Die kleinen gelben Windräder, die so idyllisch in der Wiese stecken, werden irgendwann einfach plattgetrampelt. Voll ist es bei der FDP an diesem Sonntagvormittag. So voll, dass eine der Organisatorinnen sagt: "Mann, bin ich froh, dass ich doppelt so viele Tische bestellt habe." Trotzdem stehen sie nun gedrängt auf dem Dach der Bundeskunsthalle in Bonn zum "liberalen Sommerjazz", dem offiziellen Wahlkampfauftakt in Nordrhein-Westfalen. "Beinahe hätten wir wegen Überfüllung dichtmachen müssen, das kommt ja auch nicht allzu oft vor bei der FDP!", scherzt der örtliche Vorsitzende. Da grinsen die beiden Promis in der ersten Reihe: Guido Westerwelle, der Bundesaußenminister und Spitzenkandidat in NRW, und Christian Lindner, im Bundesland Partei- und Fraktionschef.   

Es stimmt ja auch. Der FDP geht es wieder erstaunlich gut. Und Lindner und Westerwelle stehen besser als alle anderen für diesen neuesten Abschnitt im wechselvollen Auf und Ab der Partei. Beide waren sie schon weg vom Fenster, Lindner war 2011 als Generalsekretär zurückgetreten, Westerwelle von Philip Rösler aus dem Amt des Parteichefs gedrängt worden. Zwei dramatische Episoden aus einer Zeit, in der die FDP nur mit verlorenen Wahlen und Zänkereien untereinander und mit der Union auf sich aufmerksam machte. Chaostruppe, Kindergarten, spotteten Gegner und Beobachter. 

Nun aber ist es schon seit Monaten erstaunlich ruhig in der Partei. Laut Umfragen steuert sie drei Wochen vor der Wahl stabil in den Bundestag, also über die Fünfprozenthürde. Das ist ein Einbruch im Vergleich zu den gigantischen 14,6 Prozent im Jahr 2009, aber zwischendurch sah es noch weit schlimmer aus. Es wurden ernsthafte Debatten darüber geführt, ob der Tod der Partei nicht eigentlich nur noch eine Frage der Zeit sei.

Westerwelle hat seine Rolle gefunden

An diesem Sonntagvormittag aber sieht die FDP wieder ziemlich lebendig aus. Nordrhein-Westfalen ist ihre alte und neue Hochburg. Hier begann ihr Wiederaufstieg mit Christian Lindner, der die Partei von Umfragewerten nahe der Messbarkeitsschwelle (zwei Prozent) auf acht Prozent bei der Landtagswahl im vergangenen Mai führte. Aus NRW stammen viele ihrer wichtigsten Politiker. Mit Lindner am Biertisch sitzen der Exaußenminister Klaus Kinkel und Alexander Graf Lambsdorff, EU-Politiker und Neffe des Altvorderen Otto Graf Lambsdorff.

Der Wichtigste aber ist eindeutig Guido Westerwelle. Dauerlächelnd sitzt er da, einen Pappbecher Kaffee vor sich, um seine knallgelbe Krawatte schwirren die Wespen. Er macht einen ausgeglichenen, optimistischen Eindruck, sich seiner selbst sicher und seiner Rolle auch.

Das allein ist schon bemerkenswert. Denn anfangs, nach der Regierungsübernahme 2009, hatte er genau damit Probleme: seine Rolle zu finden. Er geriere sich immer noch als Oppositionspolitiker und Populist, hieß es auch aus der Union immer wieder. Ein paar verunglückte Interviews, eine merkwürdige Haltung zum Libyen-Einsatz, dann putschten die Jungen gegen ihn: Philip Rösler und Daniel Bahr. Und der alte Rainer Brüderle, sein Widersacher seit Jahrzehnten.

Westerwelle zog sich zurück in sein Amt, reiste um die Welt und kam dann langsam und verändert zurück in die Innenpolitik. Man kann diesen anderen, nicht mehr ganz so neuen Westerwelle hier auf dem Museumsdach wunderbar in Aktion erleben.