Dennis B. aus Detmold wollte das Auszählen der Stimmen nicht allein dem Wahlvorstand überlassen. Am Wahlsonntag um 18 Uhr ging der junge Mann im Ortsteil Pivitsheide ins Wahllokal 232. In der Hand ein aus dem Netz geladenes Formular, in das er eintrug, was er an Auszählungsergebnissen registrierte. Er machte sich quasi zu einer Art Wahlbeobachter.

B. ist augenscheinlich Anhänger der AfD. Auf seiner Facebook-Site warb er selbst um Stimmen, postete Fotos aus dem Wahlkampf und sogar einen Stimmzettel mit zwei Kreuzen für die Euro-Gegner.

Für Parteien, die so knapp an der Fünfprozenthürde scheitern wie die AfD am vergangenen Wahlsonntag, kann jede Stimme wichtig sein. Entsprechend sensibilisiert ist die Partei. 

Glaubt man B.s Darstellung, klafft in Detmold-Pivitsheide zumindest bei der SPD eine deutliche Lücke: Mit 241 Stimmen war das Endergebnis 149 Stimmen höher als von ihm notiert. "Ist es Zufall, dass Pivitsheide bzw. Detmold ein eher SPD-geprägtes Gebiet ist?", postete B.

Jede Wahl bietet selbsternannten Wahlbeobachtern, aber auch Verschwörungstheoretikern viel Raum. In Blogs und Foren bestärken sich die Skeptiker gegenseitig in ihrem Misstrauen gegen das etablierte demokratische Parteiensystem. Sie bemängeln, die Briefwahl begünstige Wahlfälschung. Sie beklagen, die Gesetzgebung habe in den vergangenen Jahren Sicherheitsschranken aufgehoben. Sie unterstellen der Presse, sie sei gelenkt, die Meinungsfreiheit sei eingeschränkt.

Wird es knapp, wird nachgezählt

In der Tat gibt es bei nahezu jeder Wahl in Bund, Ländern und Kommunen zumindest Unklarheiten bei Auszählungen und dem Zusammenführen der Teilergebnisse: 2005 etwa verschickte eine private Firma in Dortmund 50.000 Briefwahlunterlagen falsch. Die Stadt versuchte eiligst, den Fehler zu korrigieren – doch am Ende waren 10.533 Stimmen ungültig. Auch zur Wahl des vergangenen Sonntags gab es Probleme. Im Falle knapper Entscheidungen oder gravierender Pannen wird nachgezählt, teils mehrfach, bis keine Zweifel mehr bestehen.

  • Beispiel Bochum-Langendreer: Dort erklärte der Wahlvorstand 491 von 689 Zweitstimmen für ungültig, weil er sich nicht über deren Wertung einigen konnte. Wie die WAZ berichtete, führten Grüne und Linke plötzlich vor der SPD. Eine Nachzählung ergab: Nur 13 Stimmen sind ungültig, die SPD wurde stärkste Kraft. Zudem hatten in der Stadt Briefwähler Wahlscheine eines anderen Stimmbezirks zugeschickt bekommen. Die Rechtsamtsleiterin wird zitiert, die Panne sei nicht "mandatsrelevant".
  • Der Kölner Stadtanzeiger berichtete über fast 30 Briefwähler, denen der vom Rathaus beauftragte Dienstleister die Wahlunterlagen gleich doppelt zustellen ließ. Doppelt wählen konnten sie aber nicht.
  • In Waltrop ordneten die Wahlhelfer Stimmen der AfD fälschlicherweise den Republikanern zu, wie die Waltroper Zeitung berichtete.  Nach Korrektur des Fehlers kam die Partei auf 71 statt 29 Zweitstimmen – mehr als das Doppelte.
  • In einem Essener Wahlkreis wird das Ergebnis noch einmal geprüft. Die SPD-Kandidatin Petra Hinz will wissen, ob sie nicht doch als Direktkandidatin in den Bundestag kommt. Sie war ihrem CDU-Konkurrenten mit nur drei Stimmen knapp unterlegen – was durchaus innerhalb der Fehlertoleranz liegen kann. Hinzu kommt: Laut WAZ öffnete das Wahllokal eine halbe Stunde später, weil eine Mitarbeiterin angeblich verschlief. Etliche Bürger, die früh am Morgen wählen wollten, seien teils verärgert wieder abgezogen. Die Stadtverwaltung reagierte ratlos: Jedem sei es freigestellt, sich beim Wahlprüfungsausschuss des Bundestages zu beschweren, beschied man den Bürgern.
  • Wachsendes Fehlerpotenzial birgt die Briefwahl, deren Beliebtheit 2013 (2009: 21 Prozent) einen neuen Höchstwert erreicht haben dürfte. Wer sich erst kurzfristig dafür entscheidet, muss damit rechnen, dass ihn die Papiere nicht mehr rechtzeitig vor der Wahl erreichen – oder die ausgefüllten Papiere nicht bis zum Wahlabend beim zuständigen Amt zurück sind. Den Wahlschein zehn Tage vorher zu beantragen, kann zu spät sein, wie eine Wählerin aus Hamburg ZEIT ONLINE schilderte. Betroffene klagen dann über Wahlrechtseinschränkung, weil die Ämter oder die Briefdienstleister nicht mehr hinterher kommen. 
  • In Hamburg verschwanden laut einer Analyse des statistischen Landesamtes vermeintlich 103.000 Briefwahlstimmen: Von 301.884 ausgesendeten Briefwahlunterlagen seien nur 198.739 zurückgekommen. Der Fraktionschef der oppositionellen CDU in der Bürgerschaft, Dietrich Wersich, empörte sich und warnte, die fehlenden Stimmen verfälschten das Abstimmungsergebnis. Unbegründet, wie sich nun herausstellte. Eine falsch programmierte Datenbank habe einige Wahlbezirke unterschlagen, teilte das Statistikamt am Mittwoch mit und äußerte Bedauern über den Fehler. Tatsächlich hätten 268.504 Wähler von ihrem Wahlrecht per Brief Gebrauch gemacht. Die Hamburger Ergebnisse der Bundestagswahl werden sich demnach nicht mehr ändern.

Die Stimmendifferenz bei der SPD auf dem Auszählungsformular von Dennis B. hat im Rathaus Detmold einige Aufregung ausgelöst: Der Zettel soll am Donnerstag Thema im Stadtrat sein, der Bürgermeister hat eine Stellungnahme angekündigt. Stadtsprecherin Petra Schröder-Heidrich sagte, man habe sofort nach Bekanntwerden des Wahlfälschungsverdachts den Wahlleiter des Kreises Detmold-Höxter verständigt, der eine Nachzählung veranlasst habe. Dabei hätten sich aber keine Abweichungen gezeigt. "Es gibt keinen Wahlbetrug in Detmold", wies sie B.s  Vorwurf zurück.

Sie sei selbst in dem Wahllokal in Pivitsheide gewesen, sagte Schröder-Heidrich. B. habe dort möglicherweise ein von den Auszählern in den Raum geworfenes Zwischenergebnis notiert. Er habe das Wahllokal zudem vor Ende der Auszählung verlassen.