Das "SZ-Magazin" mit Fotos von Peer Steinbrück © Alfred Steffen/Süddeutsche Zeitung Magazin/ZEITONLINE

Betrachtet man die Äußerungen aus der Politik und die Analysen der Medien, hat sich Peer Steinbrück mit dem Titelfoto des SZ-Magazins keinen guten Dienst getan. In Betrachtung der Stinkefinger-Geste des SPD-Kanzlerkandidaten zweifeln Kommentatoren an dessen Einschätzungsvermögen, die politischen Gegner nutzen die Steilvorlage genüsslich aus und erklären Steinbrück für gescheitert.

Im beliebten Ohne-Worte-Interview des Magazins, in dem spielerisch mit Gestik und Mimik geantwortet wird, sollte der 66-Jährige auf folgende Frage reagieren: "Pannen-Peer, Problem-Peer, Peerlusconi – um nette Spitznamen müssen Sie sich keine Sorgen machen, oder?". Steinbrück verfinsterte den Blick und ließ sich mit leicht geöffnetem Mund, verschränkten Armen und ausgestrecktem Mittelfinger der linken Hand ablichten. Steinbrücks Sprecher war das Foto laut SZ Magazin zu riskant, Steinbrück wischte die Bedenken betreffs der öffentlichen Wirkung beiseite. Die Magazinredaktion brachte das Bild auf den Titel.

Zu einem Zeitpunkt, als Steinbrück in Umfragen an Sympathie zulegte, die Häme über ihn und seinen pannenreichen Wahlkampf abnahm, sehen Kommentatoren darin ein folgenreiches Eigentor, wie eine Bilanz der Reaktionen zeigt: 

"Dass aber ein Mann seiner Intelligenz, der Bundeskanzler werden will, dumm genug ist, eben dieses Foto eine Woche vor der Bundestagswahl zur Drucklegung und Hunderttausendfachen Vervielfältigung in einem Magazin freizugeben, ist schlicht unbegreiflich", kommentiert Eva Quadbeck von der Rheinischen Post. "So ein Foto wird ein Spitzenpolitiker im Leben nicht mehr los." Bei jeder politischen Krise, beim kleinsten Fehltritt im In- wie im Ausland würde ein Kanzler Steinbrück dieses Bild in den Zeitungen sehen. "So weit wird es wohl nicht kommen. Mit dem Foto dürfte er die feine Rückenwind-Brise der vergangenen Wochen zunichte gemacht haben."

Parallele zu Effenberg

Der Tagesspiegel machte das Foto zum Aufmacherthema der Druckausgabe. Chefredakteur Lorenz Maroldt ist überzeugt, dass Steinbrück das Foto hätte besser ungedruckt verschwinden lassen müssen: Im Leitartikel fragt er sich, ob Steinbrück wirklich Emotionen gezeigt habe, wie SPD-Chef Sigmar Gabriel meinte, oder sie nur spielte. "So wird der Finger zum Fragezeichen, der Kandidat zum Rätsel, macht sich der Kanzler unmöglich."

Auch für Georg Ismar von der Nachrichtenagentur dpa hat sich Steinbrück keinen Dienst erwiesen. Er zieht eine Parallele zum Rauswurf eines Fußball-Nationalspielers nach der von Steinbrück gezeigten Geste: "Bisher ist der 'Stinkefinger' von Stefan Effenberg Richtung deutsche Fans bei der Fußball-WM 1994 besonders in Erinnerung – Steinbrück spielt nun in dieser Liga mit."

Juliane Leopold kommentiert auf ZEIT ONLINE, Steinbrück bestätige das Bild vom arroganten Macker. Das koste ihn vor allem unter Frauen Zustimmung. "Mögen sein Titelfoto all jene gut finden, die seine herbe Art ohnehin schätzen. Doch verprellt es die, die nicht von einem unsensiblen, hemdsärmligen Macho regiert werden wollen. Das war ein Eigentor." Lenz Jacobsen entgegnet ihr, all jene, die nun beleidigt nach Luft schnappen, machten im Grunde nur deutlich, dass sie nicht von Politikern gestört werden wollen. Doch dem Kandidaten könne die Geste durchaus noch nützen: "Es gibt durchaus eine Stimmung in der Bevölkerung, die den medialen Umgang mit Steinbrück für unangemessen hält. Wenn er Glück hat, ist der Stinkefinger ein populistischer Volltreffer."

Kaugummifaden aus dem Mund

Wie oft nach diskussionswürdigem Verhalten von Politikern, griffen Netznutzer die Vorlage Tausendfach auf. Ein Blog zeigt unter dem Motto "Wo Peer seine Finger drin hat" Fotomontagen: Steinbrück mit aufgespießter Bratwurst, oder wie er einen  Kaugummifaden aus dem geöffneten Mund zieht.

Das Bild auf dem Magazintitel ist zweifelsfrei ironisch gemeint. Für den politischen Gegner ist es dennoch ein willkommener Anlass, an Steinbrücks Qualitäten zu zweifeln: "Die Geste verbietet sich als Kanzlerkandidat. So etwas geht nicht", schrieb FDP-Chef Philipp Rösler. Sein Parteikollege, der Gesundheitsminister Daniel Bahr, ergänzte: "Das kann doch wohl nicht der Stil eines Bundeskanzlers sein."

CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn sagt der Rheinischen Post: "Erst die Kavallerie, dann die Clowns, jetzt der Stinkefinger. Da verwechselt jemand das Kanzleramt mit dem Kasperletheater. Peinlich, peinlich, peinlich."

Hat die Republik Humor?

Auch die Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt ging auf Distanz: "Meine Form wäre das nicht", sagte sie MDR Info. Linken-Chef Bernd Riexinger sieht in der Geste gar das "offizielle Ende der Kanzlerkandidatur von Peer Steinbrück". Franz Müntefering habe die Wähler erst nach der Wahl beschimpft, "Steinbrück macht es schon vorher", sagte er der Mitteldeutschen Zeitung.

Steinbrück verteidigte sich selbst: "Klartext braucht nicht immer Worte. Zum Beispiel wenn man ständig auf olle Kamellen, statt auf wirklich wichtige Fragen angesprochen wird", ließ er twittern. Er hoffe, dass die Republik den Humor hat, die gezeigten Grimassen und die Gebärdensprache richtig zu verstehen, sagte er am Rande einer Wahlkampfveranstaltung. SPD-Parteichef Gabriel nahm den Kanzlerkandidaten in Schutz: "Peer Steinbrück hat in einem ironischen Foto-Interview auf ironische Art Emotionen gezeigt."