Noble Composition heißt die Band, die Angela Merkel derzeit auf ihrer Wahlkampftour quer durch Deutschland begleitet. Leidenschaft. Glamour. Emotionen. Das versprechen die Musiker auf ihrer Website. Am Sonntagmorgen in Düsseldorf spielen sie auf Tausende CDU-Fans in einer riesigen Veranstaltungshalle ein. Nach den ersten Hits gerät die Menge tatsächlich in leichte Wallung.

Menschen heben Pappschilder hoch: "Gemeinsam erfolgreich" steht darauf. Inbrünstig wird mitgesungen, ob zu Tina Turners Simply the best oder zum ausgereizten Klassiker der Rolling Stones: "Ängieeee", gröhlen die Merkel-Fans, "Ääängie". Jedes Lied scheint auf die Kanzlerin abgestimmt. Nicht zu übersehen ist, dass CDU-Anhänger sich gerne im Wahlkampf uniformieren. Fast alle haben die orangefarbenes T-Shirt übergezogen, die am Eingang verteilt wurden. Die Jüngeren tragen Blumenketten in Deutschlandfarben wie auf einer Fanmeile. Andere haben orangerote Strohhüte aufgesetzt.

Wahlkampf von seiner bestinszenierten Seite. Genau vierzehn Tage sind es noch bis die Vielbesungene ihre dritte Kanzlerinnenamtszeit einläuten will. 7.000 Menschen hat die Geschäftsstelle eingeladen. Aus ganz NRW und den umliegenden Bundesländern sind die Busse mit CDU-Anhängern angefahren. Sie werden geduldig drei Stunden auf die Kanzlerin warten, mit der Band schunkeln, die Artisten des Europa-Park Rust begutachten, einem falschen John Lennon zujubeln, der auf der Bühne She loves you singt. Yeah, yeah, yeah. Finanzminister Wolfgang Schäuble wird sprechen, Arbeitsministerin Ursula von der Leyen und auch Wahlkämpfer Volker Bouffier. Doch das Gesagte wird in der allgemeinen Erwartung diffundieren: Die Halle, sie wartet. Auf sie. Und auf ihn.

Im Gleichschritt durch die jubelnde Masse

Gegen 14.30 Uhr ist es dann soweit. Noch unbemerkt stehen Angela Merkel und CSU-Chef Horst Seehofer am Ende der Halle, zum Einmarsch bereit: Ruhig und konzentriert schauen sie aus, viel Kommunikation gibt es nicht zwischen den beiden. Jeder guckt für sich in die Gegend.

Dann startet die Musik, es geht los durch die jubelnden Fans – im Gleichschritt. Der hessische Wahlkämpfer Volker Bouffier darf auch mitlaufen. Auf der Bühne angekommen beginnt die Harmonie-Show: "Wir werden nächsten Sonntag noch einen drauf geben, damit Angela Merkel Bundeskanzlerin bleibt", ruft Seehofer ins Mikrofon. Jubel. Und Merkel lobt die gemeinsamen Bayern-Wahlauftritte mit dem CSU-Chef. "Nächste Woche sind wir zusammen in Miesbach. Miesbach, da war ich noch nie, da freu ich mich drauf", sagt Merkel.

Zur Show gehört auch, dass das Wort Pkw-Maut natürlich nicht fällt in den anderthalb gemeinsamen Stunden, weder in Seehofers Rede noch in der Ansprache der Kanzlerin. Warum auch? Der CSU-Chef hatte am Morgen schon die schriftliche Variante gewählt, um den Dissens der beiden nochmal zu unterstreichen: "Ich könnte aus Koalitionsverhandlungen ohne die Maut für Ausländer nicht nach Bayern zurückkommen. Mit einem Prüfauftrag ist das nicht getan", sagt er in einer Vorabmeldung des Spiegel. Damit stichelte der CSU-Chef erneut gegen das Machtwort, dass Kanzlerkandidat Peer Steinbrück Merkel im TV-Duell abgerungen hatte:  "Mit mir wird es keine Pkw-Maut geben."

Natürlich, es ist ein Konflikt zwischen den Schwesterparteien. Natürlich nervt Merkel der stete Widerspruch aus München. Aber sie kennt ihn eben auch, den "Horst" – weiß, dass er manchmal holzen muss und dass er nicht immer alles so meint, wie er es droht. Die "roten Linien", die Seehofer beispielsweise bei den Milliarden-Hilfen für Griechenland ausmachte, sind in den zurückliegenden Jahren unter Merkels Führung schon übertreten worden. Was nicht heißt, dass Merkel sich bei der Pkw-Maut durchsetzen wird. Aber jetzt ist erstmal Wahlkampf und da sind die beiden aufeinander angewiesen. Nächste Woche die Landtagswahl in Bayern, dann, am 22. September, das große Finale im Bund.