Was wurde Philipp Rösler in den vergangenen Jahren selbst aus den eigenen Reihen nicht alles vorgeworfen: Führungsschwäche, mangelndes Profil, zu wenig Durchsetzungskraft. Und ja, wenn man sich Röslers Jahre als Bundeswirtschaftsminister anschaut, bleibt nicht viel hängen. Große Reformen sind mit seinem Namen nicht verbunden.

Eine seiner ersten Amtshandlungen, nachdem er im Mai 2011 vom Gesundheits- ins Wirtschaftsressort wechselte, führt ihn nach Griechenland. Mit einer Gruppe deutscher Unternehmer im Schlepptau reist er nach Athen, um nach Investitionsmöglichkeiten für die deutsche Wirtschaft Ausschau zu halten.

In der damaligen Situation und der hitzig geführten Debatte, ob Deutschland Griechenland überhaupt helfen soll, ein richtiger Schritt. Wenn Rösler dies nicht durch seine eigene Politik konterkariert hätte. Er meutert zusammen mit den Liberalen gegen die Rettungspakete für Griechenland – seine Partei strebt 2011 sogar einen Mitgliederentscheid darüber an. Dies trägt nicht dazu bei, die Lage in Griechenland zu stabilisieren – eine wichtige Voraussetzung für ausländische Investitionen.

Rösler heizt Spekulation gegen Euro an

Halb Europa steckt in der Krise, die Währungsunion droht zu zerbrechen, aber die Expertise des Wirtschaftsministers ist kaum gefragt. In Brüssel verhandelt die Kanzlerin Merkel oder ihr Finanzminister Schäuble. Um überhaupt noch als Minister in der Krise wahrgenommen zu werden, bedient sich Rösler radikaler Mittel: Es dürfe in der Euro-Krise "keine Denkverbote" mehr geben, postuliert er in einem Gastbeitrag für Die Welt im September 2011 freimütig. Einen Austritt Griechenlands und anderer Länder aus der Währungsunion nennt er fortan durchaus möglich. Die Worte des deutschen Ministers gehen um die Welt und lassen die Spekulanten an den Finanzmärkten erst recht auf den Untergang der Euro-Zone wetten.

Eines der wichtigsten Projekte Röslers ist die Energiewende. Überzeugungstäter ist der Vizekanzler aber nicht, die Zusammenarbeit mit dem Kabinettskollegen Peter Altmaier war und ist schwierig. Rösler vertritt knallhart die Interessen der Wirtschaft – zu Lasten der Verbraucher. Großzügig räumt der Minister der deutschen Wirtschaft Ausnahmen von der Ökostromumlage ein, was den Strompreis für die privaten Haushalte in die Höhe treibt. Nun sind FDP und Union bemüht, eine Bremse für den Strompreis festzusetzen. Auch der notwendige Ausbau der Stromnetze kommt nur schleppend voran.

Zum Ende der Legislaturperiode stellt Rösler fest, dass sich mit dieser – sagen wir – durchwachsenen Bilanz kaum Wahlkampf machen lässt. Ein positives Zukunftsprojekt muss her. Rösler startet eine Internet-Kampagne, reist ins Silicon Valley und nach Tel Aviv, um dort die Berliner Start-up-Szene anzupreisen. Außerdem will Rösler nun ein neues Börsensegment für die deutsche Gründerszene ins Leben rufen, das es Ende der Neunziger schon einmal gab: den Neuen Markt. Man kann nur hoffen, dass die zweite Auflage nicht endet wie die erste.