden, wohl aber von Neuanfang. Wenige Stunden nach der Wahl fanden sich auf den Blogs bereits die ersten Analysen. "Wir haben es verkackt", schreibt zum Beispiel einer und ruft am Ende auf: "Das Problem sind nicht die anderen, sondern wir selbst. Gehen wir es an. Gemeinsam."

Wer zu diesem "wir" noch dazu gehört, wird sich erst noch zeigen müssen. Ein Abgeordneter aus Nordrhein-Westfalen gab am Sonntag bereits seinen Rückzug aus der Partei bekannt, er wird künftig als Fraktionsloser im Landtag sitzen. Bernd Schlömer rechnet damit, dass in den kommenden Wochen weitere Mitglieder aussteigen oder zu anderen Parteien abwandern werden. Einige Mitglieder sehen darin allerdings auch durchaus eine Chance: Alte Personalstreits könnten so beigelegt werden, und die Partei könnte sich in Ruhe neu ordnen.          

Oder kommt es nun gar zur Revolution? Die Initiative der "Zukunftspiraten" schickte kurz nach den ersten Hochrechnungen ein Schreiben an Journalisten, in dem sie den Rücktritt des Bundesvorstands forderte. Im Laufe des Abends löste sich diese Initiative allerdings in Luft auf: Unterstützer zogen zurück oder ließen verlauten, es sei gar nicht so ernst gemeint mit den Rücktrittsforderungen. In den Debatten im Netz warnen Mitglieder davor, sofort neue Personaldebatten anzustoßen. Damit hat man zuletzt auch keinen Erfolg gehabt.       

Im November will die Partei einen neuen Vorstand wählen. Ob Bernd Schlömer dann wieder zur Wahl steht, lässt er noch offen. Auf einer Pressekonferenz am Montag sagte er, er werde am Freitag in den Urlaub fahren und seine Entscheidung schließlich über Twitter bekannt geben. Sein Rücktritt ist aber wahrscheinlich.     

Blick auf die Europawahl

Was wird aus den übrigen Piraten? In vier Landtagsfraktionen sitzen die Piraten zurzeit. Auf ihnen ruht jetzt die letzte Hoffnung: Sie sind die einzigen, die derzeit wenigstens ein bisschen Politik machen.

Der Blick der Partei richtet sich als nächstes auf die Europawahl im kommenden Jahr. Da könnte es mit dem Parlamentseinzug wieder klappen: In Brüssel gibt es nur eine Dreiprozenthürde. Allerdings, ein Selbstläufer wird das auch nicht. Auf dem ganzen Kontinent spricht der Trend nicht gerade für die Piraten. Auch die europäischen Schwesterparteien, wie zum Beispiel im Geburtsland der Piraten, in Schweden, sind nach kurzem Erfolg stark abgestürzt. Deutschland galt daher als Hoffnungsträger der internationalen Piraten-Bewegung. Seit gestern spätestens nicht mehr.