ZEIT ONLINE: Herr Ministerpräsident, Angela Merkel hat triumphiert, braucht aber einen neuen Koalitionspartner. Ist das ein gutes Wahlergebnis für Europa?

Jean-Claude Juncker: Wenn es in Deutschland instabile politische Verhältnisse geben würde, wäre das eine Katastrophe für Europa. Es besteht aber kein Zweifel daran, dass Deutschland eine stabile Regierung haben wird. Einer muss sich ja erbarmen, entweder die Sozialdemokraten oder die Grünen. Insofern ist das Ergebnis Europa-tauglich.

ZEIT ONLINE: Macht es aus europäischer Sicht einen Unterschied, wenn in Berlin künftig eine andere Koalition regiert als bisher?

Juncker: Vielleicht wird einiges in anderer Tonlage vorgebracht. Aber ich glaube nicht, dass es zu einer fundamentalen Überprüfung der deutschen Europapolitik kommen wird. Es gibt in Deutschland einen Grundkonsens, dass die Solidarität der einen in der EU der Solidität der anderen entsprechen muss.

ZEIT ONLINE: Mit der AfD gibt es in Deutschland zum ersten Mal eine ernst zu nehmende Euro-skeptische Partei. Beunruhigt Sie das?

Juncker: Es gibt überall in Europa populistische Absetzbewegungen am rechten Rand. Dass diese Entwicklung auch Deutschland erreichen würde und sich rund um das Thema Euro ansiedelt, ist nicht völlig überraschend. 4,7 Prozent für die AfD sind zwar ein beeindruckendes Ergebnis, aber angesichts einer insgesamt skeptischen deutschen Öffentlichkeit auch wiederum überschaubar.

ZEIT ONLINE: Wie bewerten Sie das Debakel der FDP?

Juncker: Ich bedauere es, dass die FDP aus dem Parlament ausgeschieden ist und hätte mir das auch nicht vorstellen können. Ohne die Liberalen ist das parlamentarische Spektrum in Deutschland nicht vollständig.

ZEIT ONLINE: Dabei war es nicht zuletzt die FDP, die die Euro-Rettungspolitik zwischenzeitlich infrage gestellt hatte!

Juncker: Mein Bedauern bezieht sich auf die innenpolitische Atmosphäre in Deutschland. In europapolitischen Fragen bin ich weniger zärtlich, wenn es um die FDP geht.