Der grüne Spitzenkandidat Jürgen Trittin © Thomas Peter/Reuters

Als unangefochtener Star der Grünen hat Jürgen Trittin diesen Bundestagswahlkampf begonnen. Die interne Mitgliederabstimmung über die beiden Spitzenkandidaten gewann der 59-Jährige haushoch, während Renate Künast und Claudia Roth persönliche Enttäuschungen erlebten. Die Parteibasis schätzt den ehemaligen Kommunisten und heutigen Realpolitiker sehr, in den Fernseh-Talkshows ist Trittin Dauergast. Unübersehbar waren seine Ambitionen auf ein hohes Regierungsamt in einer rot-grünen Koalition. Spätestens seitdem Trittin Fakten über die Euro-Krise büffelte und den Grünen ein ambitioniertes Einkommenssteuer-Konzept verordnete, war klar: Er will Finanzminister werden.

Ob es dazu noch kommt, ist inzwischen ungewisser denn je. An diesem Montagmorgen ereilt die sowieso von der Bayern-Wahl geplagten grünen Wahlkämpfer ein weiteres Schrecknis: Jürgen Trittin hat Anfang der achtziger Jahre als Student ein Kommunalwahlprogramm in Göttingen presserechtlich verantwortet, in dem Straffreiheit für Sex mit Kindern gefordert wird. Der Spitzenkandidat hat das eingeräumt und als Fehler bezeichnet – aber erst nachdem es der Göttinger Politikwissenschaftler Franz Walter herausgefunden hatte.

Schon ohne diese Enthüllung standen die Grünen zuletzt in den Umfragen nicht mehr gut da. Viele in der Partei hatten das auch auf die Pädophilie-Debatte der vergangenen Monate zurückgeführt. Alles, was Konservative den Grünen vorwerfen, findet sich in dieser Debatte wieder: dass die Grünen gar nicht so etabliert seien, wie immer angenommen. Dass sie in der Vergangenheit komische, verwerfliche Ideen hatten und diese vielleicht auch immer noch irgendwie verfolgen, dass sie jedenfalls den Menschen "angeblich nicht gut tun", wie eine grüne Wahlkämpferin in Bayern am Wahlabend entmutigt feststellte.

Die Parteiführung war anfangs recht geschickt mit den Vorwürfen umgegangen, dass die Grünen in den achtziger Jahren von Päderasten unterwandert gewesen seien, die sich von der damals noch alternativen Partei mehr Verständnis und Nachsicht gegenüber ihren Neigungen erhofften: Sie beauftragten Franz Walter, die Fehler der Vergangenheit zu untersuchen und alles aufzuklären.

Lange schien es so, als ob keiner der aktuellen grünen Spitzenpolitiker mit der Affäre in Verbindung gebracht werden konnte. Was Walter jetzt aber sechs Tage vor der Bundestagswahl über Jürgen Trittin aus den Archiven befördert, hat aber das Potenzial den Abwärtstrend der Grünen massiv zu beschleunigen.

Denn unweigerlich bleibt die Frage: Warum hat Trittin seinen Fehler nicht schon längst öffentlich gemacht? Hoffte er darauf, etwas verbergen zu können? Oder erinnerte er sich schlicht nicht mehr daran, wie er es am Montag in einer Stellungnahme begründet hat?

Dass der Göttinger als Student in sehr linken Kreisen unterwegs war, ist bekannt. Es gibt keinerlei Beweise, dass er mit den Pädophilie-Thesen persönlich übereinstimmte. Trittin verantwortete das Kommunalwahlprogramm, in dem die wirren Thesen standen, nur presserechtlich. Aber damit hat er das Gedankengut nun mal abgesegnet, ob ihm die Tragweite als junger Mensch damals bewusst war oder eben nicht.

Dass Trittin nicht vor Wochen schon die Vergangenheit seines Göttinger Umfeldes kritisch hinterfragt hat, dass er nicht von sich aus auf die Idee kam, auch dort könnte etwas gewaltig schief gelaufen sein, war ein großer Fehler. Jetzt wird es richtig eng für ihn. Wie angeschlagen er ist, war auf seiner Pressekonferenz am Montag deutlich zu sehen.

Schon länger wird er für den misslungenen Steuer-Wahlkampf seiner Partei verantwortlich gemacht – mehr oder weniger öffentlich auch vom Realo-Flügel seiner eigenen Partei. Es sind missmutige Fragen, die da kommen: Musste man ausgerechnet Belastungen für die Mitte der Gesellschaft – zu denen auch viele gutverdienende Grünen-Wähler gehören – in den Mittelpunkt des eigenen Wahlkampfes stellen? Hat man die Negativ-Kampagne des politischen Gegners unterschätzt?

Kurz: In der Partei köchelte es schon, bevor die jüngsten Vorwürfe gegenüber Trittin bekannt wurden. Das Wahlergebnis am kommenden Sonntag wird so zwangsläufig auch über sein Schicksal entscheiden. Im Moment sieht alles danach aus, als ob gerade er, der in diesem Wahlkampf immer so selbstgewiss (manche sagen: selbstgerecht) auftrat, am meisten Schaden nimmt. Fraglich ist damit, ob Trittin auch 2014 noch die Leitfigur der Grünen sein wird.