Noch nie im Leben habe ich so einen beeindruckenden Wahlkampf gesehen wie diesen. Die brutale Effizienz, mit der die Deutschen jedes wichtige Thema konsequent verbannt haben, damit der Wahlkampf bloß nicht durch eine Prise Relevanz beschmutzt wird, ist atemberaubend. Das Ausland dagegen blickt seit einem halben Jahr gespannt auf die Bundestagswahl am kommenden Sonntag, weil man endlich wissen will: Was wird aus Europa?

An diesem Land wird es liegen, ob Europa fällt oder sich wieder aufrichtet. Doch Deutschland weigert sich beharrlich, sich zu dieser Verantwortung zu bekennen, geschweige denn sich dazu zu äußern. Im Normalfall berichtet die ausländische Presse nicht besonders viel über Deutschland, aber seit der Euro-Krise wimmelt es nur so vor ratlosen Deutschland-Analysen.

Unter dem Titel Die neue Deutschlandfrage schrieb Timothy Garton Ash in der er New York Review of Books über Deutschlands Verantwortung, eine "nachhaltige und internationale konkurrenzfähige Euro-Zone" aufzubauen und der EU "internationale Glaubwürdigkeit" zu verleihen, und stellte die gemeine Frage, ob Deutschland diese Verantwortung überhaupt annehmen will. In der New York Times beklagte sich Roger Cohen über Deutschlands "hörbares Schweigen" in Sachen EU, und der Economist nannte Deutschland in einer Titelgeschichte gar eine "Hegemonie wider Willen".

Der Wahlkampf aber klammert dieses wichtigste Thema völlig aus – vermutlich, um die Bürger nicht zu erschrecken. Dafür dürfen sie über Mindestlohn, Kita-Plätze und Veggie Day so ausführlich diskutieren, wie sie Lust und Laune haben. Falls die EU überhaupt zum Thema wird, geht es immer nur um Geld: Die Griechen sollen ihre Finger von den Ersparnissen der Deutschen lassen. Die eigentlichen Fragen, die ab Herbst beantwortet werden müssen, sind andere: Wann bekommt Europa eine richtige Zentralbank, die eine weitere Katastrophe wie die in Griechenland verhindern könnte? Wie muss die EU-Einwanderungspolitik reformiert werden? Welche Verantwortung übernimmt die EU auf der internationalen Bühne, wann kommt das gemeinsame EU-Außenministerium?

Die Deutschen scheinen gar nicht zu wissen, dass ihre Regierung im Herbst über die Rettung oder den Zusammenbruch des Halbkontinents entscheiden wird, der über Jahrhunderte die Kultur der Welt bestimmt hat. Im Gegenteil: Viele Deutsche begreifen die Welt heute immer noch als eine lose Ansammlung von Nationalstaaten, in der jede Nation nur für ihre eigenen Probleme einstehen muss. Haarsträubend, wie weit sich diese Vorstellung von der Realität entfernt hat: Deutschland ist heute einer der drei größten Globalisierungsprofiteure der Welt, hegt aber eine Vorstellung von sich, die aus dem 19. Jahrhundert stammt.

Ist es schlicht die Angst vor einer schwierigen Herausforderung? Als Amerikaner hätte ich dafür volles Verständnis: Wer Verantwortung trägt, macht oft mehr Fehler, als er sich Freunde macht. Doch das Risiko, ab und zu mal auf die Schnauze zu fallen, werden die Deutschen früher oder später eingehen müssen, ob sie wollen oder nicht. Bis es soweit ist, blenden sie die Realität lieber aus, wie einen unangenehmen Verehrer, auf dessen E-Mails man solange nicht antwortet, bis er damit aufhört. Ich  habe schlechte Nachrichten: Die Realität hört nicht einfach auf.