Wolfgang Steiger könnte jetzt warnen. Es ist ein Nachmittag im Juli 2011, ein Besprechungsraum auf dem Fliegerhorst der Bundeswehr im bayerischen Manching. In wenigen Tagen soll Deutschlands neue Drohne hier landen: der Euro Hawk, ein unbemanntes Fluggerät, das die Deutschen vom amerikanischen Rüstungskonzern Northrop Grumman haben bauen lassen. Steiger ist der oberste Prüfer für Fluggeräte der Bundeswehr. Er muss ahnen, dass Jubelreden die Landung begleiten werden. Und er weiß, dass das Projekt in Wahrheit in Gefahr ist. Dass der Euro-Hawk womöglich ein Millionengrab wird.

In den Berichten seiner Mitarbeiter hatte Steiger die Warnungen schon lange lesen können. Die Amerikaner kooperierten zu wenig, die deutschen Inspekteure hätten "keine Handhabe" gegen die Industrie.  Selbst der Überführungsflug der ersten Maschine aus den USA ist deshalb bis zuletzt gefährdet. Nun sitzen rund ein Dutzend CDU-Parlamentarier aus der Arbeitsgruppe Verteidigung vor dem obersten Zulassungsprüfer, um sich einen Vortrag zum "Sachstand Euro-Hawk" anzuhören. Steiger könnte sagen, dass eines der ehrgeizigsten Projekte der Bundeswehr in ernsten Schwierigkeiten steckt. Doch er schweigt. Kein Wort zu den Problemen beim Euro-Hawk. Zumindest will sich heute keiner der befragten Teilnehmer der Sitzung daran erinnern.

Wenn der Untersuchungsausschuss zum Euro Hawk an diesem Montag seinen Abschlussbericht vorlegt, wird es um das Scheitern eines der teuersten Rüstungsprojekte der deutschen Geschichte gehen, um Millionenverluste und persönliches Versagen. Doch in den Akten, die den Parlamentariern vorlagen, steckt noch ein weiterer, mindestens genauso großer Skandal: Die Abgeordneten des Bundestages wurden vom Verteidigungsministerium und seinen Experten systematisch und über viele Jahre hinweg schlecht informiert. Das Parlament wurde hinters Licht geführt.

Anhand interner Unterlagen aus dem Ministerium, die ZEIT ONLINE vorliegen, lässt sich rekonstruieren, wie die Beamten heikle Passagen aus Antwortschreiben an Abgeordnete herausstrichen. So will etwa der CDU-Abgeordnete Wolfgang Börnsen im Oktober 2011 wissen, wer dafür verantwortlich ist, dass der Prototyp des Euro Hawk mit Verspätung nach Deutschland ausgeliefert wird. In einem Entwurf für ein Antwortschreiben formulieren die zuständigen Beamten zuerst, die Verzögerungen hingen auch mit dem umfangreichen "Nachweisaufwand zur Erlangung der deutschen luftfahrtrechtlichen Musterzulassung" zusammen.

Das kommt der Wahrheit recht nahe. Denn die Beamten wissen bereits, dass der Euro Hawk womöglich nicht mit einer regulären Zulassung in Deutschland betrieben werden kann. Das Verteidigungsministerium selbst argumentiert heute sogar, allen Beteiligten sei spätestens seit Juli 2011 bewusst gewesen, dass es sich bei der Zulassung möglicherweise um ein "fundamentales Problem" handeln könnte. Doch der Passus wird in der Fassung gelöscht, die an Börnsen geschickt wird.  

Diese Kommunikationsstrategie des Ministeriums hat Methode. Systematisch wird in Sprechvorlagen und Reden vor Abgeordneten die Lage besser dargestellt, als sie ist.

Im Oktober 2011 heißt es etwa in einer Sprechvorlage für den Parlamentarischen Staatssekretär Christian Schmidt, das Projekt Euro Hawk laufe "zufriedenstellend". Schmidt trägt die Passage in einer Fragestunde im Bundestag zwar nicht vor. Doch er lässt zu dem Thema abermals alle Probleme unerwähnt.

Verschleiernde Antworten

Ende des Jahres setzen im Verteidigungsministerium hektische Rettungsversuche ein. Im Januar empfiehlt das Beschaffungsamt der Bundeswehr, die bisherige Strategie für den Euro-Hawk zu ändern. Die Drohne soll nicht mehr mit einer Musterzulassung betrieben werden, also mit einer Flugerlaubnis für den regulären Luftraum, weil das zusätzliche Kosten von bis zu 500 Millionen Euro verursachen würde. Von März an werden deshalb  – vergeblich – alternative Zulassungsmethoden gesucht. Ende des Jahres steht in internen Papieren des Verteidigungsministeriums, dass eine Musterzulassung auf Basis "wirtschaftlicher Rahmenbedingungen" aussichtslos sei. Die geplante Serie von vier Euro-Hawk soll nicht mehr gekauft werden.

Von alledem erfahren weder die Mitglieder des Verteidigungs- noch des Haushaltsausschusses im Parlament offiziell auch nur ein Wort. Ein ganzes Jahr lang. Als der SPD-Abgeordnete Hans-Peter Bartels dann im März 2013 endlich von den Schwierigkeiten Wind bekommt, will er vom Ministerium wissen, ob es "neue Zulassungsprobleme" gebe. Ob das Gerücht stimme, die Zulassung könne bis zu 500 Millionen Euro mehr kosten? Wieder gibt es nur eine verschleiernde Antwort: Man habe "nicht unerhebliche Mehrkosten" identifiziert, schreibt das Ministerium. Eine Entscheidung darüber, ob man die Serie noch beschaffen wolle, werde "erarbeitet".