Debatte - Piratin Katharina Nocun und Juso-Chef Sascha Vogt zum Generationenwechsel

Werden die Belange junger Menschen von der Politik weitgehend ignoriert oder finden sie ausreichend Gehör? Katharina Nocun, die politische Geschäftsführerin der Piraten, und der Juso-Vorsitzende Sascha Vogt sind beide jung und politisch aktiv – aber bei dem Thema doch ganz unterschiedlicher Meinung. Beim dritten Deutschland-Duell von ZEIT ONLINE und Handelsblatt Online haben die beiden darüber diskutiert, ob es den viel beschworenen Generationenkonflikt überhaupt gibt.

Sascha Vogt hält nichts von dieser Theorie. Der Vorsitzende der SPD-Jugendorganisation ist überzeugt davon, dass viele der von jungen Menschen beschriebenen Ungerechtigkeiten wie prekäre Beschäftigungsverhältnisse und Altersarmut auf Verteilungskonflikte zwischen Arm und Reich zurückzuführen sind. Um das Alter gehe es oftmals nicht – auch beim gemeinsamen politischen Engagement. "Natürlich ist mir ein Alt-68er, der zu seinen Idealen steht, politisch näher, als ein junger Konservativer aus der Studentenverbindung mit leichter Affinität ins rechtsextreme Milieu", sagte der 33 Jahre alte Vogt.

Katharina Nocun hingegen betonte, dass bestimmte Gesellschaftsschichten und eben auch jüngere Menschen im Bundestag "krass unterrepräsentiert" seien – mit Folgen. "Es macht einen Unterschied, ob jemand etwas selbst erlebt hat und weiß wovon er spricht", sagte die 26-Jährige.  Sie habe bei großen, gesellschaftlichen Themen wie der Rente und dem Umweltschutz sowie der möglichen Einschränkung von Grundrechten "nicht das Gefühl, dass sich viel bewegt".

Weitgehend achselzuckend werde beispielsweise hingenommen, dass die junge Generation "einen anderen Arbeitsmarkt vorfinden wird, als unsere Eltern". Junge Menschen arbeiteten häufiger befristet, in Praktika und zu prekären Bedingungen als ältere Menschen mit guten Verträgen. So entstehe ein Klima der "Entsolidarisierung". Bisher habe die Politik das immer mal wieder geäußerte Versprechen nicht erfüllt, dies zu ändern, bemängelte Nocun. Dass Jungorganisationen in den etablierten Parteien nicht viel bewegen könnten, zeige sich auch an einem anderen Beispiel. Die Jusos hätten sich mit ihrer Forderung nach einem Verbot für die Vorratsdatenspeicherung nicht durchsetzen konnten.  Die (älteren) Funktionsträger in den etablierten Parteien "werden uns immer wieder verraten", betonte die Frontfrau der Piraten.

Juso Vogt hingegen glaubt an seine innerparteilichen Gestaltungsmöglichkeiten. Auch dank der Jusos seien Themen wie steigende Mietpreise und ein Verbot der sogenannten sachgrundlosen Befristung von Arbeitsverträgen in das aktuelle SPD-Wahlprogramm aufgenommen worden, sagte er: Peer Steinbrück habe "die richtigen Berater, das sind wir".

Junge Politiker würden in der Parteiendemokratie doch vor allem zur "Konformität erzogen", hielt Nocun dagegen. Das habe auch damit zu tun, dass sie stets darauf achten müssen, bei der Listenaufstellung vor Wahlen nicht übergangen oder zur Strafe auf die hinteren Plätze gewählt zu werden. Ihr schwebe ein System vor, in dem Wähler frei über aufgestellte Politiker von Parteien entscheiden und nicht eine starre Liste wählen müssten, sagte Nocun.

Es sei beispielsweise sinnvoll, über den Ausbau der Möglichkeiten des Kumulierens und Panaschierens nachzudenken. Eine für junge Menschen attraktive Politik brauche weniger festgefahrene, hierarchische Strukturen, sondern möglichst "niedrigschwellige Angebote", sagte Nocun. Daher engagiere sie sich bei den Piraten, die Doppelmitgliedschaften und zudem die direkte Demokratie in selbst kleinen inhaltlichen Entscheidungen lebten und vorantreiben wollten. "Das Wesen von Basisdemokratie ist auch, dass die, die am längsten durchhalten, am meisten durchsetzen", mahnte Vogt. Das sei nicht unbedingt demokratisch.