ZEIT ONLINE: Das große Taktieren und Buhlen hat begonnen: CSU-Chef Seehofer schließt Schwarz-Grün aus, Unionsfraktionschef Kauder wirbt um die SPD, aber Sigmar Gabriel lässt Angela Merkel warten. Wieso dauert es so lange, bis die Parteien zusammenkommen?

Stauss: Weil es nicht nur darum geht, was jetzt passiert, sondern auch darum, die Weichen für die Wahl 2017 zu stellen. Der Wahlkampf hat bereits wieder begonnen: Die SPD bereitet mit den Koalitionsgesprächen ihren nächsten Kanzlerkandidaten vor, die CDU legt den Grundstein für die Nachfolge von Angela Merkel und die Grünen entscheiden über die Verrentung der Trittin-Generation.

ZEIT ONLINE: Wieso ist 2017 jetzt schon so wichtig?

Stauss: SPD und Grüne haben gelernt, dass es wichtig ist, schon vor Koalitionsverhandlungen die wichtigen Pflöcke einzuschlagen und nicht erst im Nachhinein zu reagieren. Wenn die SPD eine Große Koalition eingeht, muss sie den Preis extrem hoch treiben, damit selbst ihre jetzt noch skeptischen Mitglieder nicht ausschlagen können. 

ZEIT ONLINE: Die SPD ist in einer ziemlich komfortablen Lage. Sie kann gegenüber der CDU hoch pokern. Worauf wird sie setzen?

Stauss: Sie muss dafür sorgen, dass die Union einige heilige Kühe schlachtet. Wenn sie nur mit dem Mindestlohn kommt, fängt die Union an zu gähnen. Den wollen viele aus der Union selbst. Die SPD wird deshalb an die heiklen Themen gehen: Betreuungsgeld, Gleichstellung von Homosexuellen und doppelte Staatsbürgerschaft. Sie darf nicht nur als das klassische Sozialkorrektiv auftreten, sondern muss spürbare Konflikte aufbrechen, um sich für 2017 auch als moderne Kraft in Stellung zu bringen.

ZEIT ONLINE: Wird es der SPD auch darum gehen, Signale an die Linkspartei zu senden und auf eine mögliche rot-rot-grüne Koalition 2017 einzustimmen?

Stauss: Sicherlich werden in den Koalitionsgesprächen mit der CDU/CSU auch Punkte verhandelt werden, in denen sich SPD und Linke überschneiden, zum Beispiel ein neues Mietrecht. Ich würde das aber nicht als Signal an die Linkspartei interpretieren, sondern erst einmal an den eigenen linken Flügel.

ZEIT ONLINE: Wie wird  die CDU in die Koalitionsverhandlungen gehen?

Stauss: In der Union hätten einige lieber weniger CDU-Stimmen, dafür mehr FDP-Stimmen gehabt. Für die Kanzlerin war das ihr erster wirklicher Wahlsieg. Sie steht nun auf dem Zenit. Das bedeutet aber auch, dass es jetzt nur noch bergab geht. Das ist der Anfang von Merkels Ende.

ZEIT ONLINE: Sie meinen, das wird Merkels letzte Amtszeit sein?

Stauss: Merkel hat alles erreicht, was sie erreichen wollte. Sie muss ihrem Erfolg nicht noch eins draufsetzen. Außerdem hat sie kein erkennbares politisches Projekt, wie Kohl die deutsche Einheit, das sie noch zu Ende bringen möchte.