Der SPD-Menschenrechtspolitiker Christoph Strässer hat sich laut einer Studie 1980 mit anderen Parteikollegen dafür ausgesprochen, Sexualdelikte straffrei zu stellen. Wie die Politikwissenschaftler Franz Walter und Stephan Klecha herausfanden, verantwortete Strässer in seiner Zeit als Vorsitzender der früheren FDP-Jugendorganisation Jungdemokraten (von 1977 bis 1982) eine Initiative zur Abschaffung des Sexualstrafrechts. 

Strässer gehört erst seit 1984 zur SPD. 1980 hätten die Jungdemokraten auf ihrer Bundesdelegiertenkonferenz unter anderem "keine Bestrafung der freiwilligen und einvernehmlichen Sexualität" zwischen Erwachsenen und Kindern gefordert, zitiert die Leipziger Volkszeitung die Forschungsergebnisse Walters und Klechas. 

Ähnliches wird im Wahlkampf derzeit für Grünen-Spitzenkandidat Jürgen Trittin zum Problem, weil der im Kommunalwahlkampf in Göttingen zur selben Zeit ein Programm mitverantwortete, das Sex mit Kindern straffrei stellen wollte. Die Forscher hatten schon vor Monaten aufgedeckt, dass die FDP-Politikerin Dagmar Döring in einem Aufsatz Forderungen nach Straffreiheit unterstützt hatte. Döring hatte deshalb ihre Bundestagskandidatur zurückgezogen.

Nicht im Wahlkampf missbrauchen

Strässer räumte den Vorgang gegenüber den Westfälischen Nachrichten ein: "Das Ganze liegt 33 Jahre zurück. Es war ein grober Unfug, den wir zum Glück zwei Jahre später aber korrigiert haben." Er habe den Vorschlag mittragen müssen, "weil ich der Vorsitzende war." Später habe er auf eine Korrektur der Position gedrängt: "1982 wurde die Formulierung wieder aus dem Programm genommen."

Heute, sagte er der LVZ, sei er der Auffassung, dass Missbrauch "nicht straffrei bleiben" dürfe. Der Sozialdemokrat verwies darauf, dass er sich 2013 mit der SPD-Bundestagsfraktion für die deutliche Verlängerung der Verjährungsfristen für sexuellen Missbrauch im Strafrecht und im Zivilrecht eingesetzt habe.    

Die Wissenschaftler warnten derweil davor, das Thema Pädophilie und Sexualmissbrauch im Wahlkampf zu instrumentalisieren. "Diejenigen, die jetzt anfangen, moralische Maßstäbe zu formulieren, müssen aufpassen, dass es ihnen hinterher nicht so geht wie jetzt den Grünen", sagte Klecha. CDU und CSU hätten noch vor nicht langer Zeit Vergewaltigung in der Ehe oder die Züchtigung von Kindern für nicht strafwürdig befunden. 

Teile der Union hätten zudem die Colonia Dignidad in Chile unterstützt, in der es schwerste Fälle von Folter und sexuellem Missbrauch von Kindern gegeben habe. "Man muss die Hürde, die man sich selbst legt, im Zweifel auch überspringen können." Ähnlich äußerte sich der Präsident des Deutschen Kinderhilfswerks, Thomas Krüger.

Entschädigung für Opfer verlangt

Walter selbst hält Rückzugsforderungen, wie sie gegen Trittin laut geworden waren, für unsinnig. "Ich würde allen Parteien in der Frage raten, den Mund nicht zu weit aufzumachen." Auch der unabhängige Regierungsbeauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, wandte sich gegen "populistische" Rücktrittsforderungen. 

Er verlangt aber von den Grünen, möglichen Pädophilie-Opfern Entschädigung und Unterstützung anzubieten. "Die Grünen stehen fest in der Verantwortung, den Opfern angemessene Anerkennung und Hilfen zukommen zu lassen", sagte er der Passauer Neuen Presse. "Ich erwarte, dass mögliche Opfer durch geschulte Fachkräfte angehört werden."

Kinderhilfswerk-Chef Krüger sagte, die Grünen seien heute über jeden Zweifel erhaben und hätten sich von den früheren Positionen eindeutig distanziert. Sie hätten sich allerdings "zu spät einer notwendigen Aufklärung ihres Verhaltens und ihrer Programmatik in den frühen Jahren der Parteigründung gestellt", sagte der frühere SPD-Politiker.