Die Grünen haben einen Anspruch an sich, der sie ihrer Meinung nach von anderen Parteien unterscheidet: Sie wollen auch in schwierigen Situationen glaubwürdig und ehrlich sein. Sie verstehen sich als Gegenpol zur beliebigen Kanzlerin und auch einer manchmal undurchsichtigen SPD. "AG Ehrlich machen", so lautete der Spitzname einer Arbeitsgruppe der grünen Bundestagsfraktion, die den Wahlkampf inhaltlich über Monate vorbereitet hat. Dort wurde vor allem gerechnet. Was kann man ehrlicherweise versprechen, was ist finanzierbar?

In der AG Ehrlich machen begruben die Strategen zum Beispiel ihren ursprünglichen Anspruch, den Hartz-IV-Satz schnell und kräftig zu erhöhen. Sie einigten sich darauf, dass man im Wahlkampf mehr Investitionen in soziale Einrichtungen und weniger in soziale Transferleistungen fordern werde. Auch das umstrittene Steuerkonzept der Grünen ist für den Wahlkampf exakt durchgerechnet worden, das jedenfalls behauptet die Führungsspitze. Bisher haben sie recht behalten: Keiner konnte widerlegen, dass mit ihren ambitionierten Plänen 90 Prozent der Wähler steuerlich entlastet wird.

Ehrlichkeit aber tut bisweilen weh, das haben die Grünen in diesem Wahlkampf zu spüren bekommen. Sie macht eben angreifbar. Denn die Partei hat sich festgelegt: Ab einem Jahreseinkommen von  80.000 Euro soll nach ihrem Willen künftig der Spitzensteuersatz greifen. Die SPD ist an diesem Punkt verhaltener. Das Ergebnis: Keiner hat die Pläne für Steuererhöhungen so in den Talkshows verteidigen müssen, wie die grünen Spitzenkandidaten Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckardt. Die Grünen griffen mit ihren Wahrheiten auch das eigene besserverdienende Klientel an – das erklärt unter anderem die sinkenden Umfragewerte.

Zu spät ehrlich gemacht hat sich die Partei indes beim Thema Pädophilie. Schon vor Monaten gab es Berichte über mögliche pädophile Strömungen in den Anfangsjahren der Grünen sowie über die Verstrickungen des heutigen Europapolitikers Daniel Cohn-Bendit darin. Die Grünen wären gut beraten gewesen, die Verfehlungen viel früher aufklären zu lassen. Auch machtstrategisch wäre dies geschickter gewesen, denn dann wäre die Affäre nicht auf den letzten Metern des Bundestagswahlkampfes aufgebrochen.

Aber man muss der Partei zugestehen, dass sie im Mai dann doch reagierte und mit dem Göttinger Franz Walter einen ihnen nicht sonderlich wohlgesonnenen Politikwissenschaftler beauftragt hat, die Vorgänge aus ihren Anfangsjahren unabhängig zu erforschen. Die Grünen haben ihm außerdem zugesichert, dass er jederzeit mit Erkenntnissen an die Öffentlichkeit gehen kann. Fraglich, ob andere Parteien in einer ähnlichen Situation ein derartiges Risiko eingegangen wären.