Jeder Bürger ist frei darin, ob und welche Partei er am Sonntag wählt und weshalb. Legitim ist es, sich taktisch zu entscheiden, also zum Beispiel zu überlegen, von welcher Koalition man künftig regiert werden möchte, und danach die Stimmabgabe auszurichten. Genauso ist es legitim, wenn Parteien wie jetzt wieder die FDP genau auf solche taktischen Wähler setzen.

Falsch wäre es jedoch, wenn Wähler sich dem Amazon-Prinzip ergäben: "So und so viele wollen die Partei X ankreuzen, also entscheiden Sie sich auch für sie (oder eine andere)!" Deshalb sollten Sie sich nicht von Umfragen abhängig machen, die den Eindruck erwecken, das Ergebnis stehe schon mehr oder weniger fest, obwohl sie nur eine Momentaufnahme darstellen. Das gilt erst recht für die Erhebungen, die das ZDF entgegen bisheriger Gewohnheit drei Tage vor der Wahl veröffentlicht hat, oder die der Bild am Sonntag am Wahltag.

Wer klug ist, ignoriert sie einfach, genauso wie Vorhersagen der Medien. Denn die Wahlentscheidung sollte sich nicht danach richten, ob eine Partei wahrscheinlich "genug" oder "zu wenig" Stimmen bekommt, sondern alleine nach der persönlichen Abwägung.

Die kann ruhig auch kurzfristig und aus dem Bauch heraus erfolgen. So wie im Supermarkt. Auch dort müssen wir oft zwischen ähnlichen Produkten wählen. Nur die wenigsten achten dabei auf das Kleingedruckten auf dem Etikett. Die meisten greifen entweder immer zur selben Marke oder sie folgen den Versprechungen der Werbung. Erst hinterher merken sie, ob sie sich richtig entschieden haben.

Ähnlich ist es bei einer Wahl. Schlauer sind wir erst, wenn wir am Sonntagabend das Ergebnis kennen, das sich aus den Einzelentscheidungen von Millionen Wählern zusammensetzt. Das Schöne dabei: Jede Stimme zählt, aber auf die einzelne Stimme kommt es nicht an – nur in der Summe. Niemand muss sich also grämen, wenn er "falsch" gelegen hat. Und: Spätestens in vier Jahren gibt es die nächste Bundestagswahl. Dann kann man sich neu entscheiden.