Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt hat die Union aufgefordert, nicht länger mit der Pädophilie-Debatte Wahlkampf zu führen. In einem Brief an die CSU-Generalsekretärin Dorothee Bär (CSU) reagierte sie auf Vorwürfe der Union, sie schalte sich nicht aktiv genug in die Debatte ein. "Als Mutter, als die Sie mich ansprechen, vor allem aber als Spitzenkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen sage ich Ihnen, dass sich die Grünen vor mehr als 30 Jahren schrecklich verirrt haben", heißt es in dem Schreiben. Ihre Partei habe sich ausdrücklich dafür entschuldigt. 

Göring-Eckardt schreibt von einer "schmerzlichen Einsicht" der Grünen, dass im Zuge von Liberalisierungsdebatten über die "überkommene Sexualmoral der alten Bundesrepublik" eine "falsch verstandene Toleranz" gegenüber Pädophilie entstanden sei. Zugleich erinnert sie die Union daran, wie spät erst die Gewalt im engsten Kreis der Familie von Bundestag unter Strafe gestellt worden sei. Zum Teil gegen den Widerstand von CDU und CSU.

"Unabhängig davon, dass die Vergewaltigung in der Ehe erst 1997 strafbar wurde, von den Frauen übrigens gegen die Mehrheit von CDU/CSU durchgesetzt, hat es für die Verurteilung elterlicher Gewalt in der Erziehung noch länger gedauert, dazu brauchte es erst eine rot-grüne Bundesregierung", schreibt Göring-Eckardt. Bär solle deshalb von ihrem hohen Ross heruntersteigen, schreibt die Grünen-Politikerin.

Zu sexuellem Missbrauch nicht schweigen

Bär hatte zusammen mit sechs anderen Unionsfrauen einen Brief an die Spitzenkandidatin geschrieben, in dem sie von Göring-Eckardt ein größeres Engagement bei der Aufklärung der "Pädophilie-Verstrickungen" des Grünen-Spitzenkandidaten Jürgen Trittin gefordert hatten. "Als Mutter zweier Söhne dürfen Sie zu sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen nicht schweigen", heißt es in dem Schreiben. Zudem fordern die Unionsfrauen Göring-Eckardt auf, "einen übergreifenden Konsens für eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Pädophilie" zu erarbeiten.

Die Grünen hatten nach entsprechenden Vorwürfen den Göttinger Politologen Franz Walter beauftragt, den Einfluss von Pädophilen auf die Partei zu untersuchen. Am Montag machte Walter öffentlich, dass Trittin 1981 presserechtlich für ein Kommunalwahlprogramm verantwortlich war, das Straffreiheit für gewaltfreie sexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern forderte. Seitdem wird Trittin aus Union und FDP zunehmend scharf angegriffen

Göring-Eckardt verteidigt in ihrem Schreiben die Aufarbeitung durch Walter und auch ihren Parteifreund Trittin. Es bestehe keinerlei Zweifel an seinem "entschiedenen Kampf" gegen jede Form von Kindesmissbrauch. Deshalb sei sie für den Vorschlag einer gemeinsamen Aufarbeitung der Geschichte bereit, "sollte es Ihnen tatsächlich um Nulltoleranz gegenüber Kindesmissbrauch und Gewalt gegen Kinder gehen", schreibt sie an Bär weiter.